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Die "Mutti" aus dem Asylbewerberheim wechselt in den Ruhestand

Die "Mutti" aus dem Asylbewerberheim wechselt in den Ruhestand

16 Jahre lang war Bettina Berger die gute Seele in der Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber in der Döbelner Friedrichstraße. Sie lernte Freud und Leid der Flüchtlinge aus aller Welt kennen, kam mit sympathischen und auch weniger sympathischen Menschen zusammen.

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Bettina Berger war 16 Jahre lang die "Mutti" und die "Chefin" im Döbelner Asylbewerberheim. Seit 1. September genießt sie ihren Ruhestand in Knobelsdorf.

Quelle: T. Sparrer

Und sie hatte nie den Feierabendknopf, fuhr wenn es Probleme zu lösen gab, auch mal mitten in der Nacht ins Heim nach Döbeln.

"Ihr Engagement ging dabei weit über ihren eigentliche Anstellung im Heim hinaus. Sie war so etwas wie eine im Stillen wirkende gute Seele für die geflohenen Menschen", schreibt das Bündnis "Willkommen in Döbeln". Die Mitglieder des Bündnisses haben Bettina Berger für den Goldenen Stiefel, den Heimatpreis der Döbelner Allgemeinen Zeitung, des Landratsamtes Mittelsachsen und der Kreissparkasse Döbeln in der Kategorie "Gute Seele" vorgeschlagen.

Bettina Berger ist sichtlich gerührt, als sie von der Nominierung erfährt. Auch ein paar unvermittelte Lobesworte von Döbelns Oberbürgermeister Hans-Joachim Egerer bei einer Diskussionsrunde zum Flüchtlingsthema im Frühjahr in der Jacobikirche haben ihr zum Ende ihrer Arbeitszeit ein gutes Gefühl vermittelt. Seit ein paar Wochen ist sie nun offiziell in Rente gegangen. Doch das Döbelner Asylbewerberheim hat sie noch nicht losgelassen. Sie erzählt mit leuchtenden Augen von sehr netten Begegnungen, von Menschen, die es in Deutschland geschafft haben, von anderen, die einmal im Jahr anrufen und sich riesig freuen, wenn sich Bettina Berger noch an ihre Namen erinnert.

Die langjährige Bürgermeisterin von Gebersbach-Knobelsdorf hatte nach ihrer Amtszeit und dem Abschluss einer Verwaltungsbetriebswirtin noch eine Umschulung zur Rechtsanwaltsfachangestellten absolviert. Als für das Döbelner Asylbewerberheim eine Leiterin gesucht wurde, bewarb sie sich und wurde mit liebenswerter Strenge für viele der Neuankömmlinge so etwas wie eine Mutti im Heim. Sie investierte viel Herzblut, um den gewillten Neuankömmlingen zu zeigen, wie die Deutschen ticken. Von Pünktlichkeit bis Mülltrennung war der Erfolg manchmal zunächst durchwachsen. Begeisterung über Hilfsbereitschaft und Lernwilligkeit etwa bei den jungen Männern aus Eritrea oder aus anderen Teilen der Welt, wechselten auch mit Enttäuschungen ab. Mal hatte jemand geklaut und alle anderen Heimbewohner waren ebenso sauer wie die "Chefin". Denn wenn ein Asylbewerber klaut, werden alle anderen auch wie Diebe behandelt. "Man hatte auch mal ein paar falsche Fuffziger drunter. Bei 170 Bewohnern im Heim können dir zwei drei solcher Leute alles kaputt machen", erinnert sie sich. Doch dann drehte Bettina Berger einige Behördenrunden, um Ruhe in ihr Schiff zu bekommen.

"Ich habe vieles über Konflikte auf der Welt lernen müssen. Dann habe ich versucht, Nationen und Mentalitäten, die schwer miteinander auskommen nicht gerade zu viert oder sechst auf ein Zimmer zu stecken. Doch es gibt auch viele ganz tolle Beispiele, wo sich etwa Serben und Mazedonier im Heim eng angefreundet haben", schildert sie. Rückblickend überwogen die netten Menschen und die Abschiede mit Tränen, etwa bei freiwilligen Rückkehrern. Abschiebungen gab es auch reichlich. Das zu erleben, blieb Bettina Berger aber größtenteils erspart, weil diese nachts stattfanden. "Die Leute waren einfach morgens nicht mehr da. Auch das gehörte zum Alltag." Die Flüchtlings- und Asylproblematik sieht Bettina Berger nach 16 Jahren keineswegs verklärt. "Natürlich wird nicht jeder bleiben können. Einige der Menschen werden unser Land bereichern, wenn sie bleiben dürfen, andere nicht", sagt sie. Der aktuelle Flüchtlingsstrom müsse jetzt irgendwie bewältigt werden. Ansonsten gebe es noch mehr Chaos. Sie wünscht sich jedoch, dass die Asylbewerber, die schon lange im Heim sind, nicht vergessen werden. Einige sind noch von Anfang der 2000-er Jahre da. Einige Ankömmlinge vom Dezember seien bis heute nicht angehört worden. "Es dauert zu lange. Die Leute warten zehn Jahre und mehr. Einer ist Zahntechniker. Er hat seit zehn Jahren nicht in seinem Job gearbeitet. Da geht Wissen verloren", findet sie. Auch ärgert sie, dass immer wieder darauf herum geritten wird, dass die Flüchtlinge, meist Männer seien, die neuesten Handys und Markenklamotten hätten. Das Handy ist wichtig, um Kontakt zu den Familien zu halten. Die schicken die stärksten jungen Männer auf die Reise, die sich bis Deutschland durchbeißen können, um Asyl zu bekommen. Die Familien warten in Flüchtlingslagern, um ihnen legal folgen zu dürfen. Und dass Flüchtlinge in einem der reichsten Länder der Erde in Lumpen rumlaufen, will sicher auch keiner", so Bettina Berger.

Die Goldenen Stiefel werden heute ab 16.30 Uhr auf einer Festveranstaltung im Roßweiner Rathaus verliehen.

Aus der Döbelner Allgemeinen Zeitung vom 04.09.2015

Thomas Sparrer

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