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Döbeln Behörde bleibt hart: Keine Katzen für Iraker
Region Döbeln Behörde bleibt hart: Keine Katzen für Iraker
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21:41 11.07.2018
Bitte komm heim... Die tragische Trennung von Katze und Mensch lenkt die Aufmerksamkeit auf das Schicksal einer irakischen Asylbewerber-Familie. Quelle: Sven Bartsch
Leisnig

Es geht um vier Menschen: Mutter Hiba, Vater Estrabraq, die neunjährige Tochter Sarah und den achtjährigen Sohn Ali. Für die vier Menschen ist es das Wichtigste, bei ihren zwei Katzen zu sein. Dafür begeben sie sich fast jeden Tag zu ihnen in den Katzenzwinger im Tierheim Leisnig. Weil die Katzen bei ihnen zu Hause nicht mehr sein dürfen.

Heile Welt im Katzenzwinger

Am Mittwoch streicheln die Mutter und die zwei Kinder liebevoll ihre im Tierheim am Eichberg untergebrachten Katzen. Der Papa besucht einen Deutschkurs. Von außen erscheint die Situation im Käfig befremdlich. Vor allem, weil darin alles so friedlich erscheint, wie eine heile Welt. Wer wissen möchte, warum dies so ist, muss mit in den Käfig. Die Tür kann nur von innen aufgeriegelt werden. Im Katzenhaus ist die Familie für sich, zusammen mit dem Katzen. In dem Moment bestimmt die Familie, wer ihr nahe kommen darf.

Landkreis als Mieter und entscheidet

Das ist ein Stück Selbstbestimmung, die der Familie seit drei Jahren nicht zugestanden wird – in ihrer Wohnung in Leisnig dürfen sie ihre zwei Katzen Noshe und Chico nicht halten. Weil es nicht ihre Wohnung ist, sie nicht selbst Mieter sind, dürfen sie nicht bestimmen, wie sie leben oder ob die Haustiere halten dürfen. Die Familie aus dem Irak ist asylsuchend. Der Landkreis Mittelsachsen mietet für Asylsuchende über eine Tochterfirma die Wohnungen an, in denen sie Asylbewerber unterbringt.

Haustiere generell nicht gestattet

Aus dem Landratsamt lautet die Antwort auf die Presseanfrage, generell sei es in den Unterkünften des Landkreises nicht gestattet, Haustiere unterzubringen. „Dies ist eine grundsätzliche Haltung und gilt bei allen Einrichtungen die seitens des Landkreises für die vorübergehende Unterbringung von Asylsuchenden vorgehalten werden, auch in Freiberg.“

Wohnung nur Durchgangsunterkunft

Als Grund wird angeführt, dass dieser von privaten Eigentümern angemietete Wohnraum zeitlich befristet zugewiesen wird. Der Wohnraum werde teils sehr kurzfristig wieder anderen Menschen als Unterkunft angeboten. Letztlich bedeutet das: Die vom Landkreis angemieteten Wohnungen sind Durchgangsunterkünfte. Es kann sein, dass die Bewohner bald wieder ausziehen müssen – mit welchem Ziel auch immer.

Für geringen Renovierungsaufwand

Der Landkreis will sich offenbar den Renovierungsaufwand sparen beziehungsweise möglichst gering halten, indem die Wohnungen möglichst kaum abgewohnt werden. In der Pressemitteilung heißt es weiter: „Flüchtlinge können dann über das Halten von Haustieren eigenverantwortlich entscheiden, wenn sie selbst eigene Mietverträge abschließen.“ In dem Status befindet sich die Familie Alogaili noch nicht und muss die Katzen abgeben.

Linken-Politikerin: „Behördenirrsinn“

Die tierschutzpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke im Sächsischen Landtag, Susanne Schaper, bezeichnet das als Behördenirrsinn, der in Sachsen keine Grenzen zu kennen scheint. „Obwohl die Rechtsprechung in Deutschland Katzen als Kleintiere bewertet, deren Haltung in einer Wohnung nicht pauschal verboten werden kann, untersagt die Ausländerbehörde es der Familie, ihre Katzen in der Wohnung zu halten. Statt froh darüber zu sein, dass sich die Familie liebevoll und fürsorglich um die Tiere kümmert, führt das Verhalten der Behörde dazu, dass die Tiere im Tierheim auf Kosten der Gesamtgesellschaft versorgt werden und unnötig leiden müssen. Ein solches Vorgehen ist nicht hinnehmbar – weder für die Betroffenen noch für die Tierheime in Sachsen, die unter steter Geldnot leiden. Paragraf 1 des Tierschutzgesetzes besagt, niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schaden zufügen. Die Ausländerbehörde verstößt klar dagegen.“

Bei jedem Katzenbesuch fließen Tränen

Auch für Tierheimleiterin Rosi Pfumfel ist das ein unhaltbarer Zustand, denn sie weiß, dass die Trennung der Katzen von der Familie der Mutter seelisch offenbar schwer zusetzt. Während die Kinder das scheinbar gut aushalten, fließen bei der Mama bei jedem der fast täglichen Katzenbesuche und auch jetzt wieder die auch sonst nur mühsam zurück gehaltenen Tränen.

Ausgesprochen gepflegte Stubentiger

Ihre Finger lässt sie durch das grau gestromte Fell von Katze Noshe gleiten. In ihrer Handtasche hat sie etwas Babypuder dabei. Wird beim Streicheln ein wenig davon im Fell verteilt, würden die Katzen nicht riechen, erklärt Tochter Sarah. Zu Hause würden sie die Katzen kämmen, damit in der Wohnung keine Haare liegen. Die beiden Vierbeiner sind ausgesprochene Stubentiger. Sie leben nur innerhalb der Wohnung, gehen hinaus nur auf die eingezäunte Terrasse.

Fotos aus glücklichen Tagen

In der Wohnung in Freiberg hatten sie einen Kratzbaum und Spielzeug. Mutter Hiba zeigt auf ihrem Handy Fotos aus glücklichen Tagen: Chico, auf dem Rücken liegend auf der Couch ausgestreckt und Noshe mit ihrem Lieblingsplüschtier, einem riesigen rosafarbenen Teddy. Dann die beiden Graugestromten symmetrisch in Herzform aneinandergekuschelt. Sie scrollt durch unzählige Katzenbilder.

Ungetrübte Familienerinnerungen

Plötzlich lacht die gerade noch in Tränen aufgelöste Frau herzlich, versucht mit den wenigen ihr zur Verfügung stehenden deutschen Worten etwas zu erzählen und die Kinder helfen ihr dabei. Das tut dann erst recht weh, denn es zeigt, welche große Bedeutung die Tiere haben: Sie verkörpern ungetrübte Familienerinnerungen.

Tiere magern sichtlich ab

Im Tierheim Leisnig, wo die Familie ihre Tiere nun abgeben musste, sind diese gut aufgehoben. Doch sie magern zusehends ab, stellt Tierheimleiterin Rosi Pfumfel fest: „Die Tiere fressen nur, wenn ihre Familie da ist.“ Sie würden sichtlich unter der Trennung leiden. Auch der Familienvater, so weiß Rosi Pfumfel, bittet immer wieder inständig, dass sie die Katzen mit nach Hause nehmen können – er kennt die seelischen Sorgen seiner Frau. „Manchmal erzählt er etwas, aber nur wenig. Die Familie ist sehr zurückhaltend. Und sie haben ja auch Probleme mit ihrer Situation. Dort kommt gerade vieles zusammen, der Verlust der Tier macht einen Teil der bedrückten Stimmung aus.“

Ein Krankenpfleger und eine Bäckerin

Schwerwiegender noch ist die Angst vor der Abschiebung. Seit drei Jahren ist die Familie in Deutschland. Gekommen sind sie übers Meer, aus einer Stadt in der Nähe von Bagdad. Der 40-jährige Vater ist Krankenpfleger, fuhr als Rettungssanitäter im Krankenwagen, arbeitete zuletzt in einer Druckerei. Die 37-jährige Mutter ist Bäckerin. Doch wovor floh die Familie aus dem Irak?

Irakkrieg und was davon blieb

Der jüngste Irakkrieg – erinnert sich noch wer? – wurde von den USA und ihren Verbündeten vom Zaun gebrochen nach dem Vorwurf, Präsident Saddam Hussein verfüge über Massenvernichtungswaffen. Bestätigt hat sich das nie. Die Militärinvasion wurde trotzdem in Gang gesetzt, Hussein gestürzt. Nach dem offiziellen Kriegsende 2011 wurde das Land jedoch nicht wirklich befriedet.

Gefährliches Detail: Vater arbeitete für Amerikaner

Es herrschen Chaos, Bürgerkrieg, Terror und Gewalt verschiedener Gruppierungen untereinander und gegen die westlichen Besatzer. Für den konkreten Fall der Familie Alogaili ein nicht unwesentliches Detail: Der Vater arbeitete zuletzt für die Amerikaner. Was ihn und seine Familie heute im Irak erwartet – auch wenn dort heute offiziell kein Krieg herrscht – ist im beschaulichen Leisnig nicht zu ermessen, ebenso wenig die Angst vor der Abschiebung.

In drei Jahren zweimal umgezogen

In Deutschland wohnt die Familie zunächst in Dresden, dann in Freiberg. Dort hat die 37-jährige Mutter Arbeit in einem Kindergarten, fühlt sich gut aufgehoben. Als auf dem heimischen Bauernhof der Einrichtungsleiterin ein Wurf junger Katzen abzugeben ist, finden zwei graugestromte Wurfgeschwister Aufnahme bei der irakischen Familie. Die Liebe zu Katzen bringen die Alogailis aus ihrer Heimat mit.

Liebe zu Katzen aus dem Irak mitgebracht

Sarah berichtet, was ihre Mutter erzählt hat: „Im Irak leben viele Katzen auf der Straße, das ist dort so. Eine kleine Katze bei uns daheim mochte meine Mama sehr. Sie hat sie Noshe genannt, wie heute unsere Noshe. Sie waren Freunde und haben sich oft getroffen. Eines Tages kam ein Kater dazu. Noshe bekam Babys. Als sie alt genug waren und laufen konnten, ging die ganze Familie von dort weg.“ Das hört sich nicht zufällig an wie ein Gleichnis für die Situation der Familie Alogaili.

Tiere hören aufs Wort – auf Arabisch

Mama Hiba redet leise in arabischer Sprache mit Noshe und ihrem Wurfbruder Chico. Dabei ist immer wieder das Wort „Habibi“ zu hören – Liebling. Die kleine Noshe, im Körbchen eng an den weitaus größeren Kater gekuschelt, blickt die Frau mit halb geschlossenen Augenlidern an und hebt bei jedem Kosewort kurz die Lefzen, als würde sie ihre Besitzerin mit einem Lächeln antworten. Wie Tierheimchefin Rosi Pfumfel schildert, folgen die Tiere aufs Wort, aber eben auf Arabisch.

In der Grundschule sehr gute Leistungen

Während die Mutter in der Zuneigung zu den Tieren ganz aufgeht, meistert die Tochter hervorragend ihre Aufgabe als kommunikatives Bindeglied zur Außenwelt. Das freundliche Mädchen übernimmt wie selbstverständlich die Übersetzerarbeit. Sie ist angekommen in dem fremden Land Namens Deutschland, erzählt stolz von ihrem Schulzeugnis mit nur Einsen und Zweien. Ihr Lieblingsfach ist Sachkunde. Auch der für seine achte Jahre sehr kleine, aber nicht minder pfiffige Ali besucht in Leisnig die Grundschule. In der ersten Klasse gebe es „noch keine Einsen und Zweien“ - andere Zensuren kennt er von seiner Schwester nicht. Aber im kommenden Schuljahr möchte er auch endlich Zensuren haben, auch nur Einsen und Zweien.

Geschichte spricht sich weiter herum

Ali riegelt den Katzenzwinger auf, wenn jemand herein gelassen will, zum Beispiel für das Kamerateam des MDR Sachsenspiegel um den Reporter Mario Unger. Die Katzen-Geschichte der Familie Alogaili spricht sich herum. Am Donnerstag 19 Uhr wird sie gesendet. Das Schicksal einer Asylbewerberfamilie wirbelt Staub auf – weil zwei Katzen ihr Zuhause verloren haben.

Von Steffi Robak

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