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Das Handicap ist seine Chance

Das Handicap ist seine Chance

Die Frage, was normal ist, hat er sich selbst nie wirklich gestellt: Martin Schulz fehlt von Geburt an der linke Unterarm. Natürlich wird der 22-jährige Döbelner darauf oft angesprochen.

Döbeln/Leipzig. Groß gewachsen ist er, durchtrainiert, mit breiten Schultern. Aus dem kleinen Martin Schulz, der mit fünf Jahren das erste Mal ins Döbelner Schwimmbecken hüpfte, ist ein junger Mann geworden. Einer, der für sein Alter überdurchschnittlich viel herumgekommen ist in der Welt. Zuletzt war er in Neuseeland zur Paratriathlon-Weltmeisterschaft, von der er mit Silber zurückgekehrt ist. Davor ist er in London bei den Paralympics am Start gewesen - als Schwimmer. Denn Schwimmen, das kann der 22-Jährige, der gerade drei "fürchterliche" Wochen Trainingszwangpause hinter sich und gleich fünf Kilo zugenommen hat, richtig gut. Schon immer.

Seine Eltern schicken ihn in Döbeln in einen Schwimmkurs, weil sie fürchten, dass er später in der Schule wegen seines fehlenden Unterarms beim Schwimmunterricht benachteiligt sein könnte. Doch Martin gehört zu den ersten in seinem Kurs, die das Seepferdchen ablegen. Und er ist schon als kleiner Steppke schneller als andere, denen kein Körperteil fehlt.

Die Klettverschlüsse nerven irgendwann

Mit seinem Handicap kommt Martin Schulz gut klar. Eigentlich sind es immer die anderen, die sein Anderssein thematisieren. "Vielleicht hab ich es als Kind ein bisschen verdrängt, aber ich hab mir auch nie große Gedanken darüber gemacht. Ich bin so geboren, der Arm war halt nie da." Warum, das weiß keiner, genetisch bedingt ist es jedenfalls nicht. Martin Schulz vermisst die linke Extremität nicht schmerzlich, er kommt gut zurecht. Sicher, seine Mutter versucht, ihren kleinen Sohn zu beschützen, achtet auf viele Dinge, die ihm wegen seines Handicaps schwerer als anderen fallen könnten. Doch als er in der zweiten Klasse ist, bringt er sich selbst das Schnürsenkelbinden bei, weil ihn die Klettverschlüsse an den Schuhen einfach nerven. Er fährt mit Begeisterung Rad - zum Leidwesen seiner besorgten Mutter - und beweist den Mitschülern in der Körnerplatzschule, dass er auch mit einem Arm genauso gut Basketball spielen kann wie alle anderen. Essen mit Messer und Gabel ist für ihn schon lange kein Problem mehr. Wird er heute in der Gaststätte gefragt, ob man ihm das Fleisch schneiden soll, kann er dankend ablehnen. Selbstständigkeit ist etwas, das Martin Schulz früh entwickelt. Ehrgeiz auch.

Schwimmtrainerin Simone Jentzsch erkennt das Potenzial des Jungen, holt ihn in den Verein. "Ich hab' gesehen, dass ich mehr als nur mithalten kann", erinnert sich Martin Schulz, der dann als Teenager bei großen Wettkämpfen für den Leipziger Behindertensportverein startet. "Und ich wollte schneller sein, einfach beweisen, dass ich besser bin." Enttäuscht sei er immer gewesen, wenn er langsamer war als andere. An sein Handicap hat er dabei nicht gedacht. Nur ganz selten gibt er sich der Vorstellung hin, wie viel schneller er mit zwei kompletten Armen wohl sein könnte. Inzwischen ist das kein Thema mehr.

Mit 14 Jahren ändert sich Martin Schulz Leben das erste Mal einschneidend. Er wechselt auf eigenen Wunsch und auf Empfehlung von Anke Tanz, seine Trainerin beim Behindertensportverein Leipzig, an die Sportmittelschule und damit ins Internat. "Ich hab mir vorher nicht überlegt, was das für mich bedeuten könnte, ich wollte es nur unbedingt." In Leipzig ist er einer von vielen guten Sportlern und erlebt erstmals intensiv Skepsis seiner Behinderung gegenüber. "Das erste Jahr war nicht ganz so schön." Mit dem Wechsel aufs Sportgymnasium wird es besser, Martin Schulz ist zwar auch dort ein Exot, doch die Akzeptanz ist eine andere. Der junge Sportler genießt sein Leben, das, was er tut. Die Freiheiten, die er trotz des mit Schule und Training straff durchgeplanten Alltags im Wohnheim und später in der eigenen WG hat.

Obwohl er von Kindesbeinen an Schwimmer ist, schlummert in Martin Schulz schon früh noch ein anderer großer Traum. "Ich wollte schon immer gern Triathlon machen", schmunzelt der 22-Jährige, der momentan eine von IHK und Olympiastützpunkt geförderte Ausbildung zum Bürokaufmann bei den Leipziger Stadtwerken macht und anschließend gern noch studieren möchte. Und er erinnert sich lebhaft an seinen ersten Wettkampf. Als 15-Jähriger bittet er seinen Onkel Reiner Berndt, ihn zum Silberstromtriathlon nach Schneeberg begleiten zu dürfen. Der Onkel ist begeistert, ahnt allerdings nicht, dass sein Neffe selbst auch an den Start gehen will. "Als ich dann morgens mit meinem Rad vor seiner Haustür stand, hat er nicht schlecht gestaunt." Martin Schulz zieht sein Ding durch. Seine Eltern hegen große Bedenken - mit dem Rad in einem Rennen zu fahren, ist immerhin noch einmal einen Zacken schärfer, schon ohne Handicap. Die Organisatoren in Schneeberg sind zunächst baff, wissen mit dem Jungen ohne linken Unterarm nichts anzufangen. Aber: "Sie haben mir die Startgebühr erlassen und ich durfte mitmachen." Saukalt sei es gewesen, und er war einer von drei Startern, die ohne Neoprenanzug ins Wasser gingen. Allerdings kam er auch als einer der ersten wieder heraus. "Der Sprecher war irritiert, wusste wahrscheinlich nicht was er sagen sollte und hat mich als den 'einarmigen Sportler aus Döbeln' angesagt." In der Wechselzone braucht er ewig, bevor er sich auf sein stinknormales Rad schwingen kann. Er beißt sich durch, quält sich beim Laufen und kommt doch mit einer ordentlichen Zeit ins Ziel. Die deutsche Triathlongröße Faris al Sultan, der im selben Jahr Weltmeister auf Hawaii wird, ist auch am Start. Vielleicht ist das ein gutes Omen für Martin Schulz, der später immer mal wieder kleinere Triathlons für Nichtbehinderte mitmacht.

Als er im Januar 2011 eher zufällig mitbekommt, dass Triathlon paralympisch geworden ist, gibt es für ihn kein Halten mehr. Er will die Wege nutzen, die sich ihm eröffnen. In Hamburg stehen die Deutschen Meisterschaften an und der Döbelner denkt sich "Das passt ganz gut, mach ich einfach mal mit." Er siegt überragend, qualifiziert sich für die Europameisterschaft der Paratriathleten und gewinnt auch dort in seiner Kategorie. Damit haben sich die Befürchtungen von Bundes-Schwimmtrainerin Ute Schinkewitz erfüllt: "Nicht, dass wir dich noch an den Triathlon verlieren..." Denn bis London, wo er bei den Paralympics starten will, "schwimm ich noch", sagt sich Martin Schulz. Danach will er die neue Welt, die des Triathlon, erobern.

Nächstes Jahr Weltmeister werden

Das Danach hat angefangen. Bei der Weltmeisterschaft im Oktober in Neuseeland wird der Döbelner Zweiter hinter einem Franzosen und freut sich jetzt schon auf die Revanche nächstes Jahr: "Den krieg ich auf jeden Fall", ist sich Martin Schulz sicher und die Augen des ansonsten eher zurückhaltenden jungen Mannes blitzen. Er liebt die Herausforderung. Eine neue große steht ihm gerade wieder bevor. Als erster und bislang einziger Sportler mit einer Behinderung ist er jetzt Teil einer "normalen" Mannschaft, geht ab 2013 im mittelsächsischen Bike24 Triteam in der 2. Bundesliga an den Start. Beim Schwimmen macht ihm auch dort keiner etwas vor, und beim Laufen wird er immer besser. Sein Knackpunkt ist das Rad, "da fehlt mir noch etwas Training". Die besten fünf im zehn Mann starken Team kommen pro Rennen in die Wertung - keine Frage, dort will Martin Schulz hin, das ist sein Ansporn.

Er wird es mit eisernem Training schaffen, wie bisher auch. Der 22-Jährige, der nächstes Jahr wieder zum deutschen A-Kader im Paratriathlon gehört und 2016 bei den Paralympics starten will, hat seinen Weg längst gefunden und ein Zwischenziel erreicht: "Ich kann jetzt sagen, ich bin ein Triathlet." Dass er mit zwei kompletten Armen wahrscheinlich sogar schon viel eher richtig im Triathlon angekommen wäre, stört ihn nicht. "Ich habe mir nie gewünscht, dass mein fehlender Arm da ist", sagt er und weiß: "Vielleicht hätten sich für mich dann all diese Wege gar nicht eröffnet." Manuela Engelmann

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