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„Die Heiraterei hat sich ins Positive gewandelt“

Ruhestandsinterview: Schrebitzerin Birgit Müller blickt zurück „Die Heiraterei hat sich ins Positive gewandelt“

Birgit Müller hat 34 Jahre lang in der Verwaltung gearbeitet – zuerst in Schrebitz, nach der Eingemeindung in Ostrau. Als Schrebitzerin hat sie oft zwischen den Orten vermittelt. Aus einer zählebigen Verbindung ist heute eine respektvolle Partnerschaft geworden, sagt sie im Interview zum Ruhestand.

Besondere Leidenschaft sind die rund 300 Puppen, die Birgit Müller im Lauf der Jahre für die Ausstellung des Heimatvereins Schrebitz gesammelt hat.

Quelle: Sven Bartsch

Schrebitz. Mit Birgit Müller hat vor wenigen Tagen ein Urgestein die Verwaltung in Ostrau verlassen. Die Döbelnerin, die seit 1983 in Schrebitz lebt und eng mit dem Ort verwachsen ist, war nach der Eingemeindung nach Ostrau ein Bindeglied zwischen Kommune und Dorf, die sich lange fremd waren, aber inzwischen zusammengewachsen sind. Mit 63 Jahren ist sie nun nach 34 Jahren in den Ruhestand getreten, von dem sie in den ersten Tagen allerdings nur wenig mitbekommen hat, wie sie im DAZ-Interview zum Abschied aus dem Berufsleben sagt. Denn die Goldener Stiefel-Preisträgerin ist zugleich Vorsitzende des Schrebitzer Heimatvereins und hat mit diesem schon das nächste große Projekt vor Augen.

Frau Müller, Sie sind seit sechs Tagen im Ruhestand – und auch schon entspannt?

Birgit Müller: Ich bin noch nicht zur Ruhe gekommen (lacht und atmet tief durch). Letzte Woche kamen gleich die Schulkinder aus Technitz zum historischen Unterricht. Und dann haben wir für die Kulturschule Fördermittel im Programm Landaufschwung Mittelsachsen bekommen. Dafür müssen Aufträge ausgelöst werden.

Da sind Sie als Finanz- und Verwaltungsfachfrau gleich wieder gefragt.

Genau, wir wollen das Geld – rund 7500 Euro, von denen wir 20 Prozent selbst aufbringen – in die Vertiefung der Inhalte unserer Lernwerkstatt stecken. Die Kinder sollen die altdeutschen Buchstabenlernen, überhaupt wie lernte man zu Omas Zeiten, wie funktionierte die Landwirtschaft, was trugen Bauern, Schmiede oder Fleischer damals. Außerdem bekommt unser Gebäude eine neue Schließanlage und Überwachungskameras, um die Sicherheit zu erhöhen. Und wir wollen unsere Gebäudekartei vervollständigen, die zeigt, wer früher wo gewohnt hat. Es gab über 40 Handwerker und Gewerke im Dorf, zwei Konsums, Friseur, Fleischer, da war Leben im Ort.

Wie kommt es eigentlich, dass Sie sich als zugereiste Döbelnerin so für die Geschichte Ihrer Wahlheimat interessieren?

Es stimmt, ich habe in Döbeln auf der Unnaer Straße gewohnt, im fünften Stock – da käme ich heute nicht mehr hinauf (lacht). Und 1983 habe ich nach Schrebitz eingeheiratet. Der damalige Bürgermeister Johannes Sommer sprach mich an, ob ich nicht bei ihm arbeiten würde – hauptsächlich für die Finanzen. Aber ich war dann auch Ansprechpartnerin für Kultur und in vielen Organisationskomitees für den Weihnachtsmarkt, 1. Mai-Feiern oder Vereinsfeste. Und in der Verwaltung habe ich dann Renate und Ernst Michel kennengelernt. Er war Ortschronist und all diese geschichtlichen Hintergründe haben mich sofort interessiert.

So dass Sie bis heute sein Lebenswerk fortführen?

Das hat sich Schritt für Schritt ergeben. Als klar war, dass Schrebitz zum 1. Januar 1999 nach Ostrau eingemeindet wird, haben wir noch im Dezember den Heimatverein gegründet und gesagt, alle historischen Unterlagen bleiben hier im Ort. Und nachdem im August 2000 die Schule geschlossen wurde, haben wir im November einen Antrag gestellt, hier eine Heimatstube einzurichten. Im Februar 2001 konnten wir bereits fünf Zimmer mit Ausstellungsstücken aus dem Ort präsentieren. Heute sind es 13 mit einer Fläche von 650 Quadratmetern. 2001 übernahm ich den Vorsitz des Vereins von Herrn Michel, der aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr so konnte. Und quasi auf dem Sterbebett hat er mir sein ganzes Vermächtnis seiner Chronik übertragen. Das waren allein 6500 Dias über den Ort.

Heute glänzt die ehemalige Schule wie neu – wie war der Weg dorthin?

Nach vielen Auseinandersetzungen mit der Gemeinde bekamen wir durch das Ile-Programm den Umbau gefördert. 235 000 Euro betrugen die Umbaukosten. Der Verein allein hat 25 000 Euro eingebracht, die Gemeinde zwei Mal 15 000 Euro übergeben. Und mehr als 3000 Arbeitsstunden haben unsere Mitglieder selbst hier geleistet, dazu hatten wir Maßnahmen über den Bufdi und das Jobcenter. Aber ohne unsere engagierten Gemeinderäte wie Dirk Petermann, Torsten Boin oder Anita Klingenberger wäre das gar nicht möglich gewesen.

Sie sprechen die Auseinandersetzungen an: Konnten Sie als Mitarbeiterin in der Gemeinde Ostrau und Anwohnerin in Schrebitz für ein wenig Ausgleich sorgen?

Ich stand immer etwas zwischen zwei Stühlen. Ich stand hinter meinem Ortsteil, aber ich habe auch gern in Ostrau geholfen. Ich hatte immer das Ohr an der Masse und war ja auch Schriftführerin im Schrebitzer Ortschaftsrat. Da konnte ich vieles richtigstellen, was in Schrebitz über Ostrau falsch gesehen wurde und umgekehrt.

Eigentlich wollten die Schrebitzer doch lieber nach Mügeln, oder?

Nach der Wende wollten wir uns tatsächlich in Richtung Mügeln eingemeinden, aber der Landkreis Döbeln war dagegen. Und jetzt wollen wir das auch nicht mehr. Die Heiraterei hat sich ins Positive gewandelt, wir haben Achtung voreinander, nachdem es anfangs zählebig war (lacht). Das liegt auch am Ostrauer Bürgermeister Dirk Schilling. Mit ihm ist die Beziehung zu Schrebitz besser geworden. Ich habe zehn Bürgermeister miterlebt und hatte zu allen ein gutes Verhältnis, aber der letzte ist der beste. Er will immer etwas bewegen, etwas schaffen.

Geschafft haben Sie nun auch Einiges. Wie nutzen Sie die Zeit neben dem Verein?

Ich genieße erstmal das Gefühl, dass ich die Termine selbst in der Hand habe. Jeden Montag und Mittwoch will ich im Verein einen Bürotag machen. In der restlichen Zeit steht die Familie im Vordergrund, mein Mann, meine Kinder, Enkel und meine liebe Mutti. Mit den beiden Enkelinnen waren wir gerade wieder an der Ostsee. Ich möchte aber auch noch mehr von Deutschland sehen, das Erzgebirge, Thüringen, Berlin, Sanssouci in Potsdam. Sport möchte ich treiben – Federball spielen und ein Fahrrad wird gekauft. Und ich lese ja so gern. Und die Chronik für Schrebitz will ich natürlich weiterschreiben und für die nächste Generation alles geordnet hinterlassen.

 

Von Sebastian Fink

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