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"Der Mensch ist neugierig und vom Wesen her sozial"

"Der Mensch ist neugierig und vom Wesen her sozial"

Am Sonntag ist Bundestagswahl. Sieben Kandidaten stehen für den Wahlkreis Mittelsachsen auf dem Wahlzettel. Im DAZ-Interview spricht heute der Kandidat der Piratenpartei, Dr. Stephan Pschera über Facebook, Gewinnbeteiligungen und ein Bedingungsloses Grundeinkommen.

Döbeln.

 

Der 48-jährige Frankensteiner (Oederan) betreibt in der klein-erzgebirgischen Heimat einen Ferienhof und ist kirchlich engagiert.

 

Herr Pschera, Sie halten sich - im Gegensatz zu anderen Kandidaten - mit politischen Statements und öffentlichen Auftritten eher zurück. Als Mitglied einer selbst ernannten Internetpartei sind Sie auch online kaum auffällig. Was ist los?

 

 

Ich bin, was die neuen Medien betrifft, tatsächlich sehr zurückhaltend. Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Der Pirat und der Privatmensch. Ich halte die Privatsphäre persönlich sehr hoch. Die Twitter- und Facebook-Mentalität liegt mir einfach nicht.

 

Was stört Sie daran?

Öffentlich über alles das zu diskutieren was uninteressant ist, widerstrebt mir. Ich versuche, das Internet politisch lediglich dafür zu nutzen, auf meiner Homepage zu informieren. Auch wenn das Angebot dort zugegebenermaßen momentan noch katastrophal ist.

Sie sind in der Region Döbeln - ein nicht unbedeutender Teil des Wahlkreises 161 - zudem eher unbekannt. Eine bewusste Zurückhaltung?

Ich habe den Döbelner Bereich etwas vernachlässigt, das stimmt. Aber bis zu meiner Kandidatur auch nicht den Anlass, hier öffentlich in Erscheinung zu treten.

War die Nominierung zum Direktkandidaten geplant oder eher ein Zufallsprodukt?

Ich habe erst im Herbst vergangenen Jahres begonnen, an Versammlungen der Partei teilzunehmen. Und ziemlich vehement dafür plädiert, einen Direktkandidaten für Mittelsachsen zu benennen-

-und hatten damit prompt das Los gezogen?

Richtig.

Sie sind - jedenfalls was die Netzaffinität betrifft - ein eher untypischer Pirat?

Ich würde den gesamten Kreisverband Mittelsachsen der Piratenpartei als untypisch bezeichnen. Wir haben ein vergleichsweise hohes Durchschnittsalter und konzentrieren uns mehr auf die sozialen und umweltpolitischen Themen.

Ist der Begriff "Internetpartei" als Synonym für die Piraten längst überholt?

Es ist nicht mehr nur das. Die Netz-Affinität der Piraten ist natürlich immer noch ein Alleinstellungsmerkmal. Aber es haben sich auch zu gesellschaftlichen Problemen feste Meinungen gebildet, die durchaus mehrheitsfähig sind. Der Vorwurf, die Piratenpartei hätte kein richtiges Wahlprogramm, stimmt so nicht.

Seit wann sind sie Mitglied bei den Piraten?

Seit zwei Jahren.

Was war der Grund, dort einzutreten?

Weniger die Internetthematik, wie ­gesagt. Eingetreten bin ich, weil ich sie ­zunächst als reines Zählmitglied stärken wollte. Ich war der Meinung, die sollten Ernst genommen werden und habe das mit meiner Mitgliedschaft unterstützt.

Wann und warum wurde mehr daraus?

Mir gefällt, dass sich die Piraten stärker den Menschen- und Bürgerrechten als jede andere Partei widmen. Wenn man sich die Flüchtlingssituation in Italien anschaut, wo die Menschen sich selbst überlassen werden, ist das eine Tragödie.

Sachsen nimmt hingegen gerade im Syrienkonflikt Flüchtlinge auf.

Flüchtlinge aufzunehmen, ist nur die eine Seite der Medaille. Die Frage ist doch, ob der Weg, auf dem die Flüchtlinge hierher gelangen, ein humanitärer Weg ist. Dieser Frage widmen wir uns und das finde ich wichtig.

Wie ist es um die Menschenwürde in unserem Land bestellt?

Im Sozialhilfebereich sehe ich sie in Frage gestellt.

Wo genau?

Hartz IV. Die von vornherein festgelegten Sanktionen, die Leistungsbeziehern drohen, halte ich für einen unwürdigen Mechanismus. Es ist ein systemisches Problem, dass wir uns anmaßen, die Menschen nach nützlich und unnütz einzustufen.

Was schlagen Sie vor?

Die Sozialgesetzgebung muss überdacht werden. Wir uns klarmachen, dass die Sanktionierungen das persönliche Leben auf negative Weise beeinflussen, ohne dass der Betroffene eine Chance hat, selbst aus dem Tal zu kommen.

Würden weniger Verbote und Regeln die soziale Hängematte nicht noch mehr zum Ruhepolster machen?

Die soziale Hängematte ist nicht so bequem, glauben Sie mir. Es steht die Frage, ob wir Wege anbieten, wie Menschen aus der sozialen Misere hinausfinden können oder ob wir sie ihrem Schicksal überlassen.

Trägt dafür nicht Jeder auch eine Eigenverantwortung?

Die stelle ich nicht in Abrede. Natürlich ist jeder eigenverantwortlich dafür, sein Leben zu gestalten. Aber er ist nicht verantwortlich dafür, dass er Jobs nachgehen muss, von denen er nicht leben kann.

Was ist das Konzept der Piraten? Die Menschen stärker an die Hand nehmen?

Es ist das Konzept der Linken, zu glauben, alle Menschen sind doof und müssen an die Hand genommen werden. Nein. Wir glauben an die Triebfeder jedes Einzelnen, arbeiten gehen zu wollen, wenn es ihn und die Familien ernährt. Wir müssen aber die Basis schaffen, dass sich die Leute entwickeln können. Möglichkeiten bieten, die Menschen überzeugt und antreibt.

Wenn Sie also behaupten, die Sozialgesetzgebung in Deutschland ist - so wie sie ist - menschenunwürdig: Wollen Sie diese reformieren oder gänzlich abschaffen?

Da gibt es bei den Piraten zwei Strömungen. Ich denke, sie ist nicht reformierbar. Es käme aber auf den Versuch an, das Recht auf eine sichere Existenz und gesellschaftliche Teilhabe im bestehenden System auch durchzusetzen.

Die Abschaffung von Sanktionen würde alle Probleme lösen?

Mit Sicherheit nicht.

Stattdessen? Was kommt einer Lösung näher?

Das Bedingungslose Grundeinkommen.

Das Arbeitsplätze beziehungsweise eine starke Wirtschaft voraussetzt.

Wir haben eine hohe Industrialisierung, einen sehr hohen Wohlstand und wenig Arbeitsplätze. Es gilt das, was da ist zu nutzen. In der Pflege beispielsweise gibt es mehr Arbeit als früher. Auch mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen wird es Menschen geben, die sich mit der Grundsicherung zufrieden geben werden. Doch der Mensch ist neugierig und vom Wesen her sozial. Ohne psychische Belastung durch ständig drohende Zwangsmaßnahmen werden Einige neue, eigene Wege finden und Innovationen anstoßen. Andere werden Arbeiten übernehmen, die sich wirtschaftlich nicht lohnen und heute ins Ausland verlegt werden oder aussterben.

Geht es Deutschland zu gut?

Die Verteilung ist ungerecht. Die Menschen müssen stärker an dem beteiligt werden, was wir erwirtschaften. Die Energiewende ist das beste Beispiel dafür. Es wird im Osten mehr Ökostrom gewonnen als im Westen. Trotzdem bezahlen die Menschen hier höhere Netzentgelte und haben von den Gewinnen nichts zurück. Stattdessen wird der Überschuss in den Westen, nach Polen und Tschechien verschenkt, damit dort das grüne Gewissen rein gewaschen wird.

Die Energiewende wird als deutsches Erfolgsmodell gefeiert. Zu Unrecht?

Die Grünen haben dafür gesorgt, dass die Geschäfte mit Erneuerbaren Energien den Konzernen überlassen bleiben. Wir müssen das Ganze aber stärker nach unten weitergeben, anstatt es nur nach oben zu verteilen. Die Energiewende an sich ist gut und fortzuführen. Wir wollen dafür sorgen, dass eine preisgünstige und umweltschonende Energieversorgung sichergestellt wird.

Wenn Sie zurückschauen: Denken Sie, dass sich der Erfolg der Piratenpartei vor fünf Jahren zu dieser Wahl fortsetzt?

Da bin ich einigermaßen verwirrt. Wenn ich die Medien verfolge, den Umfragen Glauben schenken würde oder das Geschehen auf Bundesebene verfolge, überlege ich manchmal, warum es uns überhaupt noch gibt. Wenn ich andererseits in Gesprächen mit Bürgern an den Infoständen bin, denke ich: 20 Prozent hast du schon sicher. Diese Gespräche machen mich optimistisch, weil es immer mehr gibt, die sich von uns mitnehmen lassen. Und außerdem: Die Piraten haben das Potenzial, viele Nichtwähler anzusprechen. Es wird also spannend.

Sind Sie mit dem Verlauf der Arbeit in dieser jungen Partei zufrieden?

Es ging doch sehr harmonisch los. Und ich finde es durchaus beachtlich, was wir mittlerweile hingelegt haben. Wir benennen konkrete programmatische Punkte, die sich mit den wesentlichen Problemen der Gesellschaft beschäftigen und es ist uns gelungen, eine recht umfassende Bürgerbeteiligung zu entwickeln.

Gibt es konkrete Themen, wo Sie sich im Bundestag stärker positionieren möchten?

Da stehen wir auf relativ soliden Füßen. Es wird wichtig sein, die Beteiligung der Menschen und die Fortführung der Energiewende im Auge zu behalten. Und alles nicht weiter zu Lasten der Demokratie.Interview:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

48

 

 

Frankenstein (Oederan)

 

 

Diplom-Ingenieur

 

 

seit 2011 Mitglied der Piratenpartei.

 

 

Einführung des Bedingungslosen Grundeinkommens, Fortführen der Energiewende mit Bereitstellung von preisgünstiger und umweltfreundlicher Energie, freier Zugang zu Information und Bildung

Thomas Lieb

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Döbeln in Zahlen

Bundesland: Sachsen

Landkreis: Mittelsachsen

Fläche: 91,64 km²

Einwohner: 24.157 Einwohner (Dezember 2016)

Bevölkerungsdichte: 264 Einwohner/km²

Postleitzahl: 04720

Ortsvorwahlen: 03431

Stadtverwaltung: Obermarkt 1, 04720 Döbeln

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