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DAZ-Porträt: Döbelns Bibliothekarin Kerstin Kleine

DAZ-Porträt: Döbelns Bibliothekarin Kerstin Kleine

Eigentlich wollte sie Lehrerin für Deutsch und Geschichte werden. In einem typischen DDR-Lenkungsgespräch wurde Kerstin Kleine aber ein anderer Job angeboten: Bibliothekarin in Döbeln.

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Bibliothekarin in der Kinderecke: Kerstin Kleine gibt dem gedruckten Werk den Vorzug vor elektronischen Lese-Computern. Und landet damit sogar bei eher lesefaulen Teenagern.

Quelle: Sven Bartsch

Döbeln. "26 Prozent!" Kerstin Kleine spricht diese Zahl langsam aus, obwohl die taffe Frau mit der eckigen Brille sonst eher aufgeweckt und schnell redet. Doch diese Zahl braucht etwas mehr Ausdruck und die Augenbrauen bewegen sich dabei ganz leicht nach oben. 26 Prozent ihrer "Kunden" sind weniger als 15 Jahre alt. Damit nutzen weit mehr Kinder die Stadtbibliothek als alle anderen Altersgruppen, Tendenz steigend. "Wir haben vor etwa vier Jahren beschlossen, dass wir speziell die Lese- und Medienkompetenz junger Menschen fördern wollen", erklärt Kleine.

Es war die Zeit, als der deutsche Pisa-Schock von 2001 noch tief im Bewusstsein der Menschen steckte. Die internationale Studie deckte damals heftige Leseschwächen bei deutschen Schülern auf. Kleine machte sich mit ihren Kollegen an die Arbeit. Ein Konzept wurde erstellt, Veranstaltungen speziell für Kinder geplant, in Fachzeitschriften hat sich Kleine informiert, was bei jungen Lesern gerade angesagt ist. Diese 26 Prozent sind Ergebnis dieser Arbeit. 2011 haben 90 Kinder mehr die Stadtbibliothek genutzt als noch im Vorjahr. Im ersten Halbjahr 2012 ist die Zahl junger Leser noch einmal um knapp fünf Prozent gestiegen. Mit Kindern und Jugendlichen arbeitet Kerstin Kleine gern. In der Döbelner Bibliothek kümmert sich die zweifache Mutter nicht nur um die Verwaltung und Organisation, sondern auch um die Lesebedürfnisse der Jugendlichen von der 5. bis zur 7. Klasse - eine Altersgruppe, in der es besonders viele Lesemuffel gibt. "Die Jugend hat in diesem Alter meistens ganz andere Sorgen", sagt Kleine. Keine leichte Aufgabe also, pubertierenden Teenagern das Lesen schmackhaft zu reden.

Eine ganz andere Herausforderung für eine moderne Bibliothek ist die technologische Entwicklung. Der Buchmarkt in Revolutionsstimmung. Fast jeder hat ein Smartphone und damit einen kleinen Computer in der Hosentasche, mit dem man im Internet surfen und Texte lesen kann, mit der richtigen Anwendung auch Bücher. Darauf will sich die Döbelner Stadtbibliothek einstellen. Kerstin Kleine bereitet diese Veränderungen mit Neugierde und einer zupackenden Art vor. Noch in diesem Jahr sollen in der Stadtbibliothek Bücher angeboten werden, die man im Internet ausleihen und dann mit Hilfe eines Computers, Smartphones oder E-Book-Readers lesen kann. "Wir planen die Einführung von E-Books noch in diesem Jahr. Mehr Infos bekommen sie nicht", sagt Kerstin Kleine trocken und mit einem Lächeln.

Technik begeistere sie, aber jedem Trend jage sie nicht hinterher. Die Frau mit den halblangen, blonden Haaren hält es gern pragmatisch. Einen Tablet-Computer bekam sie zu Weihnachten von ihren Kindern. "Mein Mann hatte sich beschwert, dass ich abends zu lange vor dem Computer sitze. Jetzt kann ich auch auf dem Sofa online Texte lesen", erzählt sie. Fachzeitschriften für Bibliothekare stehen meistens auf ihrer abendlichen Lektüreliste, um sich auf dem Laufenden zu halten.

Belletristik bevorzugt Kleine dann doch lieber gedruckt. Momentan am liebsten ausgewählte Krimis von Andreas Eschbach, Ingrid Noll und Martin Walker. Als junge Studentin verschlang Kleine Science Fiction Romane. "Mich hatte damals diese Vermischung aus Realität und Phantasie beeindruckt", sagt sie. Nach dem Abi studierte Kleine an der Fachschule für Bibliothekare und Buchhändler in Leipzig als Fernstudium und arbeitete zeitgleich als Bibliothekshelferin in Döbeln. Später leitete sie zehn Jahre lang die Kreisergänzungsbibliothek für den Altkreis, danach wurde die heute 47-jährige Leiterin der Stadtbibliothek. Sechs bis sieben Weiterbildungen absolviert Kleine pro Jahr, holt sich Anregungen auch aus Leipzig und Dresden. Wie zum Beispiel den Bookslam, ein Abklatsch der beliebten Poetryslams, nur dass Bücher statt Gedichte möglichst kreativ vorgestellt werden. Besonders ausgefallene Beiträge mit Theater, Musik oder Schattenspielen belohnt das meist sehr junge Publikum mit Beifall und haben gute Chancen auf den Wettbewerbssieg.

Andere Trends haben bei Kerstin Kleine keine Chance. Das Sadomaso-Buch "Shades of Grey" hat sie für ihre Bibliothek nicht bestellt, obwohl es sich momentan besser verkauft als jedes andere Buch auf dem Markt. "Mir kommt das Buch ein bisschen vor, wie ein Porno und bisher hat es bei uns auch noch niemand nachgefragt", erklärt sie unaufgeregt. So einfach ist das. Ganz pragmatisch. Eben typisch Kerstin Kleine, Döbelns Bibliothekarin.

Stefan Hantzschmann

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