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Blick nach unten in den Mildensteiner Burgbrunnen

Höhlenforscher Blick nach unten in den Mildensteiner Burgbrunnen

Für ein größeres Publikum wurde am Dienstag der Burgbrunnen auf Mildenstein geöffnet. Mit dabei war Bernd Wutzig, in Fachkreisen der sächsischen Höhlen- und Karstforscher bekannt unter dem Spitznamen Wim. Sensation des Tages: Der Brunnen stammt nachgewiesenermaßen aus romanischer Zeit.

Zweimal Bernd am Eingang zum Mildensteiner Burgbrunnen: Bernd „Wim“ Wutzig (links) von den Dresdener Höhlenforschern und Burgverwalter Bernd Wippert. Hinter dem überwölbten Loch geht es mehr als 40 Meter nach unten.
 

Quelle: Sven Bartsch

Leisnig.  Auf dem Burghof von Mildenstein ist ein Bretterschuppen zusammen gezimmert. Die Tür dazu, sonst verschlossen, gibt den Blick frei auf ein gemauertes Gewölbe im ansonsten gepflasterten Boden des Mildensteiner Burghofs. Ein Loch ist hinein geschlagen, nicht besonders groß. Doch es lässt den Blick ins Innere des Brunnens zu, in die Teufe, wie es in der Bergmannssprache korrekt heißt. „Zirka 60 Meter könnten es bis ganz hinunter sein. Doch bis auf etwa 42 Meter ist der Brunnen zugeschüttet.“ Wim Wutzig muss das wissen, denn von allen, die sich am Dienstag rund um den Brunnen versammeln, ist der 63-Jährige der Einzige, der schon ganz unten war.

Erstmals wird der Burgbrunnen einem  öffentlichen Publikum gezeigt

Erstmals wird der Burgbrunnen einem öffentlichen Publikum gezeigt. Unter anderem verfolgen Vertreter des Leisniger Heimatvereins das Geschehen.

Quelle: Sven Bartsch Sven Bartsch

Wutzig gehört zu dem in Dresden ansässigen Verein Höhlen- und Karstforschung, war lange dessen Vorsitzender. Wenn in Sachsen und angrenzenden Bundesländern irgendwo ein Burgbrunnen zu öffnen, zu befahren und zu beforschen ist, sind die Männer und Frauen um den heutigen Vereinsvorsitzenden Hartmut Simmert eine sichere Adresse.

Simmert kann wegen eines anderen wichtigen Termins bei der Brunnenöffnung auf Mildenstein nicht vor Ort sein. Doch mit Wutzig ist ebenfalls ein ausgesprochener Fachmann zur Stelle: Wo sein Verein einen in die Tiefen der Finsternis geschlagenen Brunnenschacht in ihre Obhut nehmen, erledigt Wutzig die nötigen Zimmererarbeiten.

Was man von dort unten sieht? „Einfach nur einen ganz kleinen hellen Fleck im Finstern über dem Kopf“, sagt Wutzig. Ob der da unten keine Angst hat? „Nein, warum denn? Höhe ist viel schlimmer.“ Er vergleicht die Relationen: Etwa so viele Meter, wie der Bergfried auf dem Burghof in die Höhe ragt, etwa so weit und sogar noch einige Meter weiter geht es in die Tiefe – bis jetzt. Denn Luft ist nur auf den besagten 42 Metern im Brunnen. Möglicherweise reicht er noch weiter, nämlich 60 Meter nach unten, also nahezu bis auf Höhe der am Felssporn vorbei fließenden Mulde.

Die Balken der Schalungskonstruktion  zeugen von einer jüngeren Befahrung des Brunnens

Die Balken der Schalungskonstruktion zeugen von einer jüngeren Befahrung des Brunnens. Ganz zugeschüttet wurde er zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Quelle: Sven Bartsch Sven Bartsch

Aus dem Fluss wurde jedoch nicht das Wasser nach oben auf den Burghof gezogen. Vielmehr müsse es sich um so genanntes Kluftwasser gehandelt haben, welches in den Brunnen lief, dort gesammelt und für die Versorgung der Burgbesatzung verwendet werden konnte. Vor allem im Belagerungsfall sei das ungeheuer wichtig gewesen. Für Wutzig ist der Termin auf Mildenstein ein Deja-vu: Bereits 1993, noch mit Frank Rüdrich als Burgchef, wurde auf Mildenstein ein erster Grabungsschnitt vollzogen, um den Burgbrunnen überhaupt zu finden. Daraufhin konnte das Bauwerk aufgewältigt werden, wie es in der Bergmannssprache heißt. Heute stehen die Mauern eines in nachfolgender Zeit errichteten Burggebäudes auf einem Teil des Brunnenrandes. Lediglich eine verwitterte Tafel an einer Außenwand deutete darauf hin, wo sich der Burgbrunnen in etwa befunden haben muss.

Brunnen seien in der Vergangenheit von Bergleuten abgeteuft worden. „Sie hatten die nötige Erfahrung im Umgang mit dem Felsgestein – in Leisnig Porphyr – in welches der Brunnenschacht mit Schlegel und Hammer nach unten getrieben wurde“, so Wutzig. Die Schlegelspuren seien an den Innenwänden noch zu erkennen.

So ein Brunnenbauprojekt sei zu der damaligen Zeit ein Millionen-Unterfangen gewesen, welches auf einen äußerst vermögenden Burgherren hinweist. Für die Burg Mildenstein ist es nicht unwahrscheinlich, dass Kaiser Barbarossa der Auftrageber des Brunnenbaus ist.

Burgverwalter Bernd Wippert erklärt, woraus er diese Vermutung zieht: „So wie auch am Bergfried, den Barbarossa bauen ließ, wurden auch für die über dem Felsen aufgemauerte Brunnenfassung Ziegelsteine verwendet. Das war ein damals äußert kostbares Baumaterial.“

 Im 12. Jahrhundert gehörte die Reichsburg Leisnig dem legendären deutschen Kaiser. Ihre Bezeichnung Mildenstein stammt aus viel jüngerer Zeit, als es modern war, alten Gemäuern blumige Namen zu geben. Kaiser Rotbart hat die Burg nicht unter der Bezeichnung Mildenstein gekannt, muss aber persönlich dort gewesen sein. Eine historische Urkunde, in welcher der Stadt Lübeck diverse Rechte verliehen wurden, unterzeichnete Barbarossa in Leisnig. Mit einem mehrere Hundert Mann starken Tross reisten Herrscher wie der Kaiser Rotbart von einer ihrer Burgen zur nächsten, verweilten dort und mussten beköstigt werden. Das dafür nötige Wasser musste aus dem Burgbrunnen gezogen werden.

Der auf Mildenstein vorgefundene Brunnendurchmesser von zwei Metern lasse darauf schließen, dass dort nicht nur ein Eimerchen hinab gelassen, sondern dass dort ein Göpelwerk betrieben wurde, um größere Bottiche zu heben. An einem Endlosseil waren zwei davon angebracht, für den gegenseitigen Lastenausgleich. Diese mussten beim Schöpfen aneinander vorbei passen. Eine derartige Last konnte nur nach oben befördert werden, wenn in einem Tretgöpel ein Mensch oder gar mehrere die Kraft dafür aufbrachten. Möglicherweise sei ein Pferd oder Esel ins Göpelwerk eingespannt gewesen. Aus heutigen Befunden lasse sich das nicht mehr herauslesen.

Noch dieses Jahr soll der Brunnen so hergerichtet sein, dass er bei Führungen der Öffentlichkeit gezeigt werden kann. Heiko Pollnow vom Planungsbüro SPS Plan Leipzig, ist guter Dinge, dass die dafür nötigen Bauarbeiten innerhalb von zwei Monaten abgeschlossen werden können. Das Sächsische Immobilien- und Baumanagement (SIB), ein Unternehmen des Freistaates Sachsen, beauftragte das Planungsbüro damit. Die Außenmauer werde mit Ziegeln etwa einen Meter über dem Pflasterboden des Burghofes aufgemauert. „Dann kommt ein schmiedeeisernes Gitter drauf und fertig“, so Pollnow.

Damit ist die erste Stufe der Mildensteiner Brunnenerforschung abgeschlossen. Wippert wünscht sich durchaus eine weitere Episode, dass nämlich an der jetzt vorgefundenen Sohle gegraben werden könne. Doch das sei dann Aufgabe der Archäologen.

Von Steffi Robak

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