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Deutsche Muslima engagiert sich für Flüchtlinge in Leisnig

Herzenswärme Deutsche Muslima engagiert sich für Flüchtlinge in Leisnig

Im Alter von 16 Jahren verlässt Susanne Ozan ihr Elternhaus, um mit einem türkischen Mann zu leben. Sie tritt dafür zum Islam über. Seit 2009 lebt die heute 49-Jährige in Sachsen, zunächst in Hartha, jetzt in Tautendorf. Kopftuch beziehungsweise Schleier trägt sie aus religiöser Überzeugung und ruft damit bei ihren Mitmenschen ganz unterschiedliche Reaktionen hervor.

Susanne Ozan, 49 Jahre alt, aufgewachsen in Bayern, trat als Jugendliche zum Islam über. Heute lebt sie in Sachsen und will Flüchtlingen helfen.

Quelle: Sven Bartsch

Leisnig. Susanne Ozan liebt die Farbe Schwarz. Das Lieblingskleidungstück der 49-Jährigen ist der schwarze Tschador, eine Art Umhang, mit dem muslimische Frauen Körper und Gesicht verhüllen. „Für mich ist er ein wichtiges religiöses Symbol, und trotzdem eine Äußerlichkeit, von der man nicht auf den Charakter eines Menschen schließen darf“, sagt sie. Seit 1. November ist sie über das Bundesprogramm „Soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt“ beim Verein Be-Greifen in Klosterbuch angestellt. Seit Kurzem gehört sie in Leisnig zum Koordinierungskreis aus Personen, die den bald ankommenden Flüchtlingen eine möglichst reibungslose Eingliederung ermöglichen möchten.

Susanne Ozan fällt auf, beim Einkaufen zum Beispiel, oder wenn sie am Leisniger Markt den Döner-Laden besucht. Anfangs sei sie tatsächlich im Tschador gegangen, der konsequent Gesicht sowie Arme und Hände bedeckt. Es sei ihre Art, sich Gott nahe zu fühlen, sagt sie. Dennoch entschied sich die seit 2009 in Hartha und heute in Tautendorf lebende fünffache Mutter für eine gemäßigte Variante des in muslimischen Kreisen gebräuchlichen Kleidungsstils: weites Gewand und eng anliegendes Kopftuch, welches das Haar vollständig bedeckt, jedoch das Gesicht frei lässt. Und sie kombiniert ihr geliebtes Schwarz mit einer weiteren Farbe, etwa dunklem Blau oder Himbeer-Rot. Sie mache das den Menschen zuliebe, die ihr begegnen. Fragenden Blicken weicht sie nicht aus. „Es kommt vor, dass mich jemand skeptisch ansieht.“ Dann hat sie ein so einfaches wie wirksames Rezept, die Situation aufzulösen, indem sie sagt: „Was schaust du so, möchtest du mich etwas fragen?“ Die Leute fragen auch. Genauso wünscht sie sich das: „Reden ist besser als jemanden zu verachten.“

Als Jugendliche konvertiert

Geboren im niederbayerischen Eggenfelden wächst Susanne Ozan in München auf, in einer Familie mit protestantischem Hintergrund. Susannes Großeltern stammen aus Chemnitz. In München betreibt Susannes Mutter einen Gasthof. Susanne wird ebenso wie ihre drei Jahre ältere Schwester zeitig in die Arbeit im Familienbetrieb eingebunden und gefordert. „ Ich koche sehr gerne und habe gern hinterm Tresen bedient. Die Arbeit hat mir Spaß gemacht“, sagt sie, wenngleich damit die Erwartung verbunden war, möglichst häufig zur Verfügung stehen. Die Schwester erlernt den Beruf der Kosmetikerin, Susanne wird Friseurin. Die Mutter hat den Traum, alle drei würden eines Tages zusammen ein Geschäft eröffnen. Doch dazu kommt es nicht. Im Alter von etwa 16 Jahren lernt Susanne ihren ersten Mann kennen, einen Türken, „ganz normal bei einer Disco, er war damals Anfang 20.“ Ein Jahr später zieht sie zu Hause aus. Sie heiratet ihren Freund, sowohl in Deutschland als auch in der Türkei. Die junge Frau tritt zum Islam über – eine Entscheidung fürs Leben, die länger hält als die Verbindung zu dem Mann.

Kinder gehen auf Distanz

Nach mehr als 20 Jahren Ehe, in welcher fünf Kinder geboren werden, kommt die Trennung: Ihr Mann bringt eines Tages eine weitere Frau mit fünf Kindern ins Haus und kündigt an, diese sollen ebenfalls mit in der Großfamilie leben. Susanne lehnt das ab – obwohl der Koran einem muslimischen Mann die Ehe mit mehreren Frauen zugesteht. Für Susanne ist das keine Option. „Der Mann muss jede der Frauen glücklich machen, darf keine von ihnen herabsetzen. Er muss gerecht sein. Und wer kann das schon.“ Sie ist verletzt. Da ihr Mann nicht einlenkt, trifft sie die folgenschwere Entscheidung, diese für sie unerträglichen Umstände zu verlassen. Die Scheidung wird vollzogen. Ihre Kinder, bereits im Jugend- und Erwachsenenalter, bleiben in der Familie. So sehr sie zu ihrer Entscheidung steht, so schmerzlich sind die Konsequenzen: Die Kinder gehen zu ihr auf Distanz. Aus deren Sicht hat die Mutter ihre Kinder im Stich gelassen. Die zwei Jüngsten, zwei Mädchen Anfang 20, ziehen zwar 2009 von Bayern mit ins sächsische Hartha, haben eine eigene Wohnung und Arbeit. Ihre Mutter ist zu diesem Zeitpunkt wieder verheiratet mit ihrem jetzigen Mann, ebenfalls einem Türken. Das Verhältnis der Mädchen zum Stiefvater bleibt kühl. Die Mädchen gehen ihrer Wege.

Nicht in Allahs Sinne, seine Geschöpfe zu töten

Susanne Ozan hat ihre Entscheidung nicht bereut: „ Es ist mein Leben, darüber entscheide ich selbst“, sagt sie. Der Wunsch nach einem selbstbestimmten Dasein stamme von der Erziehung in ihrem Elternhaus, das ein offenes und tolerantes gewesen sei. „Als Mensch bin ich genau so geblieben.“ Jeden Tag lese sie im Koran. Die erste Sure mag sie besonders, darin geht es um die Menschen und wie sie sein sollen, um gut zu sein. Die jüngsten Vorkommnisse in Paris und die Opfer tun ihr schrecklich leid. „Nichts im Koran rechtfertigt das“, ist sie sicher. „Im Gegenteil: Laut Koran ist es eine Todsünde, sich umzubringen. Und es ist auch nicht in Allahs Sinne, in seinem Namen seine Geschöpfe zu töten.“ Märtyrer könne jemand werden durch gute Taten. „Aber das sind diese Anschläge nicht.“

Die großen braunen Augen, die die Frau mit dem Kopftuch aufmerksam auf ihren Gesprächspartner heftet, strahlen neben Selbstbewusstsein viel Herzenswärme aus. Die Eigenschaft kommt Susanne Ozan bei ihrer neuen Arbeit zu gute. Über das neu aufgelegte Bundesprogramm „Soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt“ wirkt sie seit Monatsbeginn an einem Kinder- und Jugendprojekt des Vereins Be-Greifen in Klosterbuch mit. Vicky Behnisch, die das Projekt betreut, sagt dazu: „Natürlich haben wir uns zunächst gefragt, wie Susanne auf die Kinder und Jugendlichen wirken wird. Sie macht sich großartig. Wir verarbeiten mit den Kindern zum Beispiel Äpfel von der Streuobstwiese, Hagebutten, Nüsse oder Kastanien, worin Susanne sehr geschickt ist und was sie auch gut vermitteln kann. Sie kommt gut zurecht mit Menschen mit Migrationshintergrund.“

In der Muttersprache von sich erzählen

Warum das so ist, beschreibt Susanne nach einem jüngsten Besuch von Flüchtlingen auf dem Klosterbucher Archehof: „Den Menschen tut es gut, wenn sie in ihrer Muttersprache etwas über sich erzählen können.“ Das ist für Susanne der Beweggrund, sich dem Leisniger Koordinationskreis anzuschließen, der sich künftig um die hier ankommenden Flüchtlinge kümmern möchte. Susanne schmiedet einen Plan. Den möchte sie an Bürgermeister Tobias Goth (CDU) herantragen. Es seien kleine Gesten, die man den Menschen ohne viel Mühe entgegen bringen kann: ein kurzes Willkommensschreiben vielleicht, ein Einladung zum Tee... Sie weiß, dass auch in Syrien viele Menschen Türkisch sprechen. Englisch spricht sie auch – sie ist zuversichtlich, sich sinnvoll einbringen zu können. Über ihre eigene nationale Identität hat Susanne Ozan übrigens keinerlei Zweifel: „Natürlich bin ich eine Deutsche. Aber was heißt das schon – deutsch sein. Mein Pass ist deutsch“, sagt sie und fügt mit einem Anflug von bayrischem Akzent dazu: „Menschen samma.“

Von Steffi Robak

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