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Die Generation Nichtschwimmer

Die Generation Nichtschwimmer

Derzeit gibt es im Altkreis Döbeln nur eine funktionstüchtige Schwimmhalle - das Stadtbad Roßwein. Im Döbelner Bad wird nach der Flut noch gebaut, der Schwimmunterricht dort fällt bis kommendes Jahr aus.

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Quelle: Gergard Dörner

Region Döbeln. In Roßwein arbeitet das Bad an der Belastungsgrenze. Viele Kinder betreten nach der zweiten Klasse kein tiefes Wasser mehr, weshalb Sportlehrer um deren Schwimmfähigkeit bangen. Und das finanzielle Risiko der verlustreichen Bäder tragen allein die Kommunen - das Kultusministerium verharmlost das Problem.

 

Es ist das klassische Szenario eines Badeunfalls: Der Nachmittag mit Freunden am See, der Strandurlaub mit den Eltern. Jugendliche gehen ins Wasser, wollen zu einer kleinen Insel oder Sandbank schwimmen, überschätzen die eigenen Kräfte. Ein Risiko, dass nach Meinung von Sportlehrern immer weiter steigt. Eine Generation von Nichtschwimmern wachse heran, befürchtet der Roßweiner Oberschul-Sportlehrer Matthias Petzold. "Vor drei Jahren habe ich an der Universität gehört, dass die Schwimmfähigkeit nachgelassen hat. Als Sportlehrer merkt man das am Badtag einmal im Jahr nicht. Die Kinder springen rein, rutschen, planschen", sagt der Oberschullehrer. Und er sieht das Schulschwimmen generell in Gefahr, einerseits, weil es zu wenige Schwimmzeiten für ältere Jahrgänge gebe, andererseits, weil die Schwimmlehrer fehlen. "Früher war die Ausbildung Pflicht, heut kann man das im Studium abwählen. Zwar sind viele Eltern bemüht, aber wenn die Kinder in der zweiten Klasse das letzte Mal schwimmen gehen und man dann nicht nachfasst, halten die Kinder in tiefem Wasser später keine zehn Minuten durch", sagt Petzold.

 

Aus Roßweins Not, nach der Juni-Flut keine Turnhalle mehr zu haben, hat er eine Tugend gemacht. Jeden Montag haben die beiden sechsten Klassen nun abwechselnd Schwimmunterricht im Roßweiner Stadtbad, dass vor der Mulde bewahrt werden konnte. Ohne dieses Kunststück von Feuerwehrleuten und freiwilligen Helfern stünde der Altkreis nun ganz ohne Schwimmhalle da.

 

Ein Zustand der angesichts klammen kommunaler Kassen in Zukunft auch ohne Hochwasserschäden eintreten könnte. Rund 400 000 Euro pro Jahr zahlt die Stadt Roßwein, um die Verluste von Hallen- und Freibad auszugleichen. Ein hoher Preis, der aus Gründen der Attraktivität für die Anwohner freiwillig gezahlt wird, im Notfall aber zuerst geopfert werden würde. "Wenn es zur großen Krise kommt, steht hinter den Bädern ein großes Fragezeichen", bestätigt Roßweins Hauptamtsleiterin Michaela Neubert. 14 Euro pro Besucher und Stunde würde es kosten, die Bäder kostendeckend zu betreiben - ein für die Stadt ausgeschlossener Preis.

 

Auch Döbeln muss trotz der Unterstützung durch die Stadtwerke jährlich tief in die Tasche greifen. Doch obwohl die beiden Kommunen durch ihr Engagement helfen, den Schwimmunterricht auch für andere Städte und Gemeinden aufrecht zu erhalten, wird der laufende Betrieb der Bäder vom Kultusministerium nicht unterstützt. "Der Bau und die Sanierung von Schulen und Schulsporthallen (und somit auch von Schulschwimmsporthallen) ist Pflichtaufgabe der Kommunen", erklärt Ministeriumssprecherin Dr. Susann Meerheim auf DAZ-Nachfrage die Dresdener Auffassung. Der Freistaat unterstützte die Kommunen mit Fördermitteln. Die allerdings betreffen nur den Neu- oder Umbau von Schulschwimmsporthallen. Zudem verweist Meerheim darauf, dass Sachsen das einzige Bundesland sei, in dem der Schwimmunterricht in den zweiten Klassen flächendeckend seit 2008 eingeführt worden sei.

 

Zwar ist der Schwimmunterricht der zweiten Klassen in der Region Döbeln auch derzeit gewährleistet (Döbeln holt die Stunden im neuen Jahr nach Wiedereröffnung des Bades nach). Doch weil auch Schulkinder aus dem benachbarten Nossen nach Roßwein kommen, Döbeln mit seinen mehreren Grundschulen ausgelastet ist und beide auch den Vereins- und Breitensport abdecken müssen, sind Schwimmzeiten für höhere Klassenstufen kaum möglich. "Wir haben auch das Gymnasium bei uns, aber bei den Mittelschülern wird es schon eng", bestätigt Simone Jentzsch, verantwortlich für die Betriebsführung des Bades bei den Stadtwerken Döbeln und zugleich Schwimmvereinstrainerin. "Das Schwimmen in höheren Klassen ist auf jeden Fall sinnvoll. Zu mir kommen oft Polizei und Armee, die fangen praktisch bei Null an." Auch die in Dresden propagierte Ausweichmöglichkeit auf Freibäder in zweiwöchigen Schwimmkursen im Sommer, hält Jentzsch für unzureichend. "Für Kinder, die nichts mit Schwimmen zu tun haben, ist es ein völliger Wahnsinn, was die dort bei 20 Grad Wassertemperatur machen. Die kommen mit klappern gar nicht hinterher", kritisiert sie. "Finanzielle Hilfe vom Kultus müsste es auf alle Fälle geben, auch für das Vereinsschwimmen", fordert Jentzsch.

 

Das sieht auch Michaela Neubert in Roßwein so. Sportlehrer Matthias Petzold bietet dort nach den Herbstferien Schwimmen als Ganztagsangebot für die siebenten Klassen an. Den Sechsten will er bis Schuljahresende ausdauerndes Brust- und Rückenschwimmen beigebracht haben. "Wenn ich nicht Ski fahren kann, kann ich überleben. Wenn ich nicht schwimmen kann, sieht das anders aus", meint er. Ein Problem, dass im Kultusministerium offenbar nicht so ernst gesehen wird. Die Nachfrage dieser Zeitung nach der Schwimmausbildung von Lehrern und der Sorge vor einer Generation der Nichtschwimmern im Freistaat ließ Sprecherin Meerheim unbeantwortet. Sebastian Fink

Fink, Sebastian

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