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Döbeln Digitale Freiheit: Die Ex-Harthaerin J.R. König braucht keinen Verlag
Region Döbeln Digitale Freiheit: Die Ex-Harthaerin J.R. König braucht keinen Verlag
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18:15 20.03.2018
Gedruckt wegen des Schauwerts: J.R. König veröffentlicht digital. Quelle: Foto: Manuel Niemann
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Hartha

„Das haben wir noch nie gehabt, dass eine Autorin vom Handy abliest. Mit Ihnen hält der Fortschritt bei uns Einzug“, sagt Andrea Zenker, Leiterin der Harthaer Stadtbibliothek. J.R. König, die gerade anlässlich des Frauentags gelesen hat, erklärt, ihr Drucker habe gestreikt, der Kindle auch, für sie sei das schlicht normal.

Rückkehr für Lesung in Mittelsachsen

Für König, die eigentlich Josephine Rüster König heißt, ist die Bibliothekslesung ein Heimspiel: Bis 2012, verrät das Ausleihsystem, hat sie hier noch selbst Bücher ausgeliehen. Seitdem hat die Bibliothek zwar eine Onleihe eingeführt, auf einen Breitbandanschluss an das Glasfasernetz der Telekom warten die knapp 7400 Einwohner in Hartha allerdings immer noch.

J.R. König bei ihrer Lesung in Hartha mit Bibliotheksmitarbeiterin Sophia Wolfram. Quelle: Manuel Niemann

Ganz anders die Welt, in der die 27-Jährige inzwischen lebt. Sie ist in der Mitte zwischen Leipzig und Dresden aufgewachsen, von 1990 bis 2011 lebte sie hier: In Leisnig geboren, aufgewachsen in Waldheim und Hartha, wo sie zur Schule ging und das Abitur machte. Nach dem BWL-Studium in Leipzig und der Arbeit in einem Immobilienbüro, kehrte sie der Branche den Rücken – um hauptberuflich zu schreiben.

Autorin, bewusst ohne Verlag

Das Besondere: Hinter ihr steht dabei kein etablierter Verlag, der sie vertritt. Alles, was sie veröffentlicht – zumeist Genreliteratur wie Liebesromane und Erotikthriller – erscheint in fast kompletter Eigenregie. Lediglich beim Lektorat und der Organisation von Lesungen lässt sie sich unter die Arme greifen. „Das sind Sachen, auf die ich mich nicht so gern konzentriere“, sagt König. „Das können andere besser. Ich kann schreiben, meine Bücher promoten und darüber reden.“ Ihr sei es wichtig, dafür beim Buch an sich alles in ihrer Hand zu haben oder auch einmal etwas ganz anderes schreiben zu können.

Möglich macht dies der digitale Wandel: Autoren wie König nutzen das Internet, um unabhängig von Verlagen zu veröffentlichen. Selbstverlag hieß das früher, und war mitunter verpönt. Es nicht bei einem Verlag „geschafft“ zu haben, stand nicht für Qualität. Zudem war es teuer, da die Druck- oder wenigstens Kopierkosten zumeist vorfinanziert werden mussten. Die Vorbehalte trifft auch das digitale Self-Publishing. Ein Begriff, den der Duden so noch nicht kennt, der für etwas steht, das den Buchmarkt verändern könnte. Auf Seiten der Verlage wird er für Verluste sorgen, für Autoren fernab des Literaturbetriebs sorgt er für Emanzipation und eine Demokratisierung.

Internetriesen schaffen Plattformen

Dies ist möglich durch die Marktmacht, die der einstige Buchhandel Amazon im weltweiten Netz inzwischen genießt. „Das Veröffentlichen dauert weniger als fünf Minuten, und Ihr Buch erscheint innerhalb von 24 bis 48 Stunden in Kindle-Shops weltweit“, verspricht der auf seiner Seite für den digitalen Selbstverlag. Die Idee dahinter ist ähnlich wie bei den „Marketplace“-Händlern auf der Hauptseite. Die nutzen den weltweiten „Marktplatz“ des Onlinehändlers als Vertriebsweg gegen Gebühr und profitieren damit von dessen Reichweite.

Statt einem Verlag vertraut König ihre Bücher Onlineportalen wie Amazon an. Quelle: Screenshot

Für seine Kindle-Vertriebsplattform wirbt der Onlineriese damit, kostenlos veröffentlichen zu können. Das heißt natürlich nicht, dass Amazon gar nichts an den Büchern verdient: Kommt es zum Kauf, landen nur 70 Prozent der Tantiemen beim Autor. Er erhält auch bei Kindle Unlimited, einer Ausleihbibliothek, in der Amazon-Kunden für eine Monatsgebühr unbegrenzt leihen können, anteilig Geld pro gelesener Seite.

„Wenn ich da rein will, darf ich nur über Amazon veröffentlichen“, erklärt König. „Das macht im Vergleich zum Verlag finanziell etwas aus.“ Zwar gebe sie an Amazon etwas ab, aber der Rest lande direkt bei ihr. König sieht das nicht als Einschränkung, sondern Privileg. Nach drei Monaten Exklusivrechten könne sie die Bücher wieder herausnehmen und auch auf anderen Plattformen veröffentlichen. „Der Großteil liest aber wirklich über Amazon.“

Reichweite durch Facebook

Um die Gestaltung und Werbung der Titel muss der Autor sich indes selbst kümmern. Auch hier hilft König ein Datenriese – das soziale Netzwerk Facebook. Sie erinnert sich an ihre Anfangszeit: „Witzigerweise habe ich mir keine großen Gedanken dabei gemacht.

„Ich habe einfach angefangen“, erzählt sie, wie sie, nachdem ihr erstes Buch 2013 noch bei einem ganz kleinen Verlag herausgebracht hatte, auf den digitalen Markt umorientierte: „Ich bin auf Facebook gegangen und habe mich einfach umgesehen. Dort bin ich auf andere Self-Publisher gestoßen.“ Sie lernte dadurch, legte sich eine eigene Seite an, fing an, zu ihren Büchern Nachrichten zu verfassen und vernetzte sich mit Büchergruppen und Fans. So sei sie in diese „Self-Publisher-Riege“ hineingewachsen.

Community-Gedanke prägt Szene

Die Netzwerkpflege ist mindestens Arbeit: „Was ich mache ist, dass ich im Vorfeld bereits versuche, die Leute mitzunehmen“, beschreibt sie. König zeigt das Cover vorab, Klappentexte und macht am Veröffentlichungstag auch eine Releaseparty. Sie liest für Facebook live wie auch in der Harthaer Stadtbibliothek: Fast szenisch, ganz nah bei ihren Figuren. „Die Protagonisten haben immer ihr Eigenleben, sind mitunter störrisch“, lacht sie. Anschließend geht sie selbstverständlich, auskunftsfreudig und nahbar auf Fragen zu ihrem Schreiben ein.

Dadurch entsteht auch eine Nähe zu den Lesern, die mit einem dazwischengeschalteten Verlag so nicht entstehen würde. Das Glück des Lesers wird so für die Autorin greifbar. Ihr Publikum, das sie deutschlandweit erreicht, kommt mitunter von weit angereist, um sie auf unabhängigen Lesemessen kennenzulernen. „Das ist eine große Gemeinschaft. Die kennen sich auch untereinander und reisen wirklich Hunderte Kilometer, nur um uns Autoren zu sehen, Bilder zu machen und sich Bücher signieren zu lassen. Deshalb sind die Messen auch so verdammt wichtig.“

Lesernähe ist Kapital

Diese loyalen Stammleser sind auch wichtig für das Geschäft: Sie sorgen mit ihren Bewertungen dafür, dass das Buch auf Amazon überhaupt sichtbar ist. Die Rankinglisten, der Stand im Amazon-internen Bewertungssystem, entscheiden darüber, ob ein Buch zum Erfolg wird oder nicht. Viel hängt am Lesergusto: Eine schlechte Nutzerbewertung kann da schon zum Absturz führen. Wie geht sie da mit Kritik um: „Solange sie konstruktiv ist und verbessern möchte, was ich mache, setze ich mich gern damit auseinander. Alles andere ist für mich verschwendete Zeit“, sagt König klar. „Die Leute verstecken sich auch hinter den Rezis.“

Ein anderes Problem im Netz sind Raubkopien. Seit einem Jahr beauftragt König eine Agentur, diese aufzuspüren. „In dem Fall ist mir es das Geld wirklich wert. Das ist wirklich massiv.“ Sobald ein Buch vermeintlich frei im Netz kursiere, schnelle die Zahl der E-Book-Rückgaben in die Höhe. Sie investiert aus Selbstschutz, aber auch für die Leser, die bereit sind zu zahlen.

Spagat zwischen neuer Abhängigkeit oder Freiheit

Nutzerrezensionen, oder die Allmacht des Facebook-Algorithmus, der entscheidet, was gesehen wird: Fühlt sie sich da nicht abhängig, diesen beiden Firmen ihre Bücher anzuvertrauen? „Irgendwie nicht. Es ist mein Arbeitsplatz“, antwortet sie mit einer Gegenfrage: „Warum sollte ich nicht die größten Tools nutzen, die mir das Internet gibt? Das wäre für mich selbst geschäftsschädigend“, stellt sie fest.

Bücher gibt es für ihre Leser gedruckt eher als Andenken oder zum Signieren. Quelle: Manuel Niemann

König selbst ist Vielleserin, sie lese fast nur noch am Tablet oder Smartphone: Hardcoverausgaben kaufe sie meist nur noch nach, wenn ihr ein besonders Buch gefallen habe: „Sie nehmen Platz weg und kosten viel Geld.“ Stirbt das gedruckte Buch dann zwangsläufig aus? Sie tippt nicht darauf: „Es wird immer Leute geben, die Bücher noch haben wollen, und wenn es auch nur als Souvenir ist.“

Von Manuel Niemann

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