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Pillen-Anschlag in Döbeln: Bewährung für Angeklagte

Prozess am Amtsgericht Pillen-Anschlag in Döbeln: Bewährung für Angeklagte

Der Prozess um vergifteten Cappuccino in einem Döbelner Schweinezuchtbetrieb ging am Montag mit einem Schuldspruch wegen gefährlicher Körperverletzung zu Ende. Unklar blieb das Motiv, weshalb eine 42-Jährige nach Überzeugung des Gerichtes das starke Beruhigungsmittel Tavor in den Kafffee der Kollegen gemischt hatte.

Wer jemanden Gift in den Kaffee mischt, macht sich der gefährlichen Körperverletzung schuldig. Das bekam jetzt eine Döbelnerin zu spüren, die Ansicht des Amtsgerichtes Döbeln ihren Kollegen das starke Beruhigungsmittel Lorazepam in den Morgen-Cappuccino gemischt hatte.
 

Quelle: Dirk Wurzel

Döbeln.  Mindestens fünf Mal hat eine 42-jährige Deutsche ihre Arbeitskollegen in einem Schweinezuchtbetrieb mit einem starken Beruhigungsmittel vergiftet. Das stand für Strafrichterin Christa Weik im Amtsgericht Döbeln am Dienstag fest. Sie sprach die Frau der gefährlichen Körperverletzung in fünf tatmehrheitlichen Fällen schuldig und verurteilte sie zu einer Gesamtstrafe von 14 Monaten bedingter Haft. Zwei Jahre dauert die Bewährungszeit. „Was man nur mutmaßen kann, ist das Motiv. Aber bei jemanden, der so krank ist, seinen Kollegen Tavor in den Cappuccino zu mischen, mutmaße ich nicht, welches Motiv die Person dafür hatte“, sagte Richterin Christa Weik, als sie Urteil begründete. Sie riet der Frau, sich psychologische Hilfe zu suchen. Betroffen von den Tathandlungen war dreimal die selbe Kollegin, einmal eine andere und auch ein Angestellter des Betriebes bekam unfreiwillig die Wirkung des starken Betäubungsmittels Lorazepam (Tavor) zu spüren. Der Prozess erstreckte sich über zwei Verhandlungstage. Da die Angeklagte die Tatvorwürfe abstritt, war die Richterin auf Indizien angewiesen, um sie überführen zu können.

Verteidiger fordert Freispruch

Einen Großteil der Ermittlungsarbeit haben die Kollegen in dem Betrieb geleistet. Nachdem sich der Verdacht erhärtet hatte, installierte der Abteilungsleiter eine Überwachungskamera im Pausenraum. Die Angeklagte hatte für ihre Kollegen meistens den Cappuccino zubereitet. „Die Filmaufnahmen zeigen, wie Frau F. den Cappuccino zubereitet, etwas aus ihrer Tasche holt, in den Cappuccino kippt und umrührt“, sagte der 53-Jährige. Gemeinsam mit dem Zeugen Staatsanwältin Angelika Rickert, Verteidigeranwalt Karsten Opitz und Nebenklagevertreter, Rechtsanwalt Robert Thees, nahm Richterin Weik die Filme in Augenschein. Wann immer das bei Gericht geschieht, also sich die Juristen Aufnahmen von Überwachungskameras ansehen, kann man drauf warten, dass ein Verteidiger mit folgendem Einwand auffällt: „Da ist ja gar nichts drauf zu sehen.“ Auch im Amtsgericht Döbeln war das so. Rechtsanwalt Opitz bemerkte, die Aufnahmen würden gar nicht zeigen, wie seine Mandantin das Tavor ins koffeinhaltige Heißgetränk mischt. Er sollte in seinem Schlussplädoyer beantragen, seine Mandantin aus Mangel an Beweisen freizusprechen.

„Auf dem Video sieht man nichts“, sagte der Anwalt denn auch im Schlussvortrag. Für ihn sei es nicht ausgeschlossen, dass eine dritte Person den Cappuccino vergiftet hat. Die Beweislage sei alles andere als gesichert. „Das sind reine Vermutungen“, so der Anwalt. So beweisen zum Beispiel aus Sicht der Verteidigung die Ergebnisse des Drogentests auch nicht, dass die Angeklagte den Cappuccino vergiftet hat.

Vor dem Verteidiger hatte Staatsanwältin Angelika Rickert plädiert. Sie sah den Tatvorwurf als bestätigt an. „Auf dem Video sieht man, wie die Angeklagte etwas aus ihrer Tasche holt, was sie für den Kaffee gar nicht braucht“, wertete die Anklagevertreterin die Aufzeichnung als belastendes Indiz. Auch auf die Sitzordnung bei der frühmorgendlichen Kaffeerunde ging die Staatsanwältin ein. „Da gab es feste Plätze, wie alle Zeugen übereinstimmend ausgesagt hatten.“ Wichtig war das, damit der vergiftete Kaffee auch die Person erreichte, für die er bestimmt war.

Lückenlose Indizienkette

Die Kameraüberwachung war nicht das einzige Mittel, mit der die Kollegen des Betriebes die Angeklagte überführen wollten. Die Mitarbeiterin, die sonst immer das Ziel der Giftpanscherei war, tauschte mit ihrer Kollegin den Kaffee. Der ging es dann schlecht. Die Hauptgeschädigte ging zum Drogenscreening, das positiv auf Lorazepam ausfiel. Außerdem stellten die Kollegen Cappuccino sicher, den die Polizei untersuchen ließ. Ergebnis: Eine Probe enthielt sechs Milligramm des Wirkstoffs. Höchstens zweieinhalb Milligramm verschreiben Mediziner bei Schlafstörungen.

Sitzordnung, Tassentausch, Videoüberwachung, Drogentests – zusammengesetzt ergaben all diese Puzzleteile für die Richterin schließlich ein überzeugendes Bild von der Schuld der Angeklagten. „Wir haben eine lückenlose Indizienkette“, sagte Richterin Weik, als sie das Urteil begründete. „Alle Zeugen haben ohne Belastungseifer ausgesagt, der Angeklagten sogar bescheinigt, gute Arbeit geleistet zu haben. Das hat sich die Angeklagte ruiniert, hat sich um einen Arbeitsplatz gebracht, an dem sie anerkannt war“, so Richterin Weik. Weil die 42-Jährige nicht vorbestraft ist, konnte die Richterin Bewährung geben. Sie zeigte sich betroffen, mit welcher Selbstverständlichkeit die Angeklagte vorging. „Das ist perfide. Sollte die Frau H. erst ins Koma fallen?“ Hätte die Geschädigte vom letzten, zum Glück sichergestellten Cappuccino getrunken, wäre wahrscheinlich genau das passiert.

Noch nicht rechtskräftig

Ein mögliches Motiv sprach der Abteilungsleiter des Betriebes an. So hatte der Lebensgefährte der Hauptgeschädigten mal ein Pferd bei der Angeklagten aus tierschutzrechtlichen Gründen weggeholt. Mit dem vergifteten Kollegen hatte die Angeklagte einen kleinen Streit. Dabei ging es um das Rauchen vor, beziehungsweise während der Arbeitszeit. Lange habe man sich aber nicht gezofft, sagte der Mann sinngemäß im Zeugenstand. Abschließend klären konnte der Prozess die Frage nach dem Motiv aber nicht.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Von Dirk Wurzel

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