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Döbeln Annerose Stiller schenkt nochmal ein: Treffs auf den Dörfern vor dem Aus
Region Döbeln Annerose Stiller schenkt nochmal ein: Treffs auf den Dörfern vor dem Aus
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09:55 29.07.2016
Noch ein Tässchen Kaffee gefällig? Wie es ab Herbst mit den Seniorenteffs auf den Dörfern weiter geht, steht in den Sternen. Quelle: Sven Bartsch
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Leisnig/Wiesenthal

Annerose Stiller, die seit rund acht Jahren die monatlichen Seniorentreffs für die Ortsteile rund um Bockelwitz organisiert, geht in den Ruhestand. Für den 27. August lädt sie alle ihre Senioren zum letzten Mal ein, in die Kulturscheune von Börtewitz. Das Kulturprogramm ist schon gebucht.

In einer der Spielrunden im Dorfgemeinschaftsraum Wiesenthal ist nach dem Kaffee Rommé angesagt. Die Kartenspieler schauen konzentriert in ihre Blätter. Am Tisch nebenan rollen die Würfel beim Mensch-ärgere-dich-nicht. Die Damen necken sich gegenseitig: Gleich wird ein Spielmännchen rausgeworfen.

Das Thema ist schnell angeschnitten: Es wäre schlimm, wenn das Seniorencafé wegfiele. Bis nach Leisnig zu fahren in die Begegnungsstätte, komme nicht in Frage: „Wir fahren nicht Auto. Und versuchen Sie mal, mit dem Bus nach Leisnig zu gelangen. Hin, das geht noch. Aber abends zurück – keine Chance!“, sagt eine der Damen entrüstet. So hoffen sie, dass es nach Annerose Stillers Renteneintritt weiter geht.

Kommentar: Senioren bleiben auf der Strecke

Um die Senioren muss sich eine Kommune kümmern. Das wird gern betont, wenn Stadtoberhäupter zu Senioren zum Gespräch eingeladen sind. In Leisnig unterhält die Kommune sogar in einem kommunalen Gebäude eine Begegnungsstätte an der Rosa-Luxemburg-Straße, wo sich unter anderem die betagten Damen und Herren zum Kartenspielen treffen – ein klares Bekenntnis, dass sich Kommune sich um ihre älteren Bewohner sorgt. Wenn mit dem Eintritt von Annerose Stiller ins Rentenalter eine wichtige personelle Säule der Seniorenbetreuung in den ländlichen Ortsteilen der früheren Gemeinde Bockelwitz, heute Stadt Leisnig, wegbricht, ist es ein weiteres Indiz, dass mit der Eingemeindung der Landkommune die dortigen Bürger einbüßen. Die Begegnungsstätte in Leisnig steht erst einmal nicht zur Debatte. Doch wenn eine personelle Nachbesetzung ausbleibt, wird sich das Angebot logischerweise auf Leisnig beschränken, die Senioren auf dem Land müssen dann auf ihre monatlichen Treffs verzichten. Aus kommunaler Sicht, bei knapper Finanzlage, mag das nachvollziehbar erscheinen: Die aus der Seniorenbetreuung aus Altersgründen ausscheidende Mitarbeiterin wird nicht ersetzt, somit kann die Kommune Personalkosten sparen. Konsolidierung hin oder her: Im Sinne einer nachhaltigen Eingemeindungspolitik, welche die Belange der eingemeindeten Dörfer berücksichtigt, ist das nicht. Die erste Institution der Sparliste, von der sich Leisnig trennte, war die Schul- und Sozialküche Sitten. Diese wird privat betrieben, damit das Angebot erhalten bleibt. Wo wirtschaftlich hart kalkuliert werden muss, funktioniert das nicht – zum Beispiel in der Seniorenbetreuung.

Da könne der Bürgermeister zeigen, ob er für die Senioren auf den Dörfern etwas übrig hat. Tobias Goth (CDU) hat die Thematik durchaus auf dem Schirm. Momentan sind zwei Arbeitskräfte für die Seniorenbetreuung bei der Stadt beschäftigt, neben Annerose Stiller, die schwerpunktmäßig die monatlichen Veranstaltungen und Ausfahrten für die Dörfer organisiert, noch Silke Kluge, die in der Begegnungsstätte in der Rosa-Luxemburg-Straße die Zusammenkünfte für die Leisniger vorbereitet. Glücklich ist Goth bei der Aussage nicht, wenn er sagt: „Es ist eine Freiwilligkeitsleistung der Kommune.“ Beide Stellen stünden auf dem Prüfstand.

Wenn die in diesem Jahr gegründete Arbeitsgruppe Haushaltskonsolidierung erneut zusammen tritt, werde auch über die Möglichkeiten der personellen Betreuung der Seniorentreffs gesprochen, „ja, zuerst über Frau Stiller, weil sie eher in Ruhestand geht als Frau Kluge.“ Die Finanzierungs-Problematik sei für Leisnig jedoch die selbe: „Finanzielle Kapazitäten hat die Stadt dafür nicht frei.“

Was für die Senioren aus den Dörfern auf dem Spiel steht, fasst eine der Damen in ganz klare Worte: „Dann haben wir hier gar nichts mehr. Großer Mist ist das.“ Der Raum unterm Dach im Dorfgemeinschaftshaus Wiesenthal mit seinen hellen Wänden und schönen Balken hat dann eine Nutzung weniger, kann aber weiter für private Aktivitäten gemietet werden. Dieses Jahr, so verspricht Annerose Stiller, stelle sie noch die Adventsausfahrt für ihre Senioren auf die Beine. Alles sei vorbereitet und bestellt. Es geht an die Talsperre Pirk. Und für alle zusammen gibt sie in der Kulturscheune am 27. August 14.30 Uhr ihre Abschiedsfeier, erzählt sie, während sie für das Abendbrot die frisch geschnittenen Gurkenscheiben auf die Teller drapiert. Die Meisten wünschen sich ein paar Wiener. Auch diese gibt es zum letzten Mal.

Von Steffi Robak

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