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Döbeln Aus dem Gerichtssaal ins Cockpit
Region Döbeln Aus dem Gerichtssaal ins Cockpit
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17:03 09.08.2013
Richter René Stitterich mit einer von den zahlreichen Akten, die die Gerichtsfusion ans Döbelner Amtsgericht gespült hat. Quelle: gerhard dörner

Ein metallenes Modell des Focker-Dreideckers des "Roten Barons" kündet im Büro-Regal von der Flugleidenschaft des Juristen. In der Woche verhandelt René Stitterich Strafverfahren am Amtsgericht Döbeln. Am Wochenende hebt der Richter ab, denn er ist leidenschaftlicher Sportflieger. Zudem lehrt er den Segelflug.

"Ich schraube gern an der Technik rum", sagt René Stitterich. Nicht an irgendwelcher Technik, sondern an Flugzeugtechnik. Der 57-Jährige sitzt aber auch selbst im Cockpit am Steuerknüppel. Wenn er selbst steuert, dann seine einmotorige Tecnom P 92 - ein robustes Flugzeug, das aussieht, wie eine leicht geschrumpfte Cesna. Als beim vorletzten Jahrhunderthochwasser vor elf Jahren der Riesaer Flugplatz unter Wasser stand, reichte das Wasser bis an die Tragflächen. "Jetzt habe ich den Flieger zum zweiten Mal abbezahlt", sagt René Stitterich.

In seinem Amtszimmer bewahrt er die abgesoffenen und nun leider funk-tionsuntüchtigen Instrumente aus dem Cockpit als Andenken auf: den Höhenmesser, das Variometer, das die Steig- und Sinkgeschwindigkeit in Fuß pro Sekunde angibt und die russische Fluguhr. "Die hat ein Schweizer Uhrwerk und ging sehr genau", sagt René Stitterich, der den Verlust dieses robusten und präzisen Chronometers bedauert.

In seinem Dienstzimmer im Döbelner Amtsgericht illustriert noch vieles mehr die Leidenschaft des Richters: Das Modell des Focker-Dreideckers der Fliegerlegende aus dem Ersten Weltkrieg, Manfred von Richthofen. Die Fotos an der Wand zeigen eine Transall-Transportmaschine der Bundeswehr und natürlich das Schätzchen René Stitterichs: die Tecnom P92.

Nüchtern sieht dagegen der Schreibtisch aus. Aktenberge bedecken diese. Die Fusion der Amtsgerichte Hainichen und Döbeln hat diese offenen Strafverfahren auf René Stitterichs Tisch gespült. Sukzessive arbeitet er diesen Berg nun ab. "Mein Credo ist: Treffen mit dem ersten Schuss", sagt Richter Stitterich. Das bedeutet, so genau und effektiv zu arbeiten, dass die Urteile auch in höheren Instanzen Bestand haben. René Stitterich arbeitet gerne als Strafrichter. Das ist ein Grund, weshalb er sich ans Döbelner Gericht zurückversetzen ließ. Denn am Amtsgericht Oschatz - das mit dem in Torgau fusionierte - wäre es auf Dauer nicht möglich gewesen, weiter Strafverfahren zu führen. Die Strafgeschäftsstelle kam nämlich nach Torgau. "Mir hätte zudem eine Protokollantin gefehlt", sagt René Stitterich. Die Richterstelle in Oschatz bedeutete außerdem: viel Fahrerei. Denn René Stitterich arbeitete auch als Betreuungsrichter, musste durch den ganzen Landkreis Nordsachsen zu den Anhörungen fahren. "Ich war ein Jurist auf Rädern, habe in drei Monaten mit dem Dienstwagen 4000 Kilometer zurückgelegt." Hauptgrund für die Rückkehr aber war: "Ich wollte weiter Strafrecht machen." Das tat Richter Stitterich bereits von 1989 bis 1994. Einige Kollegen kennt er noch aus dieser Zeit. "Außerdem ist das Betriebsklima am Amtsgericht Döbeln hervorragend", nennt er einen weiteren Grund für den Wechsel. Zu der Juristerei kam René Stitterich auf Umwegen.

Zunächst studierte er Kfz-Technik, sattelte dann kurz vor Ende dieses Studiums aus gesundheitlichen Gründen auf Jura um und absolvierte das Studium zum Diplom-Juristen an der Humboldt-Universität Berlin. In der DDR-Zeit arbeitete René Stitterich als Zivil- und Familienrichter. "Ich habe 2500 Ehen geschieden", sagt er über die Zeit.

Heute verurteilt er die Angeklagten wegen kleinerer und mittlerer Vergehen wie Diebstahl, Betrug und Körperverletzung zu Geld- oder Freiheitsstrafen. Oder spricht diese frei. "Ich sehe das sportlich. Wenn die Beweise nicht ausreichen, muss ich freisprechen. Dann sage ich im Geiste zum Angeklagten: Heute hast Du gewonnen."

Den Arbeitsalltag und die Aktenberge lässt René Stitterich am Wochenende in Döbeln zurück. "Dann bin ich nämlich auf dem Flugplatz zu bewundern." Wundern dürften sich Flugplatzbesucher, die einen Mann im weißen Hemd sehen, der in dieser eigentlich unpassenden Kleidung Flugzeugmotoren und andere Technik repariert. "Ich trage dabei meine alten Arbeitshemden", sagt René Stitterich. Die Kleiderordnung schreibt nämlich vor, dass Richter in Sachsen in ihren Verhandlungen weiße Hemden unter der Robe zu tragen haben. Die Fliegerei begleitet René Stitterich seit 1969.

Trotz dieses zeitintensiven Hobbys hat er aber auch noch eine Familie. Seine Frau ist ebenfalls Juristin und hat eine Notar-Kanzlei in Döbeln. Eines seiner mittlerweile erwachsenen Kinder wuchs auf dem Flugplatz auf. Der Sohn steuert mittlerweile selbst Flugzeuge. "Man kennt mich nicht anders", antwortet René Stitterich auf die Frage, was die Familie zur Fliegerei sagt.

Die Flieger hatten bis vor Kurzem mit sehr bodennahen Problemen zu kämpfen. Das Gras wuchs den Piloten des Oschatzer Fliegerclubs quasi über den Kopf, denn das Rollfeld ist eine große Wiese, einen Kilometer lang, fast einen halben Kilometer breit. Da braucht es einen Traktor mit Mähwerk, um das Gras kurz zu halten. "Seit kurzen haben wir einen ZT 300. Unser Belarus hatte den Geist aufgeben", sagt Richter Stitterich. Der ZT wird ihm wohl ein weiteres Betätigungsfeld liefern, denn auch diese Technik braucht jemanden, der gern und fachkundig an ihr herumschraubt. Dirk Wurzel

Dirk Wurzel

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