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Döbeln Biobauer, Skat und 100 Schafe: zu Gast in Clennen und Doberquiz
Region Döbeln Biobauer, Skat und 100 Schafe: zu Gast in Clennen und Doberquiz
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13:32 21.02.2018
Bauer Michael Winkler hält in Clennen 100 Schafe. Quelle: Sven Bartsch
Clennen/Doberquiz

Ein intensiver Jauche-Geruch weht herüber, vermischt sich mit den Regentropfen, die vom Himmel fallen und auf den matschigen Boden platschen. Michael Winkler lächelt. Der 36-Jährige ist jemand, den man als Frohnatur bezeichnen kann. Fast unheimlich in seinem Optimismus. Heute wird seine Abwassergrube leer gepumpt, entschuldigt er den Gestank. Winkler steht in der Mitte eines Vierseithofs in dem kleinen Ort Clennen bei Leisnig, seiner Heimat.

Zwei Bauern, viele Schafe und viele Kinder wohnen in Clennen bei Leisnig. Ein Streifzug durch das 50-Seelen-Dorf und den Nachbarort Doberquiz.

Das Anwesen ist seit über 500 Jahren in Familienbesitz, zählt zu den ältesten Erbhöfen in Sachsen. „Es wurde immer von Vater zu Sohn weitergegeben.“ Winkler ist hier aufgewachsen, will die Tradition bewahren. Der gelernte Maschinenbauingenieur lebte über zehn Jahre im 500 Kilometer entfernten Koblenz, vor drei Jahren zog er mit seiner Frau zurück nach Sachsen.

Michael Winkler im Hof seines vererbten Vierseithofs in Clennen. Quelle: Sven Bartsch

Für beide stand fest: „Wenn wir eine Familie gründen, dann wieder auf unserem Bauernhof.“ Zwei Töchter sind inzwischen geboren, Kind Nummer drei ist unterwegs. Eben hat Winkler erfahren, dass es ein Junge wird, irgendwann wird der den Hof vielleicht übernehmen, hofft er.

Vierseithof wird in Clennen wieder aufgemöbelt

Seit Michael Winkler wieder in Clennen lebt, hat er seinen Job an den Nagel gehängt und versucht sich – wie sein verstorbener Vater – als Bauer. Er betreibt Ackerbau auf 30 Hektar Fläche; auf der Weide blöken inzwischen fast 100 Merino-Schafe, auch die Imkerei will er weiterführen, aktuell aber fehle dafür die Zeit. Denn der Hof ist derzeit noch eine riesige Baustelle. Die Dächer der Gebäude hat Winkler fast im Alleingang neu gedeckt, aus dem Wohnhaus Wände herausgerissen und Tonnen von Schutt geholt.

Während die drei Scheunen schon gut in Schuss sind, befindet sich das spätere Wohnhaus noch im Rohbau, Fußbodenheizung und Elektrik fehlen. In einem Raum mit Kreuzgewölbe hängen noch die Haken, an denen früher das Fleisch baumelte. Diese Vorratskammer soll zum Badezimmer umgebaut werden. Die Familie wohnt übergangsweise in einer Mietwohnung in Dürrweitzschen. Schon bald aber wollen alle nach Clennen übersiedeln. „Es wäre schön, wenn wir Weihnachten hier feiern könnten“, wünscht sich Winkler.

Weihnachten will Familie Winkler in das Wohnhaus des Hofes einziehen – wenn alles nach Plan läuft. Quelle: Sven Bartsch

Ob das gelingt? Der Neu-Bauer läuft über seinen Hof, zeigt Schafstall und Scheunen, erklärt, was noch alles zu tun ist – und lacht dabei immer wieder. Vor ihm liegen arbeitsreiche Tage. Dennoch hat der Clennener seinen Entschluss bisher nicht bereut. „Als Ingenieur hab ich weitaus mehr Geld verdient, aber ich war nicht so zufrieden im Herzen.“ Winklers Traum ist ein Hofladen, den er vielleicht noch dieses Jahr in einem der Gebäude eröffnen will. Dort können Kunden dann Schafswolle und frisches Lammfleisch kaufen. Das Schafe scheren hat er sich selbst beigebracht.

Biobauer Voigt lebt vom Öko-Ackerbau in Clennen

Ganz ohne Tierzucht kommt der zweite Bauer des Dorfes aus. Eckhard Voigt ist ein großer ruhiger Mann, der Bio anbaut. Der 53-jährige vierfache Vater hat seinen Kartoffelhof in Clennen, wohnt aber im benachbarten Doberquiz. In der Küche seines Bauernhauses schnattern zwei Wellensittiche in einem Käfig, auf dem Tisch stehen Kaffee und Kekse. 2007 stellte der studierte Landwirt auf biologische Landwirtschaft um. Seither gedeihen auf 300 Hektar Land Kartoffeln, Getreide, Gemüseerbsen, Kümmel, Koriander, Senf und Leinen – ganz ohne Chemie.

Eckhard Voigt ist der Biobauer von Clennen. Quelle: Sven Bartsch

Bodenbearbeitung und Pflege seien aufwendiger als bei konventioneller Landwirtschaft, erklärt er. Der größte Unterschied sei die längere Fruchtfolge: Sieben unterschiedliche Pflanzen wachsen nacheinander auf demselben Feld, bei klassischem Ackerbau sind es meistens nur drei verschiedene Kulturen. Der Vorteil dieser Methode: Voigt kämpft mit weniger Pflanzenkrankheiten und Schädlingen wie dem Kartoffelkäfer. „Es gibt für jedes Problem eine biologische Lösung.“ Seinen Dünger stellt er selbst her, seine Regenwürmer werden gepflegt, sind sie doch besonders wichtig für die Durchlüftung des Bodens.

Alte Postkarten und weitere historische Aufnahmen geben Einblick in das Leben in dem kleinen Dorf Clennen damals.

Bio-Landwirt gilt als Exot unter den Bauern

Als Biobauer müsse man das Handwerk beherrschen, sagt er. „Wenn wir einen Fehler machen, können wir den nicht ausgleichen, wir können keinen Düngersack nehmen und nachhelfen.“ In den ersten beiden Jahre bekämpften er und seine vier Mitarbeiter Unkraut noch mit für den Bioanbau zugelassenen Mitteln („wirkt gut, ist aber schweineteuer“). Inzwischen verzichten sie ganz darauf. „Es macht viel mehr Spaß als vorher mit der Spritze.“

Auch wenn er unter anderen Landwirten als Exot gilt. Voigt sagt: „Die interessantere und anspruchsvollere Landwirtschaft ist der Bioanbau.“ Bereut habe er die Umstellung bisher nicht, die Nachfrage nach regionalen Bio-Produkten sei in den vergangenen Jahren gestiegen. Er könne ihr zum Teil gar nicht gerecht werden.

Aus der Geschichte von Clennen

Der Name Clennen ist sorbischen Ursprungs und bedeutet soviel wie „Siedlung bei den Ahornbäumen“, abgeleitet vom polnischen Wort „klon“, was „Ahorn“ heißt. Erstmals erwähnt wird der Ort 1214 in einer Urkunde des Bischofs von Meißen für das Kloster Buch.

Clennen gehört zunächst zum Pfarrbezirk der Matthäi-Kirche Leisnig. 1286 wird er an die Kirche Altleisnig abgegeben, seit der Reformation gehört das Dorf zu Sitten. 1378 muss Clennen jährlich 43 Scheffel Korn und noch einmal soviel Hafer sowie ein Küchenrind nach Leisnig liefern. Das Amtserbbuch Kloster Buch gibt an, dass in Clennen zu dieser Zeit sieben Menschen leben, darunter sechs Pferdebauern.

1925 hat der Ort 105 Einwohner. 1937 wird er nach Sitten eingemeindet. Ab 1973 gehört Clennen zu Bockelwitz, seit 2012 zu Leisnig. Heute leben etwa 50 Menschen in Clennen und zirka 22 im benachbarten Doberquiz.

Jetzt im Winter kann der Bauer durchatmen. Ein paar Bäume müssen beschnitten werden, ansonsten ist wenig zu tun. Voigt hat mehr Zeit für die Familie und das Ehrenamt. Er ist aktiver Feuerwehrmann und Vorsitzender des 30-köpfigen Feuerwehrvereins, der die Feste des Ortes auf die Beine stellt. Am liebsten werden in Clennen Feuer entzündet: zu Ostern, zu Himmelfahrt, zur Sonnenwendfeier, im Herbst zum Kartoffelfest und zum Nikolaus.

Doberquiz und Clennen feiern Dorffest zusammen

Seit zehn Jahren feiern Doberquiz und Clennen Ende August ein großes Dorffest zusammen. Nur dieses Jahr ist alles anders: Da wird am 26. Mai das 90-jährige Bestehen der Feuerwehr zelebriert, und zwar in der Turnhalle, die die Stadt Leisnig gratis zur Verfügung stellt, wie Ortswehrleiter Günter Hornig berichtet. Der 57-jährige Feuerwehrchef kümmert sich mit seinen zehn Aktiven um Ölspuren, Autounfälle und umgestürzte Bäume, seltener um Brände. „Der Nachwuchs fehlt total“, sagt Hornig. Es ist das Problem, das fast alle Wehren im Umkreis haben: Nur wenige engagieren sich noch ehrenamtlich.

Die Ortsfeuerwehren Naundorf, Naunhof-Beiersdorf und Clennen wollen sich deshalb zusammentun und gemeinsam ein neues Gerätehaus in Bockelwitz beziehen. Dafür wird das ehemalige Gasthaus „Sächsischer Reiter“ abgerissen. Der Neubau soll noch in diesem Jahr starten. 540.000 Euro Fördermittel fließen in das Projekt.

Das Feuerwehrhaus von Clennen wurde in den 50-Jahren erbaut und soll künftig vom Feuerwehrverein genutzt werden. Quelle: Sven Bartsch

Das dann leer stehende Gerätehaus in Clennen kann künftig der Feuerwehrverein für Versammlungen nutzen, es hat allerdings weder Toilette noch Wasseranschluss. Biobauer Voigt unterstützt das Vorhaben. Es gebe außerdem „keine Alternative“, findet er. „Wenn wir es nicht machen, stirbt jede Ortswehr auf absehbare Zeit.“

Dörfer haben wieder viele Kinder

Dabei gehören Clennen und Doberquiz zu jenen Dörfern, in denen es an Nachwuchs nicht mangelt. In beiden Orten wohnen wieder junge Familien. „Doberquiz ist jünger als zu DDR-Zeiten“, sagt Voigt. Kita und Grundschule in Sitten sind wenige Kilometer entfernt, zum Schulsport fahren die Kinder in die Turnhalle nach Clennen. Sie wurde dort gebaut, wo einst der Gasthof des Dorfes stand. Das Lokal schloss bereits Ende der 60er-Jahre, stand lange leer und wurde in den Neunzigern abgerissen. 1993 eröffnete die neue Sporthalle, die nachmittags vor allem vom Sittener Sportverein intensiv genutzt wird.

Die Tanzfrauen von Clennen: Die Turnhalle wird für den Schul- und Vereinssport genutzt. Quelle: Sven Bartsch

Skatturnier ist Highlight in der Region

125 Mitglieder zählt der Verein aktuell, acht neue kamen im vergangenen Jahr dazu. Neben Volleyball, Seniorenturnen, Reha-Sport und Gymnastik für Frauen trifft man sich regelmäßig zu Tischtennis- und Skatturnieren. Beim letzten Wettkampf im November kamen 199 Teilnehmer nach Clennen. „Es ist das größte Turnier Mitteldeutschlands, das in einem Raum stattfindet“, sagt Ortsvorsteher Michael Heckel (SPD), der das Turnier mit auf die Beine stellt.

Michael Heckel organisiert die Skatturniere in Clennen. Quelle: Dirk Wurzel

Doch auch dem Sportverein fehlt die Jugend. „Beim Nachwuchs sieht es schlecht aus“, gibt Heckel zu. Viertklässler kommen noch in den Verein, doch ab der 5. Klasse seien alle weg.

Tischerlei Steude ist Familienbetrieb

Dass Clennen nach der Wende eine eigene Turnhalle bekam, das habe man Michael Heckel zu verdanken, sagt Frank Steude, der Tischler des Dorfes. Er habe sich – damals noch als Bürgermeister von Bockelwitz – für das Projekt stark gemacht. Steude spielt selbst Tischtennis im Verein, in der Ersten Kreisklasse sei man derzeit Spitzenreiter. Der 48-Jährige würde sich wünschen, dass die Grundschule die Sporthalle häufiger nutzt, etwa für Arbeitsgemeinschaften in Leichtathletik oder Tischtennis.

Frank Steudes Familie ist im Ort tief verwurzelt. Er führt die Firma, die 1837 als Stellmacher-Betrieb gegründet wurde, in 6. Generation. In den 1970 Jahren spezialisierte sich sein Vater auf Karosseriebau für Autos, fertigte Gestelle für Bussitze. Frank Steude übernahm den Betrieb 1994.

Frank Steude betreibt eine Tischlerei in Clennen. Die Bandsäge ist aus dem Jahr 1912 und funktioniert noch einwandfrei. Quelle: Sven Bartsch

Der gelernte Zimmermann baut heute vor allem Treppen, saniert Türen und Fenster, erledigt Reparaturarbeiten. Die Werkstatt seiner Vorfahren hat er erweitert, nur ein altes Telefon und zwei funktionstüchtige Maschinen von 1912 erinnern noch an die vergangenen Zeiten.

Günter Schmid ist Urgestein von Clennen

Einer, der sich noch gern an früher erinnert, ist Günter Schmidt, ein alt eingesessener Dorfbewohner. Der 73-Jährige wuchs auf einem Vierseithof in Clennen auf, stromerte als Jugendlicher durch die umliegenden Wälder. „Es war eine unbeschwerte, abwechslungsreiche Kindheit“, sagt Schmidt. Im Spaß habe man sich damals mit den Nachbarjungen bekriegt.

„Sitten wollte immer was Besseres sein“, erinnert sich der Senior. Schließlich war es das Zentrum mit Kirche, Schule und Konsum. Für Kinovorstellungen aber konnte man damals in Clennen bleiben. Im Saal des Gasthofs wurden Filme gezeigt. „Außer Radio gab es ja keine Unterhaltung“, so Schmidt.

Ingeborg und Günter Schmidt wohnen wieder in Clennen, sie zogen aus Leipzig in das kleine Dorf. Quelle: Sven Bartsch

1952 wurde der Hof der Gemeindeverwaltung unterstellt, seine Familie praktisch enteignet und gezwungen, Miete zu zahlen. „Es war ein Skandal, dass sie auf ihrem eigenen Grund und Boden nicht mehr bestimmen durften“, findet Schmidt rückblickend, der selbst viele Jahre in Leipzig gelebt hat. Nach der Wiedervereinigung bekamen die Erben die Ländereien zurück.

So kam es, dass seine Schwester und er 1992 wieder nach Clennen zogen. Allerdings: „Die Gebäude waren total heruntergewirtschaftet“, schimpft er. Schmidt und seine Frau rissen die alte Scheune ab und bauten ein neues Haus, die Schwester wohnt nebenan.

Rialto 1 und 2

Seitdem habe sich viel getan, findet der Rentner. „Früher kamst du hier nicht mit sauberen Schuhen aus dem Dorf raus.“ Heute sind die Straßen asphaltiert. „Es ist schöner geworden“, sagt auch Schmidts Frau Ingeborg.

Clennen – Klein-Amsterdam? Die Bewohner belächeln die neuen Brücken. Quelle: Sven Bartsch

Über ein Projekt in ihrem Dorf können sich die Clennener besonders gut amüsieren: Die beiden neuen Fußgängerbrücken im Dorf werden ob ihrer Größe belächelt und scherzhaft Rialto 1 und 2 genannt. Dabei haben die Bauwerke doch einen Vorzug – sie bringen niederländisches Flair nach Sachsen.

Von Gina Apitz

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