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Dietmar Sandow hat Humor in der Hosentasche

Dietmar Sandow hat Humor in der Hosentasche

Er ist nicht nur ein freundlicher, sondern oft ein witziger Zeitgenosse. Seinen Vollbart rasiert er schon mal ab, wenn der seinen Kundinnen nicht gefällt.

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So sieht er aus - der Pappkarton mit zahlreichen DDR-Brillen, deren vierstellige Fassungsnummern Dietmar Sandow noch heute aus dem Effeff beherrscht. Der 67-jährige Augenoptikermeister könnte damit eigentlich in einer Wetten dass-Show auftreten.

Quelle: G. Dörner

Döbeln. Der 67-Jährige hechtet förmlich die steile Holztreppe vom Geschäft hinauf in ein kleines Kämmerchen, wo das Gespräch für das Porträt stattfinden soll. Diese sportliche Einlage sieht alles andere aus als Ruhestand verdächtig. "Wenn ich noch mal 40 Jahre im Geschäft dran hängen würde, dann wäre ich so alt, wie Heesters geworden ist. Der hat doch auch bis zum Schluss gearbeitet", scherzt Sandow. Dass der staatlich geprüfte Augenoptikermeister keineswegs aufs berufliche Abstellgleis gehört, also nach wie vor ein hervorragendes Gedächtnis und eine ruhige Hand besitzt, wird er gleich beweisen: Unter dem Tisch im Kämmerlein zieht er einen alten Pappkarton hervor. Darin befinden sich schätzungsweise 150 Brillengestelle, Marke DDR. "Das ist die 2227", sagt Sandow und zeigt dabei ein besonders altmodisches Teil. "Hier, das ist die 4608, eine Golddublee-Fassung." Und so geht es weiter. Der Mann kramt Gestell um Gestell hervor und nennt dazu aus dem Kopf eine vierstellige Nummer. Wer skeptisch drein schaut, der bekommt prompt die Gestelle gereicht, damit er die Richtigkeit dieser Wetten dass-reifen Vorstellung überprüfen kann. Die Nummern stimmen alle. "Ich habe das mal als Quiz bei einem Treffen mit meinen Studienkollegen gemacht. So fit wie ich, ist darin keiner." Natürlich, so räumt Sandow ein, gab es in der DDR keine so große Brillenvielfalt. Mit dem heutigen Angebot wäre die Nummer mit den Nummern nicht mehr möglich. Der Optiker sagt es in einem Satz: "Von der Mangelwirtschaft zur Überflusswirtschaft."

Zum Beruf des Augenoptikers kommt Sandow durch den Physikunterricht. In Dürrweitzschen geboren, besucht er in Mochau und nach Umzug in Döbeln die Schule. "Als die Optik dran war und mit Linsen experimentiert wurde, da dachte ich: Das könnte mir gefallen." Er macht seinen Augenoptikergesellen in Döbeln. Weil sein Meister bald darauf das Geschäft schließt, verschlägt es Dietmar Sandow für kurze Zeit nach Berlin, dann nach Rathenow in die optische Industrie. Während der Armeezeit auf Heimaturlaub, vermittelt ihm eine Kollegin einen Job in Roßwein für die Zeit nach dem Wehrdienst. Sandow holt parallel das Abi an der Volkshochschule nach, um das Meisterstudium zu absolvieren. Das Geschäft in Roßwein wechselt den Besitzer, also muss sich der junge Mann erneut umschauen. Er findet in Pirna eine Anstellung und empfindet es noch viele Jahre lang als peinlich, dass er seinem Chef schon nach wenigen Monaten wieder ade sagen muss. Doch das Angebot der Optiker-Berufsgruppe ist viel zu verlockend: Ihm wird offeriert, in seiner Döbelner Heimat ein Geschäft zu übernehmen. Das Geschäft, das Sandow bis heute in der Bahnhofstraße betreibt. (1993 kommt noch eine Filiale in Ostrau hinzu.)

Am 9. Februar 1972 ist es also so weit. Dietmar Sandow macht sich selbstständig. Er und seine Frau Marita, die er in der Zeit des Studiums in Thüringen kennenlernt und zwölf Monate später ebenfalls in Thüringen heiratet, krempeln die Ärmel hoch, um sich eine Existenz aufzubauen.

Keine drei Monate später sieht es ganz so aus, als sollte das nicht gelingen. "Alle kleinen Produktionsbetriebe in der DDR wurden verstaatlicht. Das war ein Schock für uns. Wir haben wochenlang gebibbert, dass es auch uns treffen könnte. Damit wäre ich pleite gewesen", erinnert sich der Optiker. Schließlich geht dieser Kelch doch noch am Handwerk vorbei.

Einfach hat es ein Augenoptiker in der DDR nicht, die Kunden zufriedenzustellen. Sandow. "Das Beratungsgespräch war kurz: Kassengestell oder Zuzahlungsfassung?" Im Gegensatz zu heute ist der Lagerbestand in dieser Zeit sehr hoch, um Engpässe besser überbrücken zu können. Metallfassungen sind Zuteilungsware. "Viele brachten sich Brillengestelle aus Tschechien oder Ungarn mit und wir haben dann die Gläser eingebaut."

18 Lehrlinge hat Sandow in den 40 Jahren ausgebildet. "Meine langjährigste Mitarbeiterin, Marion Finster, hat vor 36 Jahren bei mir gelernt." Insgesamt sind es jetzt vier Frauen, die mit dem Chef im Geschäft arbeiten. Ehefrau Marita stirbt viel zu früh vor 14 Jahren - ein Schicksalsschlag, der den sonst so fröhlichen Mann heute noch aus der Fassung bringt, wenn er darüber spricht. Zwei Kinder gehen aus der Ehe hervor: Tochter Doreen, heute 39 Jahre und Sohn Arne, 36 Jahre alt. Beide sind ebenfalls Augenoptikermeister.

Dietmar Sandow arbeitet am liebsten am Diamantschleifautomaten. An dem werden die Glasrohlinge vollautomatisch auf die passende Größe gebracht und die notwendigen 115 Grad messenden Facetten geschliffen. Der Meister kann diesen Winkel ohne mit der Wimper zu zucken auch noch per Hand an der Schleifscheibe zaubern, wie er ohne Umschweife beweist. "Als Lehrling musste ich viel bröckeln. Gut gebröckelt, ist halb geschliffen, haben wir damals gesagt." Sandow erklärt, das beim Bröckeln mit einer Spezialzange per Hand das Glas vom Rohling grob abgeknapst werden musste, dann ging es ans Schleifen. Weil er damals gebröckelt hat bis zum Umfallen, bedient er heute so gern den Automaten, erklärt Sandow süffisant. "Die Fassungsauswahl überlasse ich lieber den Mitarbeiterinnen." Obwohl er, wie er sagt, darin ebenfalls ein gutes Händchen hat.

Gute Witze hat der Optiker auch immer parat. Zum Beispiel den: "Was ist holländischer Triathlon? Mit dem Wohnwagen nach Österreich. Mit dem Lift auf die Piste. Und mit dem Gipsbomber nach Hause." Um sich die neusten Witze besser zu merken, beschreibt Sandow kleine Zettel, die er flugs aus der Hosentasche holt, will er einen Kunden zum Lachen bringen.

Wenn der Döbelner heutzutage Urlaub macht, dann mit seiner Lebensgefährtin, dem Wohnwagen und am liebsten in Skandinavien. Er hat es schon geschafft, in 14 Tagen fast 8000 Kilometer durch Schweden, Norwegen und Finnland bis zur russischen Grenze zurückzulegen. "Die Einsamkeit der Landstraße je weiter man nach Norden kommt ist einfach umwerfend. Wer einmal in Norwegen war, der wird süchtig nach diesen Land", ist sich Sandow sicher. In Norwegen hat er auch mit dem Angeln begonnen. Ein anderthalb Meter langer Leng, ein dorschartiger Meerfisch - sein bislang größtes Exemplar.

Als es wieder einmal zum Angeln gehen soll, lässt sich der Naturfreund einen grauen Vollbart wachsen und alle Männerfreunde loben: Mensch, du siehst aus wie ein richtiger Kapitän! Die weibliche Kundschaft in Döbeln sieht die Gesichtshecke hingegen kritisch: "Der macht sie doch um Jahre älter", warnen ihn zwei Döbelnerinnen. Am nächsten Tag ist der Vollbart wieder ab. Olaf Büchel

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