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DAZ-Porträt: Gänsebauer Konrad Pratersch aus Ebersbach

DAZ-Porträt: Gänsebauer Konrad Pratersch aus Ebersbach

Besinnlich ist die Zeit vor Weihnachten für Konrad Pratersch wohl nicht gerade: Vor allem in der letzten Woche vor den Feiertagen steht der 60-Jährige Tag für Tag in seinem Schlachthaus, um anderen den Festtagsbraten zu sichern.

Ebersbach. Es ist wohlig warm in der kleinen Küche, auf dem großen weißen Tisch in der Mitte wartet frischer Kaffee. Konrad Pratersch sind seine Lebensjahre anzusehen, ein wenig gebückt läuft er, das Haar ist weiß, die Hände von der rauen Arbeit auf dem Hof gezeichnet.

Seine Eltern wollen nicht, dass der Sohn sein Geld mit Landwirtschaft verdient. Dabei wächst Konrad Pratersch, der sein Abitur macht und dann Maschinenbau an der TU Dresden studiert, genauso auf: Inmitten von Landwirtschaft, auf dem 1889 erbauten Hof, den seine Eltern kaufen, als der Sohn drei Jahre alt ist. In Höckendorf unterhält die Familie eine kleinere Bauernwirtschaft, bevor sie sich in Ebersbach mit Schweinen, Kühen, Hühnern und Getreide erweitert. "Sie haben viel Arbeit in den Hof gesteckt", sagt der Sohn über die Eltern. Drei Familien leben damals von dem Hof - "heute undenkbar", so Konrad Pratersch, der sich noch immer stark verpflichtet fühlt, das Erbe zu erhalten.

"Mein Weg war nicht immer geradlinig", sagt er und es klingt, als wünsche er sich, dass es anders wäre. Er wirkt verlegen in diesem Moment. Ab und zu huscht ein kurzes Lachen über das ansonsten meist ernste, wettergegerbte Gesicht. Dabei sind es eher die letzten 20 Jahre, die dem studierten Maschinenbau-Ingenieur zugesetzt haben. Gesundheitlich, vor allem psychisch. Bis 1991 ist Konrad Pratersch Betriebsteilleiter im Mischfutterwerk Sörmitz, das zum Kraftfuttermischwerk Leipzig gehört. Er ist zu diesem Zeitpunkt seit 13 Jahren verheiratet, die beiden Söhne sind elf und sieben Jahre alt. Nach der Wende macht der Familienvater erstmals Bekanntschaft mit Existenzängsten. 1992 übernimmt er den elterlichen Hof, doch sein Brot mit diesem zu verdienen, kann sich der arbeitslose Ingenieur zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen. Heute bereut Konrad Pratersch, dass er sich nicht früher schon auf die Landwirtschaft konzentriert hat. "Ich dachte immer, dass ich nur in der Industrie gut verdienen kann." Doch er spürt bald, dass es nicht reicht, engagiert zu sein, einen Ingenieurabschluss und Erfahrungen in der Tasche zu haben. Viele Bewerbungen verlassen sein Haus, viele Male blitzt er ab. In der Meliorationstechnik wird er als Technischer Leiter angestellt, später ist er Prüfingenieur für Brücken beim Straßenbauamt Döbeln.

Gesundheitlich geht es bergab. Wochenlang kann Konrad Pratersch nachts nicht schlafen, die Hände zittern. "Ich dachte, ich habe es mit den Nerven." Er sucht Hilfe, wendet sich an die Klinik in Hochweitzschen.

Bis eine Überfunktion seiner Schilddrüse festgestellt wird, geht viel Zeit ins Land, später wird sie herausoperiert. Konrad Pratersch kämpft mit Depressionen, ist manisch. "Ich bin von himmelhoch jauchzend in Zu-Tode-betrübt gefallen." Vor allem in der Winterzeit, wenn die Gänse raus und weniger Arbeit auch auf dem Hof ist, wird es immer öfter dunkel um den Familienvater. Dann geht er nicht mehr so viel Laufen, obwohl ihm das immer gut tut. Dreimal ist er innerhalb von zehn Jahren im Krankenhaus, kämpft gegen die Dämonen, das letzte Mal vor sechs Jahren.

Dass er keine Arbeit entsprechend seiner Qualifikation findet, belastet ihn. Als er auch den Job als Bauabrechner und Bauhelfer bei der Hoch- und Tiefbau Döbeln verliert, wagt er mit seinem Hof doch den Weg in die Selbstständigkeit. Er gründet eine Ich-AG und schlittert geradewegs in seine größte Lebenskrise. "Ich habe immer gehofft, dass ein tüchtiger Mensch alles schafft." Drei Jahre kann er sich einigermaßen über Wasser halten, doch als die Förderung vom Arbeitsamt wegfällt, bricht seine Existenz zusammen. "Das habe ich nervlich nicht durchgestanden." 2006 ist er am Tiefpunkt in seinem Leben angekommen, auch familiär. "Fast ein Jahr lang war ich weg", sagt er, richtet den feuchten Blick nach unten, die Lippen zittern.

Das ist sechs Jahre her. Inzwischen schaut Konrad Pratersch wieder nach vorn, mit erhobenem Kopf. Er läuft regelmäßig, nimmt wie früher an vielen Wettkämpfen in der Region teil. Er beschäftigt sich mit seinem Körper, mit Ernährungskonzepten und achtet auf seine Gesundheit. Und der 60-Jährige, dem der Ruf des Eigenbrödlers anhängt, hat dazu gelernt. "Früher war ich lieber für mich allein, jetzt bin ich doch gern mal unter Leuten."

Als er zurück aus der Klinik kommt, verpachtete er sein Land an die Ebersbach-Otzdorfer Milchproduktion. Vier Stunden arbeitet er für das Unternehmen im Kuhstall, "wenn man es wissenschaftlich ausdrückt, bin ich dort Techniker", sagt er und schmunzelt, ganz kurz nur. Ein wenig Ironie ist dabei. Doch der Job hilft ihm. Denn nebenher ist er weiter selbstständig. Und mittlerweile läuft sein Geschäft wieder gut. Sukzessive hat er es erweitert. Schnellmast gibt es bei ihm nicht. 250 Grünland-Gänse - "wenig Fett, dafür festes Fleisch" - und 300 Enten macht er im Jahr. Inzwischen schlachtet er sie selbst, hat das Ausnehmen gelernt. Einmal pro Woche geht Konrad Pratersch auf seine "Eiertour", liefert an einen großen Stammkundenkreis. "Zurzeit", sagt er, "ist fast alles rundherum gut. Ich habe gemerkt, dass ich mit Ehrgeiz viel schaffen kann - wenn es mir gesundheitlich einigermaßen gut geht." Konrad Pratersch will möglichst lange leben, Erfolg haben. Einfach "zu etwas nütze sein", sagt er. Vertrauen in sich selbst hat er wieder gefunden. Ob er dieses Jahr an Weihnachten in die Kirche geht, weiß er nicht. "Ich glaube nicht an Gott. Aber ich liebe die Musik von Bach..."

Manuela Engelmann

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