Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Döbeln Aufräumen in der Region Döbeln: Der Schlamm muss weg
Region Döbeln Aufräumen in der Region Döbeln: Der Schlamm muss weg
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:50 12.06.2018
Kameraden und eine Kameradin der Freiwilligen Feuerwehr Ostrau säubern mit kräftigem Wasserstrahl den verschlammten Gehweg in Zschochau. Quelle: Sven Bartsch
Anzeige
Region Döbeln

Auch zwei Tage nach dem Gewitter mit Hagel und Starkregen über der Region Döbeln gingen am Montag die Aufräumarbeiten weiter.

Zehn Meter breite Schlammlawine

Zehn Meter breit und bis zu einem Meter hoch wälzte sich die Wasser- und Schlammlawine durch die Hohle, die sich hinter den Häusern am Holländerweg in Döbeln befindet. Die Familien Bauer/Zschockelt und Blümel sind dort am meisten betroffen. Eine dicke Schlammschicht ist in den Gärten am Holländerweg 7 und 9 zurückgeblieben. „Ich könnte heulen“, hatte Evelin Bauer gesagt, als sie am Sonnabendabend ein Video von der Katastrophe drehte. Am Montag war sie wieder gefasster, schippte den Schlamm im Garten auf einen großen Haufen. Ihr Lebensgefährte René Zschockelt hat sich einen Bagger ausgeliehen, damit es voran geht. Auch Jenni und Robin Blümel vom Nachbargrundstück sind am Aufräumen und Schippen. „Die Wassermassen kamen mit so einer Wucht, dass sie unser Gartenhäuschen mehrere Meter mit sich gerissen haben“, zeigt Robin Blümel auf das kleine Häuschen, das jetzt beim Nachbarn steht. „Uns ist das mit so einer Schlammlawine schon zum wiederholten Mal passiert. Da muss doch mal etwas unternommen werden. Wir zahlen Grundsteuern, jetzt wird noch Regenwassergebühr verlangt. Aber wer zahlt uns den Schaden, der jetzt entstanden ist“, sagt und fragt Evelin Bauer.

Jenni und Robin Blümel sowie Evelin Bauer (v.l.) schaufeln Schlamm auf ihren Grundstücken am Holländerweg in Döbeln-Gärtitz. René Zschockelt arbeitet mit dem Bagger. Quelle: Olaf Büchel

Bei dem Unwetter am Sonnabend lief auf dem großen Rübenfeld zwischen Holländerweg und Gärtitzer Weg eine riesige Menge Niederschlagswasser zusammen, das dann wie ein breiter Fluss in der vorhandenen Senke hinab nach Gärtitz rauschte. Unten angekommen floss es An der Kremsche in den Bach, der über die Ufer trat. „Das Wasser kam hier an, als hätte jemand ein Staubecken geöffnet“, schildert Evelin Bauer. Die betroffenen Familien stellten am Montagmittag einige Fragen: Wann kommt jemand von der Stadt, um sich den Schaden anzuschauen? Wann kommt der Landwirt, der den Acker oberhalb bewirtschaftet? (Beide seien verständigt worden.) Wer bezahlt die Entsorgung des Mülls, der angeschwemmt wurde? Bringen die Arbeitgeber genug Verständnis dafür auf, dass die Betroffenen Zuhause erst einmal aufräumen müssen? Und: Kann etwas unternommen werden, damit sich so eine Katastrophe am Holländerweg nicht wiederholt?

OB Egerer: Bürger sollten ihr Eigentum selbst schützen

Oberbürgermeister Hans-Joachim Egerer (CDU) dankt allen, die in Döbeln und den Ortsteilen geholfen haben, die Auswirkungen des Unwetters zu beseitigen. Dazu gehörten auch Verwaltungsmitarbeiter. Sein besonderer Dank geht an die mehr als 70 Feuerwehrleute aus Döbeln und den angegliederten Ortswehren sowie dem THW Döbeln für ihren starken Einsatz, nachdem viele von ihnen bereits eine Woche zuvor im Bereich Choren und auf der Autobahn 14 Außergewöhnliches leisteten.

Juliane Winkler räumt im Keller des Wappenhenschstiftes auf. Quelle: Sven Bartsch

Überall in der Stadt halfen nach dem Unwetter Freiwillige, Schlamm zu beseitigen und Wasser aus den Kellern zu pumpen. „Viele von ihnen handelten nach dem Motto: Frage nicht, was andere für dich tun können, sondern was du für deine Stadt tun kannst. Sie griffen schnell zu, wenn es galt, Fangkörbe aus Einflussöffnungen zu ziehen oder andere Abflusshindernisse zu beseitigen, damit der Regen abfließen konnte“, sagt Egerer.

In verschiedenen Bereichen Döbelns seien bei dem Unwetter innerhalb von etwa 50 Minuten Niederschläge zwischen 50 und 68 Liter pro Quadratmeter gemessen worden. Dies liege weit über durchschnittlichen Regenmengen. Egerer: „Keine Kanalisation ist in der Lage, kurzfristig dieses Volumen aufzunehmen.“

Die Stadtverwaltung sei gegenwärtig dabei, die Schäden an städtischer Infrastruktur zu ermitteln. Am Sonnabend war unter anderem in die Sauna des Stadtbades, in die Kita Rößchengrund, die Kunzemannschule, die Stadtsporthalle und in die Kellerräume des Rathauses Wasser eingedrungen. Die eingetretenen Schäden seien aber überschaubar. Vom Rathausdach waren einzelne Dachziegel herabgefallen. Am Stadion Bürgergarten und an verschiedenen Straßen waren Äste oder Bäume abgebrochen. Auf den Sportplatz am Schulzentrum Am Holländer wurde Schlamm gespült.

In den nächsten Tagen sollen die Schäden behoben werden. Das Baubetriebsamt werde weiter schrittweise die Straßen säubern, Einläufe und Straßengräben reinigen sowie umgestürzte Bäume beseitigen.

Einige Grundstückseigentümer, beispielsweise an der unteren Dresdner Straße oder in der Klosterstraße, hatten sich durch entsprechende Vorkehrungen vor Auswirkungen eines solchen Starkregens selbst geschützt. Bürgermeister Egerer: „Dies wird auch in Zukunft notwendig sein, da prognostiziert wird, dass solche Unwetter keine Ausnahmen bleiben werden. Bürger, die in gefährdeten Bereichen wohnen, sollten durch geeignete Maßnahmen ihr Eigentum schützen.“

Entenküken in Brutkästen ertrunken

Die Gemeinde Ostrau war gleich an mehreren Stellen betroffen. Pulsitz und Jahna mussten eine Schlammlawine über sich ergehen lassen. „Das Seltsame war, dass der Bach gar nicht überschwemmt war, sondern die Welle auf der Wiese daneben entlangzog“, wunderte sich Bürgermeister Dirk Schilling, der während des Gewitters gerade von einem Auftritt mit den Jahnataler Blasmusikanten zurückkam und Augenzeuge wurde.

Bauhof und Feuerwehr der Gemeinde waren gestern noch immer in Zschochau unterwegs, um die Spuren zu beseitigen, die die Schlammmassen im gesamten Ort hinterlassen hatten. „Wasser haben wir hier schon mal gehabt, aber nie so eine Schlammlawine“, meinte Anwohner Reinhart Frömbsdorf, dessen Grundstück von drei Seiten überflutet wurde.

„Das Wasser kam von der Straße und von zwei Seiten von den Feldern. Es wurde plötzlich dunkel und dann habe ich meine Autos schon nicht mehr wegholen können“, berichtete der 65-Jährige, der auch einige Elektrogeräte und Fahrräder dem Schlamm überlassen musste. Bei einer Nachbarin schlugen die golfballgroßen Hagelkörner, die noch am Sonntagabend zu sehen waren, ein metergroßes Loch ins Vordach des Hauses.

Geflügelzüchter Karl-Friedrich Pötzsch verlor 25 Entenküken. Sie ertranken in Brutkästen. Quelle: Sven Bartsch

Drama auch im Stall von Geflügelzüchter Karl-Friedrich Pötzsch wenige hundert Meter weiter oben im Dorf: „Das ist mir in 50 Jahren noch nie passiert, dass Entenküken in den Brutkästen ertrunken sind“, sagte er kopfschüttelnd. 25 Küken habe er so verloren, aber auch vier erwachsene Enten, die im Stall dem Wasser nicht mehr entkamen. Bitter obendrein: „Die Vögel legen dieses Jahr nicht mehr. Das macht ein paar Tausend Euro zusätzlichen Schaden.“ Zumindest die Hühner hatten Glück im Unglück: Ihr Stall liegt wassersicher im ersten Stock.

Trinkwasseranlage überschwemmt

In Zschochau kommt zurzeit das Trinkwasser mit weniger Druck aus den Wasserhähnen. „Die Druckerhöhungsstation in Zschochau ist überschwemmt worden. Auch der Schaltschrank stand unter Wasser. Hinzu kam, dass die Stromversorgung unterbrochen war“, erläutert Gunter Kienast, Gruppenleiter der Oewa Wasser und Abwasser GmbH am Stützpunkt Simselwitz.

„So eine Schlammlawine hatten wir noch nie in Zschochau“, sagt Reinhart Frömbsdorf, einer der Betroffenen. Quelle: Sven Bartsch

Am Montag hatten Mitarbeiter der Oewa damit angefangen, das Gelände an der Druckerhöhungsstation vom Schlamm zu befreien. Seit Montagmorgen sind die Elektriker dabei, die Schaltanlage zu reinigen. Am Vormittag wurde schließlich der Vorbehälter mit zehn Kubikmetern Inhalt entleert und gründlich gereinigt. „Aber erst nach der hygienischen Kontrolle und Freigabe können wir den Behälter wieder ans Netz nehmen“, informiert Gunter Kienast. Die Rückmeldung des Trinkwasserlabors, das die einwandfreie Qualität des Trinkwassers bestätigen muss, wird Donnerstagvormittag erwartet.

Unterdessen erhalten die Kunden in Zschochau wie gehabt Trinkwasser aus der Jahnaaue. „Wir haben die Versorgung umgestellt, so dass Zschochau nach einer kurzen Unterbrechung wieder Wasser hatte“, sagt Kienast. Vorsorglich hatte die Oewa den Bewohnern in den oberen Ortslagen Wasserflaschen zur Verfügung gestellt.

Feuerwehr lahmgelegt

In Waldheim traf es die Kameraden der Feuerwehr besonders hart. Das Wasser lief am Sonnabend in das Gerätehaus an der Gebersbacher Straße und stand dort zeitweise einen Meter hoch, wie Ordnungsamtsleiterin Mandy Thümer mitteilt. Die Folge: die Tore sind beschädigt, Mannschaftstransportwagen, Einsatzleitwagen, Lösch- und Drehleiterfahrzeug stehen mittlerweile in der Werkstatt, wo Motor und Fahrgestell geprüft werden. Auch die feuerwehrtechnische Beladung wurde in Mitleidenschaft gezogen. „Theoretisch könnten die Fahrzeuge diese Woche schon wieder fahren, doch aufgrund der defekten Ausrüstung wären wir trotzdem noch nicht einsatzbereit“, so Thümer. Daran werde mit Hochdruck gearbeitet.

An der Schlossmauer auf Höhe der derzeitigen Mortelbachbaustelle kam es zu einer Ausspülung. Der Bereich ist sicherheitshalber abgesperrt, so dass es auf der Straße einseitig zu Behinderungen kommt. „Die Verrohrung des Bachs hat sich an dieser Stelle durch Außenwirkung aus dem Verband gelöst, so dass ein Wirbel entstanden ist“, berichtete Tiefbauamtsmitarbeiter Toralf Pönisch gestern. Die Kriebsteiner Straße, wo am Sonnabend eine Lawine aus Schlamm und Geröll auf halber Höhe zwischen Waldheim und Kriebethal die Fahrbahn unter sich begrub, war gestern bereits wieder beräumt, so dass ab der Mittagszeit der Verkehr wieder fließen konnte. Ähnliche Szene spielten sich in der Kornhausstraße ab, wo der Wolfsgrundbach über die Ufer trat. Die dadurch losgetretene Matschlawine begrub einen Wanderweg unter sich und versperrte auch den Zugang zu einem Privatgrundstück. Gestern Nachmittag war die Stadt noch damit beschäftigt, alle Schäden wie unter anderem das klaffender Loch im Fußweg an der Mittweidaer Straße, aufzunehmen. „Der Bauhof ist außerdem dabei, Ablagerungen zu beseitigen und das Stadtgebiet zu beräumen“, so Pönisch.

Bis 2 Uhr nachts waren auch die Kameraden der Harthaer Feuerwehr im Einsatz, obwohl die Stadt weit weniger von der Wucht des Unwetters getroffen wurde. „In Saalbach und Steina mussten wir lediglich zwei umgestürzte Bäume von der Fahrbahn entfernen“, sagte Wehrleiter Rene Greif. Während die Wendishainer Ortswehr damit beschäftigt war, diese mit der Kettensäge zu zerlegen, standen andere Harthaer bereits den Kameraden in Waldheim zur Seite, um deren Gerätehaus vom Wasser zu befreien. Im Anschluss halfen sie, den Heizungskeller der Grundschule in Waldheim auszupumpen, in dem das Wasser auch etwa einen Meter hoch stand.

Die Gemeinde Kriebstein kam noch einmal mit einem blauen Auge davon. Größere Schäden seien nicht bekannt, wie Bürgermeisterin Maria Euchler (Freie Wähler) mitteilte. An der Talsperre lief das Wasser über das Hafengelände und drang unter anderem in den Sanitärbereich sowie die Bootshalle. Nach Angaben einer Mitarbeiterin des Zweckverbandes seien die Schäden noch nicht komplett aufgenommen. Die Bootsfahrt konnte derweil ungehindert fortgeführt werden.

Auch die Ernten auf den Feldern sind vielerorts futsch. Quelle: Sven Bartsch

Von Olaf Büchel, Manuel Niemann, Sebastian Fink, André Pitz

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Ein Unwetter in einer noch ungewohnten Umgebung trieben ein junges Schaf am Wochenende nach Hartha. Das irrte Sonntagnacht allein mitten auf der Dresdener Straße. Hilfe gab’s aus der angrenzenden Kleingartenanlage: Statt im Stall landete der Ausreißer in einer leerstehenden Parzelle.

12.06.2018

Zweimal hintereinander haben Unwetter für Überschwemmungen auf der Autobahn 14 gesorgt. Der Auslöser war zwar in beiden Fällen unterschiedlich – dennoch soll es Maßnahmen geben.

12.06.2018

Lenkrad, Lichter, Mittelkonsole – einem BMW in Döbeln fehlt ein Haufen Teile. Diebe haben das Fahrzeug geplündert. Der Schaden ist enorm.

11.06.2018
Anzeige