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Dirk Schilling: Der Bürgermeister mit Musik im Blut

Dirk Schilling: Der Bürgermeister mit Musik im Blut

Wenn Dirk Schilling erzählt, was einen guten Autoverkäufer ausmacht, dann könnte er genauso gut auflisten, wie sich ein guter Bürgermeister verhalten muss.

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Entschuldigen Sie, ist das der Sonderzug nach Ostrau? Ich muss da eben mal hin, weil ich der Bürgermeister bin. Den richtigen Lindenberg-Text wird Musikfan Dirk Schilling bald beim Live-Konzert hören. Das passende Udo-Outfit - Hut und Sonnenbrille - steht ihm gar nicht schlecht.

Quelle: Wolfgang Sens

Ostrau. Also: Ein guter Autoverkäufer sollte sein Handwerk, nämlich das Kaufmännische, so sehr beherrschen, dass er sich auf den Kunden konzentrieren, Bedürfnisse heraushören kann. Eine persönliche Beziehung ist wichtig. Und: "Der Kunde hat ein sehr genaues, unterschwelliges Empfinden, er muss das Vertrauen haben, dass er gut aufgehoben ist", erzählt Dirk Schilling. "Man muss zuverlässig sein, und zu dem stehen, was man sagt. Man muss Ideen und Überzeugungen verkaufen können." Wer jetzt das Wort "Kunde" durch "Bürger" ersetzt, erhält Anforderungen, die sicher auch auf einen Bürgermeister zutreffen.

Dirk Schilling übernimmt demnächst die Geschäfte im Ostrauer Rathaus. Neu ist er nicht in der Kommunalpolitik, hat schon viele Jahre als ehrenamtlicher Stellvertreter von Gisela Reibig gearbeitet. Seit 1991 brachte der 48-jährige Verkäufer im Autohaus Krumbiegel in Döbeln bestimmt mehr als 1000 Fahrzeuge an den Mann und die Frau. Zurzeit hat er jede Menge zu tun. Nicht nur, weil das Frühjahrsgeschäft gerade angelaufen ist. "Es ist mir ja auch nicht egal, was hier wird. Ich will zu Ende bringen, was ich angefangen habe und keine Leichen liegen lassen." Noch sitzt er auf seinem Stuhl im Döbelner Gewerbegebiet Ost. Aufrecht, nicht zurückgelehnt, irgendwie immer ein wenig auf dem Sprung. Er hat Stress, macht aber trotzdem einen gelassenen Eindruck.

Dirk Schilling wird 1963 in Neuruppin geboren und wächst im Dorf Herzberg auf. Er bekommt zwei Schwestern: Marion und Heike. Dadurch übernimmt der große Bruder bereits früh Verantwortung. 1970 wird das Trockenwerk Wutzschwitz gebaut. Vater Karl wird dort Leiter, die Familie zieht mit. Mutter Elsbeth ist Lehrerin. Nach der ersten Klasse in Herzberg wechselt Dirk Schilling die Schule, kommt erst nach Jahna, dann nach Ostrau. An der Mittelschule geht er später in die AG der Blaskapelle. Bis heute ist ihm die Musik ein wichtiges Hobby. Auf die Jahnataler Blasmusikanten, denen er bis vor kurzem vorstand, will er nicht verzichten. "Wenn man zusammen musiziert, wenn man Leute begeistern kann und merkt, wie sie mitgehen, dann gibt es Momente, die sind richtiges Gänsehaut-Feeling." Dass bei Sechs-Tage-Wochen auf der Arbeit kaum noch Zeit für Anderes bleibt, akzeptiert er. Denn das Musizieren und die Auftritte sind kein Stress für ihn. "Wenn ich mich zwingen müsste, würde es nicht funktionieren."

Dirk Schilling macht seine Lehre zum Kfz-Mechaniker im Autohaus Krumbiegel. Der Staat bietet drei Jahre bei der Bereitschaftspolizei in Leipzig an. Das ist ihm zu viel Zeit, er lehnt ab. Die Strafe folgt, natürlich, zur Unzeit. Mit 25 Jahren wird er gezogen, kurz vor der politischen Wende, das Haus ist gerade im Bau, seine Frau das zweite Mal schwanger. Als Kraftfahrer schicken sie ihn nach Eggesin, ans Stettiner Haff, polnische Grenze. Es ist eine unsichere Zeit, niemand weiß, was als nächstes passiert. "Es hat auch in der Armee rumort." Die Offiziere sind unsicher, aber selbst bei der NVA entstehen neue Strukturen, Dirk Schilling wird zum Soldatensprecher gewählt. Auf dem Nachhauseweg wird er auf Bahnhöfen von Zivilisten angepöbelt. Eine seltsame Zeit, erinnert sich Dirk Schilling. Aber auch eine Zeit, in der sein politisches Interesse geweckt wird.

Ein halbes Jahr Zeit schenkt ihm die friedliche Revolution; er kann früher nach Hause und heuert wieder bei Krumbiegels an, die damals noch in Ostrau ihren Unternehmenssitz haben. "Ich wollte immer Kfz-Meister werden", erzählt Dirk Schilling. Aber sein Chef hat anderes mit ihm vor. Einen Verkauf gibt es bis dato nicht: Die Ware dazu hat schlicht gefehlt. Jetzt aber braucht es Verkäufer. Dirk Schilling lässt sich berufsbegleitend ausbilden.

Es ist eine lange Zeit, die ihn mit seinem Arbeitgeber verbindet. Ein wenig wehmütig ist er schon. Die Krumbiegels haben ihm keine Steine in den Weg gelegt. Er hat seine politischen Ambitionen besprochen - mit seinem Chef wie mit seiner Familie.

Und was wird er für ein Chef sein in der Gemeindeverwaltung Ostrau? - "Ich werde nicht ausfällig und bin kein Choleriker, ich versuche, mit Sachlichkeit zu überzeugen." Er will seine eigene Handschrift einführen, aber nicht mit der Brechstange. Eigene Akzente setzen und konsequent sein, aber sich "so ins Kollektiv einbringen, dass die Chemie stimmt". Präsent und verlässlich sein, aber auch die Eigenverantwortung der Mitarbeiter stärken.

So wie Dirk Schilling seinen neuen Job versteht, wird er sicher nicht mehr Zeit haben als bislang. Dankbar ist er seiner Frau Heike, die meist viel Verständnis für volle Terminkalender aufbringt. Zusammen mit den beiden Söhnen gibt es deshalb eine neue Tradition. Freitag Abend ist Zeit für Pizza und Rotwein im Hause Schilling. Zumindest, wenn die Kinder da sind. Tom ist 26 und arbeitet als Diplom-Ingenieur für Kraftfahrzeugtechnik in einem Münchner Konstruktionsbüro - unter anderem für BMW. Peter (22) studiert zurzeit Medientechnik in Mittweida. Und dann ist da noch Bobby. "Das ist eine richtige Raubsau", feixt Schilling über den Hirtenhund, mit dem er und seine Frau gern ausgedehnte Spaziergänge in die Region unternehmen.

Viel mehr Erholung ist dem Ostrauer gar nicht so recht. "Lange Urlaube kenne ich nicht." Eine Woche Madeira nach der Silberhochzeit - das war in den vergangenen Jahren das Höchste der Gefühle. Da lieber mal ein verlängertes Wochenende oder ein Konzert. Als die Jungs noch im Haus waren, da ging es sogar zu den Ärzten und den Toten Hosen. Papa Dirk lässt sich auch gerne von den Rolling Stones live beschallen oder von AC/DC, ist ansonsten aber vorwiegend auf Blasmusik und Dixieland getrimmt. 2004 war er mit der Mochauer Himmelfahrtsband beim Dixielandfestival in Dresden. Momente, die er nicht vergisst. Und demnächst geht es mit seiner Frau ins Udo-Lindenberg-Konzert. Die Karten hat er von ihr geschenkt bekommen. Auf das Präsent am Wahlabend war er in etwa so gespannt wie auf das Ergebnis, sagt Dirk Schilling und grinst. Björn Meine

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