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Döbeln Blockierter Flüchtlingsbus: Neonazi-Seite bringt Döbeln in Verruf
Region Döbeln Blockierter Flüchtlingsbus: Neonazi-Seite bringt Döbeln in Verruf
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09:52 20.02.2016
Weinende, verängstigte Kinder verlassen unter dem Brüllen der Asylgegner den Bus in Clausnitz, einem Ortsteil der Gemeinde Rechenberg-Bienenmühle.  Quelle: Screenshot
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Döbeln

 Gruselige Videobilder aus dem Ortsteil Clausnitz der Gemeinde Rechenberg-Bienenmühle am äußersten Rand des Landkreises Mittelsachsen sorgten am Freitag dafür, dass auch die Stadt Döbeln in ganz Deutschland negative Schlagzeilen macht. Am Donnerstagabend hatten 100 sogenannte „Wutbürger“ einen Bus mit Flüchtlingen, darunter vorwiegend Frauen und Kinder, belagert. Die dortige Asylunterkunft sollte am Donnerstag erstmalig belegt werden. Die Zufahrt zur Unterkunft war zudem mit drei Fahrzeugen blockiert. Die Polizei musste den wütenden Mob mit 30 Beamten, darunter Bundespolizisten und Einsatzkräfte der Polizeidirektion Zwickau im Zaum halten. 13 Anzeigen wurden aufgenommen. Erst gegen 22 Uhr konnten die weinenden Frauen und Kinder die Unterkunft beziehen, nachdem der Mob den Ort des Geschehens verlassen hatte.

Die Geschehnisse im etwa 65 Kilometer entfernten Osterzgebirge ziehen bis Döbeln Kreise. Die von einigen hiesigen Neonazis betriebene Facebookseite „Döbeln wehrt sich“ postete ein Handyvideo der Krawalle von Clausnitz und bejubelte es. Die Aufnahme zeigt den Reisebus, aus dem Flüchtende versuchen auszusteigen. Besonders viele Frauen und Kinder sind zu sehen, die sichtlich geschockt sind, weinen und sich zu schützen versuchen. Es ist zu hören, wie die aggressive, pöbelnde Menge „Wir sind das Volk“, „Ausländer raus“ und weitere fremdenfeindliche Kommentare brüllt. In den sozialen Medien sorgt das Video seit Donnerstagabend für Aufsehen. Viele der Internetnutzer brachten die Aufnahmen direkt mit Döbeln in Verbindung. Andere Medien sprangen deutschlandweit auf den Zug auf berichteten von dem Vorfall. Teilweise wurde dabei auch fälschlicherweise von Clausnitz bei Döbeln geschrieben.

Telefone im Rathaus standen nicht mehr still

Thomas Hanns, Technischer Dezernent der Stadt Döbeln, wurde am Freitag vom Shitstorm überrascht. In den Mailpostfächern des Döbelner Oberbürgermeisters und zahlreicher Rathausmitarbeiter landeten Hassmails aus ganz Deutschland. Ein Christian aus Norddeutschland schreibt etwa: „Wenn ich mir diese Begrüßung von Menschen in ihrer Stadt anschaue, die um ihr Leben gefürchtet haben, dann möchte ich am liebsten KOTZEN! Da juckt es einem sehr in den Fingern, die Mauer schnell wieder aufzubauen, damit man mit diesen ekeligen Mitbürgern aus Döbeln nichts zu tun hat. Es ist für unser Land beschämend, wenn ich solche Aufnahmen sehe. Was sind sie für kaltherzige, egoistische und feige Menschen. Sehen sie nicht die Angst in den Augen der Kinder in diesem Bus? Döbeln ist sicherlich einer der allerletzten Orte die ich mir anschauen möchte!!! Die Bewohner machen ihrer Stadt einfach nur Schande! Schande über diesen braunen Fleck in Deutschland.“

Auch in der Telefonzentrale des Döbelner Rathauses klingelten die Telefone heiß. Dezernent Thomas Hanns berichtet von zum Teil wüsten Beschimpfungen gegen die Stadt und ihre Bürger. „Ich bin stocksauer. Zum einen über das, was da in Rechenberg-Bienenmühle passiert ist. Zum anderen ärgert mich, wie durch eine Facebookseite beziehungsweise eine kleine Gruppe Neonazis unsere Stadt mit solchen Vorfällen in Verbindung gebracht wird“, sagt Thomas Hanns. Die Stadt Döbeln mit ihren 22.000 Einwohnern habe im Landkreis Mittelsachsen gemeinsam mit der Stadt Freiberg die größte Zahl von Flüchtlingen aufgenommen. Es gibt drei Gemeinschaftsunterkünfte für Flüchtlinge und Asylbewerber sowie eine vom Freistaat Sachsen betriebene Erstaufnahmeeinrichtung mit 640 Plätzen. Das Flüchtlingsthema sei auch in Döbeln gegenwärtig. Ernstere Vorfälle gebe es aber nicht. Vielmehr verweist Thomas Hanns auf die Arbeit des ehrenamtlichen Willkommensbündnisses, in dem alle Bevölkerungsschichten sowie die Kirchen sehr aktiv sind. Die Facebookseite „Döbeln wehrt sich“ steht nicht für die Döbelner Bürger“, betont der Dezernent.

 Facebook-Seite inzwischen offenbar offline

„Clausnitz ist in aller Munde“, ärgert sich auch das Bündnis „Willkommen in Döbeln“, das beispielsweise in der Döbelner Erstaufnahmeeinrichtung eine Spendenkammer betreibt und die Flüchtlingshilfen in Döbeln koordiniert. „Nachdem die Seite „Döbeln wehrt sich - Meine Stimme gegen Überfremdung“ am Donnerstagabend erschreckendes Video- und Bildmaterial aus dem mittelsächsischen Ort postete, erfährt der Landkreis Mittelsachsen traurige Aufmerksamkeit“, so das Döbelner Willkommensbündnis. Namhafte Personen, wie etwa der Comedian Jan Böhmermann, teilten die Seite und machten auf die sächsischen Zustände aufmerksam.

„Auch wir sind erschüttert von den Vorfällen in Clausnitz. Auch wir kritisieren das Verhalten der Clausnitzer Bürger und deren Unterstützer. Und wir betonen: Die Seite „Döbeln wehrt sich - Meine Stimme gegen Überfremdung“ veröffentlicht rassistische, fremdenfeindliche, hetzerische Inhalte, hinter denen Neonazis zu vermuten sind“, so das Bündnis weiter. „Wir betonen aber eines: „Döbeln wehrt sich“ steht nicht für alle Döbelner. Unsere Initiative stellt sich gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz und setzt sich für Flüchtlinge vor Ort ein. Miteinander und nicht nebeneinander, menschlich und nicht menschenfeindlich, offen und nicht misstrauisch. Willkommen in Döbeln!“, so das Bündnis in einer im Internet verbreiteten Erklärung.

Facebook hat die Internetseite „Döbeln wehrt sich - Meine Stimme gegen Überfremdung“ offensichtlich gesperrt. Die Seite ist seit Freitagvormittag nicht mehr erreichbar.

Von Thomas Sparrer

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