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Döbeln Bei den Döbelner „Kunzemännern“ ist international völlig normal
Region Döbeln Bei den Döbelner „Kunzemännern“ ist international völlig normal
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17:55 24.09.2018
Malaks Papa hatte seine Langhalslaute mit zur Ausstellungseröffnung gebracht und spielt Musik aus seiner kurdischen Heimat im Irak. Quelle: Thomas Sparrer
Döbeln

International ist völlig normal. Das zumindest leben die Kinder der Kunzemann-Grundschule Döbeln vor. Und auch viele der über 50 Eltern, die am Freitag ins Rathaus gekommen waren, sehen die Vielfalt an dieser Schule nunmehr eher als Chance und nicht als Problem an.

„Vielfalt braucht Heimat – Heimat braucht Vielfalt“ war die Projektwoche der dritten Klassen an der Kunzemann-Grundschule überschrieben. Am Freitagnachmittag gipfelte das Projekt in einer Ausstellungseröffnung. Im Treppenhaus des Rathauses und auf der Galerieetage zeigten die Kinder Plakate, Kollagen, kleine Porträts der Mitschüler und Interviews, welche sie miteinander führten. Auch Familienstammbäume und Geheimrezepte für Christstollen, Spätzle oder Aniskekse sind Teil der Ausstellung.

Eigentlich wollte Schulleiterin Heidemarie Egerer ihre Lehrerkollegen gern fortbilden. Allein in der Klasse 3b, die sie als Klassenleiterin betreut, lernen 25 Kinder aus Deutschland und acht weiteren Ländern. Auch in der 3a gibt es nicht nur deutschstämmige Kinder. Das Thema ist an der Kunzemann-Grundschule nicht neu. Seit 1992 das Asylbewerberheim in der Döbelner Friedrichstraße eröffnete, werden Kinder aus verschiedenen Nationen in den Unterricht der Grundschule integriert. „Wir verstehen das als Chance und wollen uns dabei auch immer fortbilden“, sagt Heidemarie Egerer. Über den Schulträger Stadt Döbeln und das Landratsamt bekam die Schule den Leipziger Verein ZEOK (Zentrum für Europäische und Orientalische Kultur) vermittelt. In der Vorbereitungswoche am Ende der Sommerferien wurde gemeinsam ein Unterrichtsprojekt erarbeitet. In den beiden dritten Klassen wurde nun mit Gesprächen, Spielen, Interviews daran gearbeitet, was Vielfalt bedeutet und was für jedes Kind Heimat ist. Ariane Meixner und Katrin Pausch vom Leipziger Verein betreuten gemeinsam mit Klassenleiterin Kristina Heide die Klasse 3a. Die Schüler interviewten in Döbelns Innenstadt Passanten zum Thema Heimat. Annika Schulz, Medienpädagogin vom Sächsischen Ausbildungs- und Erprobungskanal schnitt mit den Kindern daraus einen Hörbeitrag.

Heidemarie Egerer band in ihrer Klasse einige Eltern als Gäste ein. Malaks Papa etwa kam mit seiner Saz, einer Langhalslaute,wie sie vom Balkan bis nach Afghanistan verbreitet ist, in den Unterricht. Neben der Musik erzählt der irakische Kurde nicht vom Krieg in der alten Heimat. Er berichtete von der alten Kultur des Irak, von den hängenden Gärten von Babylon, die als eines der sieben Weltwunder der Antike gelten und von den Märchen aus 1001 Nacht. Stefans Mutter berichtete den Kindern von der Armut vieler Menschen in Rumänien und davon, wie perfekt organisiert ihr das deutsche Leben mit Krankenversicherung, Rentenversicherung und fröhlichem Lernen in der Schule vorkommt. Mit einer russischen Mutter schrieben die Kinder an der Tafel kyrillische Buchstaben und auch im Schreiben kurdischer Wörter von rechts nach links, versuchten sich alle Kinder. „Es hatten sich noch mehr Eltern angeboten. Die Mutter, die in der Schweiz gearbeitet hat, die Familie aus Polen. Das Projekt hat auch Eltern und Lehrer zusammengeführt, während die Integration unter den Kindern eigentlich gar kein Thema mehr ist. International ist für sie normal“, so Heidemarie Egerer.

Für die Abschlusspräsentation im Rathaus fanden die Schüler Partner im Stadtmuseum. Bei der Ausstellungseröffnung am Freitag war auch Malaks Papa wieder gekommen und spielte mit seiner Saz. Arabische Mütter hatten Gebäck gebacken, Lehrerinnen kochten Kaffee und russische Eltern steuerten Pelmeni bei.

Die Ausstellung der Kinder zum Thema Heimat und Vielfalt ist noch vier Wochen im Rathaus zu sehen.

Kommentar: Farben sehen statt nur Grautöne

Das Handy und Facebook vor der Nase versperrt heute oft den Blick: Das Thema Flüchtlinge wird auf dem kleinen Bildschirm oft als Bedrohung wahrgenommen, weil es von vielen Menschen fast ausschließlich mit Kriminalität in Verbindung gebracht wird. Doch wer nicht nur schwarz-weiß sieht, die Augen öffnet und auch selbst ein bisschen offen ist, der merkt, dass das Thema Migration eben auch positiv wahrgenommen werden kann. An der Kunzemann-Grundschule in Döbeln lernen Flüchtlingskinder mit deutschen Schülern gemeinsam, seit 1992 das Asylbewerbeheim im Einzugsgebiet der Schule eröffnete. Muslime aus Afghanistan, Iran oder Irak sitzen mit evangelischen und katholischen Kindern aus Deutschland, Rumänien, Polen oder Russland im Religionsunterricht. Die Kinder empfinden das als Normalität. Sie nennen Heimat den Ort, wo Freunde, Familie, Sicherheit und Schutz sind, wissen aber auch von der Heimat, dem Geburtsort, der weiter weg liegen kann.

Zur Normalität einer Klasse, in der jedes dritte Kind nicht in Deutschland geboren ist, gehört aber auch, dass die Schülerin mit dem besten Zeugnis im letzten Schuljahr ein Mädchen syrischer Herkunft ist. Auch Faruk, das erste Asylbewerberkind, das 1992 die Kunzemann-Schule besuchte, kam letzte Woche zu Besuch. Der mittlerweile 33-Jährige hat die Bildung genutzt, lebt integriert in seiner deutschen Heimat und hat zwischenzeitlich selbst Kinder in der Schule.

Ein Projekt zum Thema „Heimat und Vielfalt“, wie jetzt an der Kunzemann-Schule, kann Erwachsenen zeigen, was Kinder besser können: offen zu sein, für die Vielfalt der Menschen. Auch wer der aktuellen Flüchtlingspolitik kritisch gegenüber steht, sollte zumindest immer differenzieren und Farben sehen statt nur Grautöne.

Von Thomas Sparrer

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