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Döbeln: Ein Kribbeln blieb bis zum Schluss

Döbeln: Ein Kribbeln blieb bis zum Schluss

Elisabeth Backofen hat heute ihren letzten Arbeitstag. Ach, das ist doch..., werden jetzt viele denken, die bei ihr unter die Haube gekommen sind. Genau: Döbelns jahrzehntelange Standesbeamtin.

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Elisabeth Backofen im Trau-Zimmer des Döbelner Rathauses, ihrem Reich für über drei Jahrzehnte. Jetzt will sie den Vorruhestand genießen.

Quelle: Wolfgang Sens

Döbeln. Nach 33 Jahren als Leiterin des Döbelner Standesamtes verabschiedet sich die 62-Jährige mit einer Sekt-Runde in den Vorruhestand. Traurig, das gibt die Frau mit der markanten schwarz-weißen Brille unumwunden zu, ist sie darüber nicht. "Mein Mann ist schon seit einiger Zeit zu Hause. So können wir das Leben nun gemeinsam genießen."

Als Elisabeth Backofen 1970 ihrem Bräutigam im Döbelner Rathaus das Ja-Wort gab, dachte sie mit keiner Silbe daran, einmal auf der anderen Seite des Trau-Tisches zu sitzen. Die gebürtige Ungarin war als Elfjährige mit ihrer deutschstämmigen Mutter auf deren Wunsch in die DDR eingewandert. Die ungarische Staatsbürgerschaft aberkannt, die der DDR noch nicht zuerkannt, gehörte sie eine Zeit lang zu keiner Nation. In der neuen Heimat in Döbeln musste sich das Mädchen erst zurecht finden. "Ich sprach ja kein einziges Wort Deutsch." Sie fasste dennoch schnell Fuß, arbeitete nach der Ausbildung als Ökonomin im Döbelner Elmo-Werk und brachte es schon in jungen Jahren zur Leiterin der Lohnstelle.

Als im Juli 1978 die langjährige Döbelner Standesbeamtin Edith Findeisen erkrankte, wurde Backofen zum Bürgermeister bestellt. Der offerierte ihr Findeisens Stelle. Wie sie dazu kam, wer sie vorgeschlagen hatte, dass weiß Elisabeth Backofen bis heute nicht. "Ich habe immer sehr korrekt gearbeitet. Was ich anfasse, das hat Hand und Fuß. Vielleicht war es aber auch die äußerliche Erscheinung oder mein Wesen." Jedenfalls sagte sie nach einer Bedenkzeit zu, begann im Januar 1979 im Rathaus und wurde drei Monate später zur Leiterin des Standesamtes berufen.

Ihre erste Eheschließung kurz darauf habe sie "mit Zittern und Bangen" über die Bühne gebracht. Natürlich sammelte sie in den Folgejahren viel Erfahrung. Doch bis zum Schluss sei immer ein gewisses Kribbeln geblieben. "Zur Routine darf dieser Job nicht werden. Das ist wie bei einem Schauspieler. Jede Trauung ist wie ein neuer Auftritt." Solche Auftritte hatte sie viele. Vor der Wende waren durchschnittlich 400 Eheschließungen im Jahr im Döbelner Standesamt zu bewältigen. Nach der Wende sank die Zahl bis auf 60. "Im vergangenen Jahr waren es immerhin 93 Trauungen." Hingegen steigt die Zahl der zu bearbeitenden Sterbefälle stetig, zuletzt bis auf rund 500 im Jahr. "Wir haben es gespürt, als im Döbelner Krankenhaus die neue Innere Abteilung öffnete. Mittlerweile stirbt auch halb Roßwein in Döbeln", so Backofen. Wo gestorben wird, da muss beurkundet werden, das gilt wie bei Geburten und Trauungen. Übrigens: Das Ja-Wort ist um vieles teurer geworden. Früher kostete der standesamtliche Akt sechs DDR-Mark. Heute können bei einer Eheschließung, inklusive Sonnabend-Zuschlag, bis zu 150 Euro anfallen.

Elisabeth Backofen hat viele schöne, aber auch traurige und kuriose Trauungen erlebt. Tragisch zum Beispiel, als wegen eines anstehenden Auslandsaufenthaltes geheiratet werden musste, obwohl einer der Partner kurz zuvor den Bruder bei einem Unfall verloren hatte. Kurios, als zwei über 80-Jährige vor der Standesbeamtin saßen und die Senioren-Braut energisch forderte: "Reden sie nicht so lange um den heißen Brei, mein Mann ist sowieso schwerhörig. Hauptsache er unterschreibt."

Nicht nehmen lassen wollte sich Backofen in all den Jahren, dass die Trauung in Döbeln ein besonders feierliches Zeremoniell ist, mit "Wunschmusik und in angenehmer Atmosphäre". Kein fünfminütiger, reiner Verwaltungsakt "wie im Westen".

Wenn heute Irina Schädlich an Backofens Stelle tritt, dann wird der Ruheständlerin Zuhause nicht die Decke auf den Kopf fallen. "Ich habe viele Hobbys, Sport, Sauna, Akkordeon spielen. Außerdem gibt es ein kleines Häuschen mit Garten. Im Sommer bin ich dort gern Sonnenanbeterin." Olaf Büchel

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