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Beichaer Ziffernblatt ist vermutlich ein Unikat

Beichaer Ziffernblatt ist vermutlich ein Unikat

"Eine alte Fotografie von 1955 zeigt die Beichaer Kirchturmuhr genau mit einem solchen Ziffernblatt", betont Reiner Geßner: "Wir wollten das unbedingt so originalgetreu wie möglich wiederherstellen.

Beicha.

 

" Spricht der Heimatgeschichte- und Schmalspurbahnfreund von "wir", meint er sieben weitere Männer, die sich als Interessengemeinschaft Kirchturmuhr Beicha für den richtigen Ablauf der Zeit in ihrem Heimatort stark machen. Uhrwerk und Ziffernblatt sind Dank ihres und des Engagements der Dorfbewohner seit 2007 wieder komplett und bisher problemlos im Einsatz.

 

Der Ordner auf Reiner Geßners Schoß quillt über: zahlreiche Fotografien, Zeitungsartikel und Kopien von Turmuhren beziehungsweise Kirchturmuhren in Döbeln, Rothenburg ob der Tauber und anderen Orten. "Aber so ein spezielles Ziffernblatt wie bei unserer war bisher nicht zu finden. Wir fahnden nach einem Duplikat - bis dahin würde ich sagen: Wir haben hier ein Unikat."

Zwei Dinge sind an dem Ziffernblatt im Wortsinne "merkwürdig": Zum einen ist die Vier der römischen Ziffern nicht als "IV" geschrieben, sondern durch vier Striche (IIII) dargestellt. "Das sieht man manchmal", erklärt Geßner: "Aber - und das ist das Außergewöhnliche - die Ziffern sind sonst zur Mittelachse hin ausgerichtet, unsere stehen einfach senkrecht." Die Interessengemeinschaft schätzte das Ziffernblatt 1,50 Meter mal 1,50 Meter. Der Treppenbauer Frank Auerbach fertigte es an. Katja Wieczorek schnitt dafür die Ziffern mit einer Stichsäge aus einer Schablone, die Zahlen wurden farblich abgehoben. Ingo Wieczorek, von Beruf Dachdecker, rüstete den Kirchturm ein: Er montierte die beiden Ziffernblätter und fasste sie wieder mit Schiefer ein. Alles passte. "Auch die Zeiger wurden erneuert", so Reiner Geßner. Allein die Geschichte der Kirche ist wechselhaft: Nachdem ein Feuer es zerstörte, baute man das Gotteshaus 1834 wieder auf. Zu der Zeit wohl mit einem anderen Uhrwerk. Das neue, jetzige wurde 1922 installiert, so Geßner: "Die deutsche Wertarbeit hat die Turmuhrenfabrik Otto Fischer, damaliger Inhaber Hummer, in Meißen gebaut." Am 22. September 1922 wurde die Uhr in Betrieb genommen. Als der Kirchturm 1986 erneuert wurde, schwieg das Uhrwerk bereits wieder. "Als es kaputt war, herrschte Stille. Es fehlte etwas", erinnert der Heimatkundige: "Jetzt hört man das Ticken. Das hat was."

Gotthard Pönitz, ein Hobby-Uhrmacher aus Leidenschaft, habe sich der Technik damals angenommen, sie gereinigt und wieder in Betrieb gesetzt. "Das war der richtige Mann für uns", lobt Reiner Geßner den Brösener noch heute. Damit die Uhr gesund bleibt, kümmern sich ihre Freunde um die alte Dame. Zu der geht es 52 größere, dann sehr schmale Holzstufen in den Turm hinauf. Bis zu einer winzigen Plattform mit einem Tisch, wenigen Stühlen und historischen Fotografien am Gebälk. Ein Mini-Kännchen Maschinen-Öl steht für den Notfall auf der Abdeckung des Gerätes parat.

Feinde der Technik sind hier oben Witterungseinflüsse und Staub. Ein rotierender Wochenplan teilt die Verantwortlichen ein: "Mittwochs und sonntags ziehen wir das Uhrwerk auf. Dank des installierten Flaschenzugs mit drei mal 100 Metern Seil reicht das zweimalige Aufziehen. Früher musste man das jeden Tag machen", erklärt Ingo Wieczorek. Der Dachdeckermeister sieht sich in der Verantwortung für die Dorfbewohner: "Jeder schaut hoch, orientiert sich an der Zeit, da muss unsere Uhr doch richtig gehen." - "Außerdem haben wir etwas geschafft, das für alle sinnvoll ist. Wir haben gezeigt, dass man in Eigeninitiative viel erreichen kann", ergänzt Geßner.

16 Stufen über dem Uhrwerk sind die Glocken befestigt: Eine historische Bronzeglocke zählt die Viertelstunden - die kleinere Stahlglocke dahinter die Stundenanzahl. Reiner Geßner träumt insgeheim davon, irgendwann einmal die ehemals zweite Bronzeglocke nachfertigen zu lassen: "Momentan würde das aber jeden finanziellen Rahmen sprengen." Immerhin konnten durch eine Papier-Sammelaktion im Ort 5980 Kilogramm Altpapier zur Neuverwertung in die Papierfabrik Kynast nach Riesa gebracht werden. Fast drei Jahre hatten Anwohner Altpapier zusammengetragen. Vom Erlös werden kleine Wartungsarbeiten bezahlt. Denn: "Bei so einem mechanischen Uhrwerk kann immer etwas kaputt gehen, und das kostet Geld", sagt Geßner. Er appelliert an die Beichaer, auch in diesem Jahr wieder fleißig zu sammeln.

Natasha G. Allner

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