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Döbeln Bulgarin haut in Döbeln in die Tasten
Region Döbeln Bulgarin haut in Döbeln in die Tasten
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11:08 26.09.2018
Akkordeonlehrerin Monika Petrova mit ihrem 60 Jahre alten Übungsakkordeon Quelle: Sven Bartsch
Döbeln

Etwas abgehetzt kommt Monika Petrova am Donnerstagnachmittag kurz vor halb drei in der Musikschule Döbeln an. Es ist ihr wöchentlicher Termin zur musikalischen Früherziehung mit Vorschulkindern und ihrem Döbelner Akkordeonschüler. Täglich pendelt sie zwischen ihrem Wohnort Chemnitz und Musikschulen und Kindergärten in Freiberg, Frankenberg, Augustusburg, Döbeln und Orten im Erzgebirgskreis hin und her.

Ist sie gestresst, lässt sich die 48-Jährige das nicht anmerken. Freundlich entschuldigt sie sich noch für ein paar Minuten Verspätung und nimmt sogleich forschen Schrittes die Treppen ins Dachgeschoss in Angriff, wo sie im kleinen Unterrichtszimmer kurz zu Atem kommt. Nur um kurz darauf wieder nach unten zu sausen, um ihr kleines Übungsakkordeon aus dem Auto zu holen. Wenn schon, dann soll dieses mit aufs Foto, sagt sie bestimmt. „Das habe ich vor 18 Jahren von einem Schüler in Bulgarien bekommen. Es ist sehr alt, mindestens 60 Jahre. Der Vorteil ist, dass man es auch im Stehen spielen kann, weil es so leicht ist“, erklärt sie und lässt sogleich eine Polka erklingen.

Talent schon in der Grundschule erkannt

Monika Petrova hat jetzt eine Stunde Zeit – eine der wenigen pro Woche – die sie einem Rückblick auf ihr bewegtes Leben bisher widmet. Geboren und aufgewachsen im nordbulgarischen Lovetch, wird ihr musikalisches Talent schon in der Grundschule erkannt. „Als ich zehn Jahre alt war, rief mein Musiklehrer meine Mutter an und sagte ihr, ich sei ein musikalisches Kind. Ich konnte damals schon viel nach dem Gehör spielen und er meinte, ich solle Klavier lernen“, erinnert sie sich.

Doch die Familie, die gerade umgezogen war und eine neue Wohnung einrichten musste, hatte für ein Klavier kein Geld. Da sprang der Opa ein – und änderte dadurch den Lebensweg des Mädchens. „Meine Mutter hatte meinen Großeltern davon erzählt und mein Opa war früher selbst in der Musik als Tänzer im Volkstanz. Er gab uns Geld für ein Akkordeon. Meine Mutter meinte, das ist kein Klavier, aber um Musiklehrerin zu werden, wird es schon reichen“, erzählt sie und lacht bei dem Gedanken, dass es fast 40 Jahre später nun genau so gekommen ist. „Trotz aller Erfolge ist die Prophezeiung meiner Mutter wahr geworden.“

Akkordeon ein reiches Instrument

Bis dahin legt Monika Petrova tatsächlich eine beeindruckende Karriere hin. Schon nach den ersten Unterrichtsstunden auf dem Akkordeon wird ihr Talent sichtbar. Zugleich mag sie das oft als Quetschkommode bespöttelte Instrument und bleibt dabei. „Das Akkordeon ist ein sehr reiches Instrument. Man kann damit alle Arten von Musik spielen. Ich mag Jazz und Barockmusik am liebsten. Und es passt einfach mit allen Instrumenten zusammen. Mein Ansporn ist es daher auch nicht, Solo-Künstler auszubilden, sondern das Spielen im Orchester zu lehren“, sagt sie.

Akkordeonlehrerin Monika Petrova Quelle: Bartsch

In Bulgarien wird sie als eine von drei Bewerberinnen an ein hochklassiges Musikgymnasium aufgenommen, macht dort ihr Abitur und erhält als Beste des musikalischen Jahrgangs eine Goldmedaille. Schon in der siebenten Klasse nimmt sie zum ersten Mal am Musikwettbewerb in Klingenthal teil. Damals lernt sie bereits den in Dresden geborenen Musikprofessor Georgi Galabov kennen, zu dem sie später als einzige Bewerberin am Akkordeon an die Nationale Musikakademie nach Sofia darf, wo sie 1997 ihr Akkordeon-Studium inklusive Pädagogikausbildung mit Auszeichnung abschließt. Damals lernt sie auf einer Tournee auch Freiberg kennen und knüpft die ersten Verbindungen in die Region. 2014 gründet sie mit anderen Schülern Galabovs eine Stiftung in dessen Namen in Bulgarien, für die sie nebenher arbeitet und unterzeichnet 2016 einen Partnerschaftsvertrag mit der Musikschule Mittelsachsen. Doch nach dem Uni-Abschluss ist noch nicht klar, dass Petrovas Weg dort einmal hinführen wird. „Ich wollte Profimusikerin werden, doch die Wende kam dazwischen. Es waren schwere Zeiten und niemand interessierte sich für diese Musik. Man hatte kein Geld für geistige Nahrung“, sagt sie.

Und so gibt sie drei Jahre lang Unterricht an der Armeeschule in Sofia, bevor sie den ersten von zwei Söhnen zur Welt bringt. Sie lernt fleißig deutsch und erhält ein viermonatiges Stipendium an der österreichischen Akademie für Wissenschaft und Kunst in Graz. Mit dieser Erfahrung kehrt sie in die bulgarische Hauptstadt zurück und beginnt, an deutschen Schulen zu unterrichten. Nach sechs Jahren wagt sie den Schritt in die Selbstständigkeit: „2006 habe ich mit einer Kollegin in Sofia einen Musikkindergarten eröffnet – mit zwei Krediten, die wir erst dieses Jahr abbezahlt haben“, erzählt sie.

Ganztägig Musik

Hier kann sie alle ihre Fähigkeiten einbringen. „Wir haben dort die Kinder ganztägig mit Musik erzogen. Morgens gab es Gymnastik mit Pop- und Latinomusik, mittags klassische Tafelmusik von Strauß, Mozart und Orff und vor dem Schlafen ruhige Musik wie Indianerklänge aus Südamerika“, erklärt sie. Beim Gedichtevortragen habe man den Rhythmus mit Klanghölzern mitgeschlagen. Durch das Singen wurde zudem das Erlernen der Fremdsprachen Deutsch und Englisch für die Kinder leichter.

In diesem Jahr hat Monika Petrova ihren Anteil an die Tochter ihrer Partnerin verkauft. Die Zeit war reif, das Angebot aus Deutschland gut. „Vor zwei Jahren war ich auf Tournee mit einem bulgarischen Orchester und lernte die Musikschulleiterin Margot Berthold kennen. Der Leiter des Orchesters musste damals kurzfristig mit Herzrhythmusstörungen ins Krankenhaus und ich übernahm spontan für ihn die Leitung. Da kam von Frau Berthold der Vorschlag, eine Akkordeonklasse zu gründen. Damals reichte aber die Stundenzahl nicht aus. Erst dieses Jahr war das möglich, als sie mir Bewerbungsgespräche auch im Erzgebirgskreis verschaffen konnte“, erzählt Petrova.

Ehemann und jüngerer Sohn in Deutschland

Seit 1. August ist sie nun mit Ehemann und jüngerem Sohn in Deutschland. Der junge Mann spielt Violoncello und soll nach dem Wunsch der Eltern an einer Musikhochschule in Weimar oder Dresden weiterlernen. Monika Petrovas Mann lernt derweil fleißig Deutsch, um schnell Arbeit zu finden. In Bulgarien war er Leiter eines Autoersatzteilversandes. „Er kommt auch aus der Musik – wir kennen uns schon seit der Schule. Aber er fiel musikalisch zurück, musste unser Geld verdienen, während ich meine Tausende Diplome gemacht habe“, sagt Petrova und lacht wieder.

Sie selbst will sich in den kommenden Jahren einen Schülerstamm aufbauen. Im Erzgebirgskreis, wo sie in Annaberg, Stollberg und Lößnitz arbeitet, hat sie bereits fünf Akkordeonschüler. Auch die Arbeit in Kindergärten setzt sie fort, unter anderem in der Berta Semmig-Kita in Döbeln. Eine fest angestellte Lehrerin zu sein, sei ihr Ziel. „Aber nichts fällt vom Himmel. Man muss sich seinen Namen erst erarbeiten“, sagt sie – und macht sich auf den Weg zu den nächsten Schülern.

Von Sebastian Fink

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