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Döbeln Döbeln: Dudelei statt Hard Rock
Region Döbeln Döbeln: Dudelei statt Hard Rock
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20:09 16.07.2012

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So zum Beispiel in Waldheim. Der "Frühling" aus Antonio Vivaldis "Vier Jahreszeiten" läuft dort. Klassik, ja, damit kann Stadtoberhaupt Steffen Blech etwas anfangen - Oper, Operette und Klavierkonzerte besucht er schon mal. Udo Jürgens mag er aber auch, denn der hat am gleichen Tag wie er Geburtstag. Für was sich Blech jedoch wirklich begeistert, das ist der Rock. Auf seinem Handy ertönt als Klingelton "Paint it black" von den Rolling Stones. CCR, Uriah Heep...; Seit dem Fall der Mauer hat er so gut wie kein Konzert all der alten Bands ausgelassen.

Mit dem Faible fürs Härtere steht er nicht allein da. Sitzt er mit seinem Amtskollegen aus Hartha, Gerald Herbst und dem Bockelwitzer Ortsvorsteher Michael Heckel im Auto, dann wird die Rockmusik schon mal lautstark aufgedreht. "Wenn unsere Frauen dabei sind, geht das ja nicht", gesteht Blech. Herbst selbst fährt am meisten auf Jethro Tull ab. Und in der Telefonanlage hätte er am liebsten "Smoke on the Water". Den Wunsch konnte ihm Bauamtsleiter Ronald Fischer nicht erfüllen. Er war zuständig, als die Anlage Ende der 1990er eingebaut wurde. Und er entschied sich aus den drei Angeboten für das beschwingteste, den "Little brown Jug", den Joseph Winner 1869 als Trinklied schuf und Glenn Miller 1939 in den Big-Band-Sound überführte. Zumindest bei Rathausmitarbeitern in Leisnig und Waldheim, die oft in Herbsts Verwaltung anrufen, wird der Titel als der schönste eingestuft, den die behördliche Struktur in der Region zu bieten hat.

Das krasse Gegenteil nennt sich "Music on hold", also Musik, mit der die Verbindung gehalten wird. In den meisten Rathäusern und scheinbar auf der halben Welt läuft sie - unaufgeregt, unspektakulär. Häufig haben die Jentzsch Informationssysteme aus Döbeln die Lieder auf Wunsch der Verwaltungen eingespeist. "Sie stammen von einer CD, die wir Ende der 1990er Jahre gekauft haben", sagt Frank Weinberg, Mitarbeiter für Vertrieb und Technik. Es handle sich um ein 90-Minuten-Band mit Melodien, für die keine Gebühren an die Verwertungsgesellschaft Gema gezahlt werden müsse.

Ostrau hat sich dafür entschieden, obwohl dort früher ganz lokalpatriotisch das Jahnatallied zu hören war. Dem neuen Bürgermeister Dirk Schilling, der die Halte-Musik quasi geerbt hat, würde wohl eher die vorherige Variante liegen, spielt er doch selbst bei den Jahnataler Blasmusikanten mit und liebt vor allem diesen Sound und Dixiland. Aber auch bei AC/DC, den Stones, Westernhagen, Roland Kaiser und Udo Lindenberg geht er mit.

Leichte Musik zum Halten kriegt der Anrufer auch in Mochau auf die Ohren, obwohl Bürgermeister Gunter Weber ebenfalls auf Dixiland steht. Bei ihm kommen noch Jazz und Klaviermusik hinzu. Dass sein Amtstelefon andere Wege geht, sieht er, wie er sagt, als "gottgegeben" an. "Die Musik wurde mit der Anlage mitgeliefert", sagt er.

Dabei kann auf die Präsentation, die von den Jentzsch Informationssystemen angeboten wird, durchaus Einfluss genommen werden. Leisnig wollte beispielsweise nicht nur Lieder, sondern auch Texte. "Bitte warten sie einen kleinen Augenblick. Es geht gleich weiter", ist dort unter anderem zu hören. Radiomoderatorin Tina Wojnowski ist eine von jenen, die die Worte eingesprochen haben. Im Leisniger Fall liegen die eher geläufigen Songs des Telefons nicht weit vom Geschmack des Bürgermeisters entfernt. Tobias Goth hört vor allem englischen Pop aus den Hitparaden - aktuelle Titel und solche aus seiner Jugend in den 1990er Jahren.

Einer noch jüngeren Musikrichtung hat sich Veit Lindner verschrieben. Der Bürgermeister von Roßwein brennt für Techno und House. Am besten kommt der Sound von Paul Kaltbrenner. Alles andere als die seichte Halte-Musik, die seine Anrufer kennen.

Tiefe Stille in Großweitzschen und in Ziegra-Knobelsdorf. Dort bleibt der Hörer beim Verbinden stumm. Und Niederstriegis hat gar nur ein Telefon, das die Sekretärin bei Bedarf an Bürgermeister Heinz Martin weiterreicht. Wie erbaulich könnte da hingegen Beethovens Neunte sein, wenn sie nicht gerade so schmalbrüstig wie in Zschaitz-Ottewig daherkäme. "Freude schöner Götterfunke" als elektronische Piepsvariante. Mitnichten der Geschmack von Immo Barkawitz, der sich für Heavy Metal begeistert, zum Beispiel für Metallica.

Bliebe noch Döbeln, wo sich der Kreis der kleinen Betrachtung schließt, denn auch hier erklingt - wie in Waldheim - Vivaldis "Frühling". Oberbürgermeister Hans-Joachim Egerer findet das okay und sagt, dass er auch Orffs "Carmina Burana" mag. Was für ihn aber so richtig reinknallt, das sind Queen und AC/DC. Wenn alle Verwaltungen ihren Chefs nachgeben würden, hätten wir somit zwar noch lange keine Hard-Rock-Cafés, aber wenigstens viele Hard-Rock-Rathäuser. Frank Pfeifer

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