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Die Regierung will sie, die Bürger nicht: Streit um Windräder in Mittelsachen

Erneuerbare Energien Die Regierung will sie, die Bürger nicht: Streit um Windräder in Mittelsachen

Sie sollen zur Energiewende beitragen und sorgen doch vielerorts fürs Protest: Windräder sind auch in Mittelsachsen umstritten. Die sächsische Landesregierung will künftig mehr Strom aus Windkraft erzeugen, doch vor allem Anwohner wollen diesen Plan vereiteln.

Ein echter Koloss: Ein Flügel hat eine Länge von 31,5 Metern.

Quelle: Sven Bartsch

Wetterwitz. Bloß nicht nach unten sehen. Schritt für Schritt geht es die endlos erscheinende Leiter nach oben. Ein Gurt sichert unseren Aufstieg in dem dunklen, warmen Schacht. Nach einer Viertelstunde ist die Kletterei geschafft. Erschöpft krabbele ich in die Spitze des Windrads und werde mit einem grandiosen Ausblick belohnt. Unter uns die puppenstubengroßen Häuser von Wetterwitz und Gleisberg, neben uns die riesigen Rotorblätter, die sanft im Wind schaukeln, über uns der knallblaue Himmel. Wir befinden uns auf einem 100 Meter großen Windrad in der Nähe von Döbeln.

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Der Weg hinauf ist beschwerlich und erfordert einiges an Kondition. Dafür entschädigt der grandiose Ausblick in 70 Metern Höhe auf dem Wetterwitzer Windrad.

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In 70 Metern Höhe erklärt Projektleiter Sven Viehrig die technischen Details der Anlage, die er extra für die Besichtigung ausgeschaltet hat. Das Prinzip: Der Wind treibt die Rotorblätter an, diese einen Generator. Bei optimalem Wind – das sind 13 Meter pro Sekunde – schafft das Windrad eine Leistung von 1800 Kilowattstunden. Heute werden 855 erreicht. Effektiv sei die Stromproduktion ab fünf Metern Wind pro Sekunde.

Optimal sind Frühling und Herbst, „über die Sommermonate ist die Leistung etwas geringer“, sagt der 39-Jährige. „Gut ist es immer, wenn das Wetter wechselt.“ Generell drehe sich das aber Rad fast ständig, an 300 Tagen im Jahr kreisen die Flügel. „Der erzeugte Strom wird regional eingespeist und als Ökostrom ausgegeben“, erklärt Steffen Stecher, Chef der Firma EST Spezial-Technik, die die Anlagen betreibt.

Landesregierung versus Bürgerinitiativen

Die Kraft des Windes nutzen – genau das will der Freistaat Sachsen. Im Jahr 2020 sollen im Land 2200 Gigawattstunden Strom aus Windkraft erzeugt werden, aktuell sind es 1700. Gelingen kann das nur mit mehr Flächen und größeren Anlagen. 875 Windräder stehen derzeit in Sachsen, 339 – besonders viele – im Landesdirektionsbezirk Chemnitz, zu der auch der Landkreis Mittelsachsen gehört. Dort sind die Windräder besonders dicht: Sie bedecken 0,66 Prozent aller Flächen. Zum Vergleich: Im Erzgebirge sind es 0,1 Prozent.

Die Windräder von Wetterwitz und Gleisberg

Zwischen den beiden Orten stehen drei Windanlagen. Die beiden kleineren mit einer Höhe von jeweils 87 Metern gingen 1996 ans Netz, das dritte wurde 2002 gebaut und ragt 100 Meter in den Himmel. Ursprünglich waren drei dieser großen Anlagen geplant. Doch nur eine wurde umgesetzt, auch weil sich der Gleisberger Ortschaftsrat 1997 dagegen gewehrt hatte. Bei vollem Wind erreichen die drei Windräder zusammen eine Leistung von 2800 Kilowattstunden und versorgen etwa 1500 Drei-Personen-Haushalte pro Jahr.

Künftig sollen im Landkreis 27 Flächen als so genannte Windvorrang- und Eignungsgebiete ausgewiesen werden. So steht es im aktuellen Regionalplan der Region Chemnitz, zu dem der Landkreis gehört. Darunter sind vier neue Flächen, auf denen bisher kein Windrad steht. Eigentlich sollen hier die Ziele der Landesregierung in die Tat umgesetzt werden. Doch es gibt ein Problem: die Anwohner.

Viele Anwohner sind genervt von den „Stangenspargeln“

Viele Anwohner sind genervt von den „Stangenspargeln“.

Quelle: Gina Apitz

Von März bis April diesen Jahres konnten die Bürger Widerspruch gegen die Planung einlegen. „Am brisantesten ist für alle der Wind“, sagt Jens Uhlig vom Regionalen Planungsverband Chemnitz. Über 5000 Stellungnahmen gebe es bereits, die nur den Bau von Windrädern betreffen. Bis entschieden ist, wo welches Rad gebaut wird, kann es noch zwei Jahre dauern. Uhlig rechnet nicht vor 2018 mit einem endgültigen Beschluss. Protest gebe es vor allem von Bürgern, „die so ein Gebiet einfach vor die Nase gesetzt bekommen“, sagt er.

Die Windräder werden immer größer

Überall wehren sich Bürgerinitiativen gegen die „Stangenspargel“. Die Windräder belasten die Gesundheit von Mensch und Tier, seien unrentabel und verunglimpfen die Landschaft, kritisiert etwa Michael Eilenberger, der in Sachsen 52 Bürgerinitiativen gegen den Wind vertritt . Was den Windkraftgegnern ebenfalls ein Dorn im Auge ist: Die Anlagen werden immer größer. Waren sie früher 100 Meter hoch, wuchsen die Räder erst auf 150, heute auf bis zu 200 Metern Höhe an. Wie nah so ein Riese an ein Wohnhaus gesetzt werden darf, das legt der Freistaat Sachsen nicht genau fest. Jede Region entscheidet selbst. Im Altkreis Döbeln gilt: Das Windrad muss bei einer Gesamthöhe von 100 Metern mindestens 750 Meter vom nächsten Dorf entfernt sein.

In Bayern ist der Abstand der Windräder zum nächsten Ort geregelt, in Sachsen nicht

In Bayern ist der Abstand der Windräder zum nächsten Ort geregelt, in Sachsen nicht.

Quelle: Gina Apitz

Anders als Bayern hat Sachsen die so genannte 10-H-Regel abgelehnt. Diese besagt, dass der Abstand eines Windrads von Wohnungen mindestens zehn Mal so weit sein muss, wie die Anlage hoch ist. Bei einem 200 Meter hohen Windrad wären das 2 000 Meter. Auf LVZ-Nachfrage heißt es vom sächsischen Wirtschaftsministerium, man habe sich gegen eine feste Regel entschieden, „weil damit der weitere Ausbau der Windenergie in Sachsen zum Stillstand gekommen wäre“.

In Mittelsachsen gäbe es noch genug Flächen

Theoretisch, sagt Jens Uhlig vom Planungsverband, gäbe es im Landkreis Mittelsachsen noch genügend Flächen für weitere Windanlagen, weil das Gebiet weniger dicht besiedelt sei als etwa der Zwickauer Raum. Tatsächlich aber vermutet der Fachmann, dass sich die Zahl der Windräder in den nächsten Jahren nicht drastisch erhöhen wird – auch weil viele alte Anlagen gegen leistungsstärkere ausgetauscht werden. Fest steht: Bürgerinitiativen werden alles Mögliche tun, um einen Ausbau zu verhindern.

Der Chef von EST Spezial-Technik, Steffen Stecher, plant derzeit den Bau weiterer Windräder in der Nähe von Großweitzschen, wo schon zwei kleinere Anlagen stehen. Sein Mitarbeiter Sven Viehrig klettert jetzt wieder Richtung Erdboden. Der Abstieg ist etwas leichter als die Kraxelei hinauf. Der Ingenieur ist die Strapazen gewohnt. Im Winter muss er regelmäßig hoch, um zu prüfen, ob die Rotorblätter eisfrei sind. An ein Missgeschick erinnert er sich heute noch mit einem Schmunzeln: Einmal hatte er oben das Licht brennen lassen.

Pro und Contra Windkraft: Das sagen ein Befürworter und ein Gegner der Windenergie.

Von Gina Apitz

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