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Der Wikinger aus Mockritz

Der Wikinger aus Mockritz

Zahnarzt sollte er werden, ein Diakon hatte er lange Zeit sein wollen. Heute ist Gunter Krippaly Zimmerermeister und Tätowierer. Und: Waräger, Wikinger-Söldner, in byzantinischen Diensten.

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Gunter Krippaly lebt in Mockritz beschaulich mit seiner Familie im Reihenhaus. Doch der 40-jährige Zimmerermeister und Tätowierer hat noch eine andere Identität: Als Waräger, Wikinger-Söldner, in byzantinischen Diensten.

Quelle: Wolfgang Sens

Mockritz. Warm ist es in seiner Wohnstube, in der der große russische Lehmofen nur ein Hingucker ist. Die Möbel tragen fast alle die Handschrift des Zimmermanns, an den Wänden hängen Familienfotos. Doch wo andere vielleicht dekorative Topfpflanzen oder Keramik platzieren, hat Krippaly seiner Leidenschaft Raum gegeben: Nicht nur seine originalgetreue Rüstung ist Teil der Wohnzimmereinrichtung, auch die mittelalterlichen Waffen und andere Utensilien sind es.

Während der Wikinger Gunter Krippaly recht alterslos in der Zeit zwischen 900 und 1100 in der Gegend um das heutige Istanbul lebt, ist der 40-jährige Familienvater, selbstständige Zimmerermeister und Tätowierer in Mockritz zu Hause. Abgesehen von den großflächigen traditionellen Holzarbeiten wirkt die Doppelhaushälfte unauffällig, in der er mit seiner Freundin Sandra, Töchterchen Finja (5) und Sohnemann Martin (7) wohnt. Seit zwölf Jahren ist er in Mockritz zu Hause, 2010 ist die Familie ins eigene Häuschen gezogen.

Aufgewachsen ist Gunter Krippaly in Oschatz, in "gutbürgerlichen" Familienverhältnissen, wie er selbst sagt. Der Vater Ingenieur, die Mutter Medizinpädagogin. Glaubensrichtung: christlich-evangelisch. Bereits als Kind geht Krippaly gern seinen eigenen Weg, manchmal wird er in der Schule verlacht. Freunde hat er dennoch viele. Er ist Geräteturner, soll sogar an die Kinder- und Jugendsportschule Leipzig. "Aber meine Eltern haben sich dagegen entschieden und ehrlich gesagt, war ich froh darüber, denn ich war ein ziemlicher Heimscheißer." Gunter Krippaly malt und zeichnet unwahrscheinlich gern, interessiert sich für Ritter, Burgen, Mittelalter. "Irgendwann hab ich mir ein Kettenhemd selber geflochten." Und ein Schwert schmieden lassen. "Das war so groß wie ich selbst", sagt Krippaly und schmunzelt. 1,71 Meter ist er, der früher lange Locken trug und heute zum auffälligen Kinnbart nur noch schlichtes Kurzhaar trägt. "Zehn Zentimeter kleiner als meine Freundin..." Mit dem Schwert in seinem Besitz sucht er sich jemanden, der ihm das Schwertkämpfen beibringt. "Damals gab es noch Mittelaltermärkte, die Spaß gemacht haben und wo man solche Leute gefunden hat. Mit den heutigen Veranstaltungen ist das nicht mehr zu vergleichen."

Auch das, was Gunter Krippaly und seine Familie als Hobby leben, hat nichts mit dem zu tun, was gemeinhin mit Mittelaltermärkten in Verbindung gebracht wird. Auch nicht mit dem Bild des Wikingers, der Hörnerhelm und Bärenfell, trägt - "Das ist ein Riesenblödsinn." Gunter Krippaly treibt das pure Interesse am Mittelalter an. "Für uns geht es um das realistische Nachleben dieser Zeit, das authentische Nachempfinden."

Wer das Hobby ernsthaft betreibt, der sucht sich eine bestimmte Zeit in einer bestimmten Region aus, sagt der Experte. Den Menschen, den Gunter Krippaly nachlebt, hat er sich bewusst gewählt: "Die Waräger waren sehr zäh, furchtlos, erfahrene Krieger", erklärt er, "sie haben in erster Linie Handel getrieben und nur dann gekämpft, wenn sie anders nicht weiter gekommen sind." Auf großen Veranstaltungen europaweit trifft er Gleichgesinnte; in Mittelalterdörfern, Lagern und Trainingscamps verwandelt sich der Oschatzer Gunter Krippaly in einen Wikinger-Söldner.

Während sein Leben als Vater und zweifach Selbstständiger im Hier und Jetzt eher beschaulich aussieht, ist sein Dasein als Wikinger durchaus gefährlich. Zumindest wenn er seine Waffen zum Einsatz bringt. Gekämpft wird mit authentisch nachgefertigten Objekten, die sich allerdings von den Originalen wesentlich unterscheiden, beispielsweise was die Klingenstärke angeht. "Und es gibt ein stillschweigendes Übereinkommen, so zu kämpfen, dass niemand ernsthaft verletzt wird." Sogenannte Trefferregeln steuern dieses Treiben, es dürfen nur bestimmte Körperteile mit einer bestimmten Härte getroffen werden. Prellungen, blaue Flecken sind dennoch normal - "wie bei jedem anderen Kampfsport auch." Dass seine Kinder ihre eigenen Waffen besitzen - Pfeil und Bogen, Holz-Schwert und Streitkolben beispielsweise - ist für Gunter Krippaly keinesfalls problematisch. "Sie entwickeln ein ganz anderes Gefühl im Umgang mit diesen Dingen." Waffen üben auf seine Kinder keinen verbotenen Reiz aus. Auch in anderer Hinsicht beeinflusst das Hobby den Familienalltag. "Es macht unser Leben wertvoller, wir sind, denke ich, dankbarer für das, was wir haben und wie wir leben können." Wer einmal ein paar Tage in einem Mittelalterdorf verbracht hat, wüsste fließend Wasser und Strom durchaus wieder mehr zu schätzen.

Wenn das Kämpfen mit dem Schwert Gunter Krippalys Einstieg in sein Hobby gewesen ist, tritt es doch mittlerweile immer mehr in den Hintergrund. Das hat nicht nur damit zu tun, dass es ihm mehr um das Nachempfinden des mittelalterlichen Alltaglebens geht. Sondern auch damit, dass größere Verletzungen nicht in sein Hier und Jetzt passen. Als Selbstständiger mit zwei Firmen kann er sich Ausfälle nicht leisten. Gunter Krippaly ist Handwerker, im wahrsten Wortsinn. Nach dem Abitur sorgt sein Zivildienst dazu, dass er das Studium an der Fachhochschule für Diakonie in Moritzburg nicht antritt. Er wird Zimmermann. Und zwei Jahre, nachdem er sich selbst hat tätowieren lassen, gibt er auch noch einer anderen Triebkraft in sich nach: "Ich habe mir einen Lehrmeister gesucht und Tätowieren gelernt." Auch autodidaktisch eignet sich Gunter Krippaly dieses Handwerk an - und zieht zu Hause aus. "Als ich gesagt habe, dass ich Tätowierer werde, waren meine Eltern geschockt." Der Sohn geht seinen Weg, das hat er schon immer getan. Seit 1997 ist er selbstständig als Tätowierer, gehört inzwischen zum Döbelner "Farbsyndrom". Zehn Jahre später beginnt er seine Zimmermann-Meisterausbildung und stellt sich 2009 auch in diesem Handwerk auf eigene Füße, mag besonders traditionelle Restaurationsarbeiten an alten Gebäuden. "Ich nehme gern Lehren an, aber ich lasse mir nichts vorschreiben", sagt er, der einfach so viel wie möglich von seinen Träumen verwirklichen will. Der Wettbewerb ist hart, doch der gestiegene Anspruch der Leute spornt ihn an, weiter zu lernen. Die Zimmerei will er zukünftig ausbauen, doch seinem breiten Kundenstamm bleibt er als Tätowierer erhalten. Er selbst wird vielleicht auch noch einmal Hand an sich legen lassen und neben der Sonne auf der rechten Wade ein Zimmererzunftzeichen auf seinen rechten Unterarm stechen lassen. Mehr Bilder auf seinem Körper sehen nur wenige. Denn viel mehr gibt es nicht. Nur sein Rücken ist großflächig gefüllt - unter anderem mit seinem ersten Tattoo: einem großen Drachen in wikingertypischer Kunst, der "immer auf mich aufpasst" - bei allem, was er tut. Manuela Engelmann

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