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Die Niederstriegiserin Vera Lommatzsch hat mit 90 viel zu erzählen

Die Niederstriegiserin Vera Lommatzsch hat mit 90 viel zu erzählen

Zehn Kinder, 20 Enkel und bald neun Urenkel - Vera Lommatzsch hat eine Großfamilie hervorgebracht. Und die kam am vergangenen Wochenende zur großen Geburtstagsfete auf den Vierseitenhof an der Hauptstraße.

Niederstriegis.

 

 

 

 

"Dienstags kam eine meiner Töchter an und sagte: ,Pack deinen Rucksack, am Donnerstag fliegen wir nach Mallorca'", erinnert sich Vera Lommatzsch lebhaft an ihren ersten Besuch auf der Balearen-Insel vor rund zehn Jahren. Mehrmals war sie dort, auch auf Teneriffa genoss sie einen Urlaub. "Mein Mann hatte immer große Flugangst, aber nachdem er verstorben war, nutzte ich die Zeit zum Reisen. Heute kann ich nur noch nach oben schauen, wenn die Flugzeuge drüberfliegen", sagt sie wehmütig.

Für ihre große Liebe hat sie viel geopfert. Als gelernte Stenotypistin arbeitete die in Glaubitz bei Riesa geborene Vera Lommatzsch lange beim Roßweiner Bürgermeister, bevor sie mit 24 Jahren heiratete. 1956 kam der Umzug auf den Bauernhof nach Niederstriegis - und eine ganz neue Herausforderung für die junge Frau. "Ich kam quasi von der Schreibmaschine unter die Kuh", sagt sie und lacht wieder laut. Dennoch eine schwere Zeit für sie, die "mit Tieren eigentlich nichts am Hut" hatte, wie sie heute sagt. "Manchmal waren meine Finger vom Melken morgens so steif, dass ich kein Feuer anzünden konnte." 33 Hektar Land, Kühe, Pferde, Schweine und Hühner - ein ungewohnter Sieben-Tages-Job für die Bürokraft. "Aber wo die Liebe eben hinfällt - und wenn es auf einen Misthaufen ist", witzelt die 90-Jährige wieder. Das Andenken an ihren vor zwölf Jahren verstorbenen Mann hält sie in Ehren, trägt immer noch regelmäßig eine weiße Strickjacke von ihm, wenn es draußen kühl ist.

Lebendige Erinnerung ist die Großfamilie, die sie einst gründete. Zehn Kinder kamen über die Jahre zur Welt. Die älteste Tochter ist heute 65, der jüngste Sohn - Jörg Lommatzsch, der den Hof heute führt - ist 46. "Das achte und neunte Kind waren Zwillinge. Wir hatten ja so wenige Kinder, da kamen sie doppelt", erzählt Vera Lommatzsch mit einem verschmitzten Grinsen im Gesicht.

Selbiges kann sich auch Elke Reinhardt nicht verkneifen. Die 51-Jährige ist eine der Zwillingstöchter und hilft gerade bei der Vorbereitung fürs Mittagessen. "Wir hatten als Kinder eine tolle Zeit damals. Wir haben in der Scheune getobt, selbst gemolken und dann die volle Milch mit Schaum oben drauf genossen", erinnert sie sich. Für Lommatzschs waren die Kinder eine willkommene Verstärkung. "Wir kamen aus der Schule und schon ging es los: Kühe hüten - es gab ja noch keinen Stromzaun - Rüben ziehen, Kartoffeln legen", erzählt die jüngste Tochter.

Als der Betrieb der LPG angeschlossen wird und die Kinder kräftig helfen, kann Vera Lommatzsch beruflich noch einmal umsatteln. Mitte der 1970er Jahre wechselt sie in die Zuckerfabrik nach Döbeln. "Dort habe ich alle Arbeiten gemacht, die anfielen. Zuletzt war ich Pförtner", erinnert sie sich. Mit 63 Jahren hört sie auf und half wieder auf dem Hof mit, den inzwischen Sohn Jörg übernommen hat. Heute ist er auf Rinderzucht spezialisiert. Außer Wolfshündin Gina gibt es kaum noch andere Tiere auf dem Gehöft.

Ein kleines Stück Wald gehört der Familie ebenfalls. Von dort kam am Wochenende ein ganz besonderes Geschenk: Aus einem dicken rund sieben Meter langen Eichenstamm haben ihr Sohn Wolfram Lommatzsch, Enkel Kevin und Freund Lutz Kutschlich eine Hofbank geschnitzt. Maik Müller, der schon bei der Eichenstatue vom Roßweiner Stadtrat Christian Senftleben mit am Werk war, schnitzte eine 90 und die Köpfe eines Pferdes und einer Kuh in die Lehne. Die Freude bei Vera Lommatzsch darüber ist immer noch riesig - genau wie ihre Neugier. "Ich wollte immer nachschauen gehen, was die da in der Werkstatt machen, da hieß es immer nur ,Raus, raus!' und die haben mir die Tür nicht aufgemacht", erzählt sie mit gespielter Empörung. Jetzt sitzt sie öfter zufrieden auf ihrem Geschenk - und schaut ab und zu nach oben, um nach Flugzeugen zu sehen.

Sebastian Fink

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