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Asylbewerber und Stadträte treffen sich in Roßwein

Ratssitzung im Flüchtlings-Klassenzimmer Asylbewerber und Stadträte treffen sich in Roßwein

Einmal im Monat treffen sich die Stadträte donnerstags um 17.30 Uhr zur Sitzung – üblicherweise im großen Rathaussaal. Am vergangenen Donnerstag war das anders: Bürgermeister Veit Lindner hatte für den ersten Punkt der Tagesordnung zur Besichtigung ins Haus B der früheren Fakultät Soziale Arbeit der Roßweiner Mittweidaer Hochschule geladen.

Seltenes Bild: Statt im Rathaus traf Bürgermeister Veit Lindner die Stadträte zunächst im Unterrichtsraum der Flüchtlingsunterkunft auf dem ehemaligen Hochschulgelände.

Quelle: Sebastian Fink

Roßwein. Einmal im Monat treffen sich die Stadträte donnerstags um 17.30 Uhr zur Sitzung – üblicherweise im großen Rathaussaal. Jetzt war das anders: Bürgermeister Veit Lindner hatte für den ersten Punkt der Tagesordnung zur Besichtigung ins Haus B der früheren Fakultät Soziale Arbeit der Roßweiner Mittweidaer Hochschule geladen. Treffpunkt war die ehemalige Mensa, die heute als Klassenzimmer für den Deutschunterricht der Asylbewerber der Stadt dient. Hier warteten bereits rund zwei Dutzend Flüchtlinge, wobei zunächst deren Kinder im Mittelpunkt standen. Um sich für die Roßweiner Gastfreundlichkeit zu bedanken, schenkten sie Stadträten und Besuchern selbst gemalte Bilder, die auch ihre fortschreitenden Deutschkenntnisse dokumentierten. „Wir sind froh hier zu sein – Danke“ oder „Danke Roßwein“ stand da immer wieder zu lesen.

„Dieser Raum ist der Dreh- und Angelpunkt unserer Arbeit bisher“, sagte Sophie Spitzner, eine der Mitbegründerinnen des Bündnisses „Willkommen in Roßwein“, das den Räten und anderen Besuchern aus der Stadt seine Arbeit vorstellte. Wichtigste Aufgabe bis dato: Integration durch Sprache. Vier Lehrer sind mittlerweile für das Bündnis aktiv. Fünf Kurse mit je einer Stunde Unterricht pro Woche werden angeboten, zwei weitere Lehrer stehen bereits in den Startlöchern, so Spitzner. Neben der Stadtverwaltung haben auch viele Bürger und andere Institutionen zum bisherigen Erfolg der Bündnisarbeit beigetragen. „Die evangelische Landeskirche hat uns Geld für ein mobiles Klassenzimmer gespendet. Davon konnten wir Pinnwände und Tafeln besorgen“, freute sich Spitzner.

Dennoch ist das Bündnis weiterhin auf Hilfe angewiesen, zumal angesichts der noch am selben Abend eingetroffenen 42 neuen Asylbewerber in Roßwein (die DAZ berichtete) größere Anstrengungen notwendig werden. „Unsere Arbeit soll auf professionellere Füße gestellt werden. Darum haben wir bei der Integrativen Förderhilfe eine 20-Stunden-Stelle für die Betreuung hier beantragt“, erklärte Spitzner. Insgesamt leben nun 140 Flüchtlinge in der Stadt.

Eine der ehrenamtlichen Lehrerinnen, Ute Rimpler, brachte die Bedeutung der Bündnis-Arbeit für die Integration der Asylbewerber auf den Punkt: „Ich habe keine Zweifel, dass 85 Prozent meiner Schüler geistig gute Menschen werden, die fähig sind, sich zu integrieren.“ Mit Blick auf das Gegenbündnis „Roßwein wehrt sich“ fügte sie an: „Und sie werden materiell einmal sehr viel besser dastehen, als das Klientel von Herrn Tamke.“ Disziplin habe die 67-Jährige ihren inzwischen 28 Schülern bereits beigebracht. „Ich habe zuerst darauf bestanden, dass der Unterricht immer um 15 Uhr beginnt. Das klappt zu 95 Prozent“, meinte sie augenzwinkernd. Außerdem seien Kinder und Handys während des Erwachsenen-Unterrichts verboten.

Die kleinen und großen Flüchtlinge nutzen den Raum außerhalb des Unterrichts als Begegnungsstätte zum Spielen – sei es in der Kinderecke oder am Billardtisch, der gespendet wurde. „Wenn hier Licht brennt, sind sofort Bewohner hier, die kommen auch aus Haus M hier herüber“, hob auch Bürgermeister Veit Lindner die Bedeutung des Raums als Anlaufstelle hervor. Er wies zudem darauf hin, dass die Arbeit für und mit den Aslybewerbern für lange Zeit unumgänglich sei. „Das Asylproblem ist kein Schnupfen, den wir in drei oder vier Jahren überwunden haben. Das wird uns mindestens die nächsten fünf bis zehn Jahre beschäftigen“, meinte er.

Hilfe erhoffen sich die Bündnis-Mitglieder von weiteren Stadträten, die neben Uwe Hachmann, Steffen Thiele (beide SPD), Hubert Paßehr, Jens Zschiesche (beide CDU) und Peter Krause (Die Linke) und anderen mitarbeiten. Hachmann äußerte deutliche Kritik daran, dass nur etwa die Hälfte der Stadträte der Einladung ins Haus B gefolgt waren. „Gerade die CDU sollte christlich sein und Empathie zeigen. Von der Seite ist mir das deutlich zu wenig“, sagte er.

Eine Gegenkritik gab es aber nicht von der CDU, sondern aus der Fraktion der Linken. Erwin Weist, selbst beim Treffen im Haus B vor Ort, sagte in der anschließend im Ratssaal fortgesetzten Sitzung: „Ich fühle mich von der Einladung etwas verschaukelt. Wenn hier Besichtigung Haus B drauf steht, erwarte ich nicht, in eine Versammlung des Bündnisses zu kommen. Dann will ich auch das Gebäude sehen. Sonst müsst ihr es in der Einladung anders draufschreiben“, meinte er.

Die Zerrissenheit der Stadt in der Flüchtlingsfrage machte der Bündnis-Mitarbeiter und frühere Hochschul-Professor Matthias Pfüller wie folgt fest: „Ich habe den Eindruck, in der Stadt sind 15 Prozent dafür, 15 Prozent dagegen und die restlichen 70 Prozent stehen dabei wie beim Tennis und schauen hin und her, wie es ausgeht.“ Einig war man sich darüber, dass Roßwein auch durch die vereinte Arbeit von Stadt, Privatpersonen und Bündnis bisher vergleichsweise ohne größere Konflikte zwischen Anwohnern und Asylbewerbern gekommen und damit ein positives Beispiel für den Umgang mit ihnen in Sachsen sei.

Von Sebastian Fink

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