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Döbeln DAZ-Porträt: Vom Blumenladen auf den Treck
Region Döbeln DAZ-Porträt: Vom Blumenladen auf den Treck
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21:00 19.07.2013
Liebevolle Pferdepflege: Normalerweise betreibt Annemarie Schumann einen Blumenladen am Döbelner Niederfriedhof. Für eine Woche unterbrach sie jetzt ihre Arbeit, um als Siedlerin am 20. Historischen Besiedlungszug teilzunehmen. Zu Fuß, der gutmütige Haflinger-Hengst "Steppke" gehört ihrer Zeltnachbarin. Quelle: Dirk Wurzel

Ihre derzeitige Hautfarbe zeugt von viel frischer Luft und Sonnenschein. Das leicht sonnenverbrannte Gesicht wirkt glücklich, als sie über die bisweilen anstrengenden Tage des mehrtägigen Marsches erzählt.

Das frischluftverwöhnte Gesicht gehört der 61-Jährigen Döbelnerin Annemarie Schumann. "Ich wandere in meine Geburtsstadt Meißen", sagt die Floristin. In der Domstadt an der Elbe lebte sie vier Jahre lang, bevor ihre Familie in die Region Döbeln zog und Landwirtschaft betrieb. "Ich bin auf dem Bauernhof groß geworden", sagt Annemarie Schumann. Auch jetzt betreibt sie gewissermaßen noch Landwirtschaft auf dem Bauernhof, denn eine Herde Gänse lebt neuerdings dort. "Hauptsächlich, um das Gras kurz zu halten."

Die Tiere des Besiedlungszuges haben keine Schnäbel. "Wenn man früh aufwacht, wiehert es", berichtet Annemarie Schumann, die über die stolze Anzahl der Pferde nicht unglücklich ist. Denn während des Erzählens striegelt sie einen Haflinger-Hengst namens Steppke, der noch in der DDR-Zeit das Licht der Welt erblickte. Das gutmütige Pferd mit langer blonder Mähne gehört Ulrike Locker. Die gebürtige Grimmaerin lebt jetzt in Rothenfurt, das zur Stadt Großschirma gehört und eine Wegmarke der diesjährigen Route des Besiedlungszuges war. Ulrike Locker ist Annemarie Schumanns Zeltnachbarin. Locker ist nicht nur ein Name, es ist zu weiten Teilen auch der Umgang der Siedler miteinander. "Wer offen ist, kommt schnell mit den Leuten ins Gespräch. Auch ernste Themen kommen da zur Sprache", sagt die Siedlerin auf Zeit aus Döbeln.

Annemarie Schumann berichtet aber auch von gewissen gruppendynamischen Prozessen. Zum Beispiel, dass die Siedlungszug-Veteranen abends gern unter sich bleiben. Dass sich die meisten Siedler nur mit Vor- oder Spitznamen kennen, ist ein weiteres Phänomen: "Zeckenzange" heißt zum Beispiel ein als Sanitäter arbeitender Siedler, den kaum einer mit seinem richtigen Namen anspricht, wenn er Hilfe bei kleineren medizinischen Problemen benötigt.

Für Annemarie Schumann war die Entscheidung zur Siedlerzug-Teilnahme ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite wollte sie unbedingt beim 20. historischen Siedlungszug dabei sein, und zwar die ganze Zeit. Auf der anderen Seite ist die Sorge um ihre Mutter. Sie ist 99 Jahre alt.

Aber: "Ich wollte unbedingt beim 20. Mal dabei sein, auch um einmal abzuschalten. Diese Auszeit habe ich schon lange geplant." Im Wandern erprobt ist die schlanke Blumenhändlerin aus Döbeln allemal, hat bereits an mehreren Sachsen-Dreiern teilgenommen. 2010 ist sie zum ersten Mal bei einem historischen Besiedlungszug mitgelaufen. Jedoch passierte ihr auf der aktuellen Siedlerwanderung ein kleines Malheur. Ein Sturz zwang Annemarie Schumann für einen Teil der Strecke auf den Kutscherbock. Blaue Flecke am Schienbein sind die Überbleibsel dieses Unfalls.

Faszinierend für die Döbelnerin ist auch die Internationalität des Siedlungszuges. Unter den Siedlern sind nicht nur ganz unterschiedliche sächsische und deutsche Dialekte zu hören, sondern auch fremde Sprachen. Amerikaner nehmen an dem beweglichen Mittelalter-Spektakel teil. Und sogar ein junger Ghanaer zieht mit von Ort zu Ort, dem Ziel Meißen entgegen.

Der junge Mann vom schwarzen Kontinent erinnert die Döbelnerin Schumann an ihre eigene Zeit in Afrika: "Ich habe mich bei einem Verein engagiert, der gegen die Genitalbeschneidung von Mädchen wirkt, war mit diesem Verein in Kenia." Zudem half sie dort bei der Feldarbeit. "Ich habe mir vorgenommen, wieder nach Afrika zu gehen", sagt Annemarie Schumann, deren eigener Haushalt sogar international ist. Denn die Schumanns beherbergen seit 13 Jahren Austauschschüler, hatten zuletzt eine junge Japanerin zu Gast.

Die eigenen Kinder, eine Tochter und zwei Söhne, sind bereits aus dem Haus und haben in anderen Gegenden Deutschlands Fuß gefasst. Die Söhne leben am Bodensee und Mutter Schuhmann zieht es ein wenig dorthin. Aber das hieße, den Blumenladen am Friedhof aufzugeben und die Heimat zurückzulassen.

Ein Teil dieser Heimat ist Nossen, denn hier lernte Annemarie Schuhmann einst im Sortenamt und kehrte nun im mittelalterlichen Gewand auf Schusters Rappen an den Ort ihrer Lehre über einen weiten Umweg zurück. Das Abenteuer Historischer Besiedlungszug machte es möglich. "Die 350 Euro für eine Woche Teilnahme sind es mir absolut wert", sagt sie. Die Verpflegung stimmt, die Organisation auch. "Nur Dixie-Toiletten sollten einem liegen", sagt sie mit ironischem Unterton, auch als Hinweis für neue Teilzeitsiedler im nächsten Jahr.

Dirk Wurzel

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