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Döbeln Döbeln: Kalle Sehl im DAZ-Porträt
Region Döbeln Döbeln: Kalle Sehl im DAZ-Porträt
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21:23 28.09.2012
Freiheitskämpfer zeigt Flagge: Kalle Sehl steht über allem, wenn es um die Toten Hosen geht. An der Liverpool-Fahne hängen Erinnerungen an Konzerte in der ganzen Welt und den Schweiß von Campino. Quelle: Wolfgang Sens

Er geht in die vierte Klasse einer Polytechnischen Oberschule in Döbeln, als seine Liebe für den FC Liverpool entflammt. Warum gerade die Reds? "Was weiß ich." Ist auch nicht wichtig. Bedeutend ist nur: Ein anderer Viertklässler soll sein Herz später ebenfalls an "Die Roten" verlieren: Andreas Frege, der Sänger der Toten Hosen. Dass sich Jahre später an der britischen Anfield Road die Seelen dieser zwei Deutschen "begegnen" würden, sollte zumindest das Leben des Döbelners nachhaltig beeinflussen. Campino singt die Hymne der Liverpooler Kicker "You'll never walk alone". Kalle saugt das am heimischen Fernsehgerät auf. Kann nicht mehr loslassen. "Ich weiß nicht, was es ist. Die Texte, die Musik - oft schnell, immer laut, wie das Leben - oder die Typen selbst. Irgendwas war es, woraus Fanatismus wurde." Kalle Sehl denkt nicht über den tieferen Sinn nach. Jedenfalls spricht er nie darüber. Es ist, wie es ist. Irgendwann sind die Toten Hosen in seinem Leben. Und er richtet es danach aus. Fährt seit 1998 zu allen Konzerten, "wenn's Zeit und Kohle erlauben".

Pushed Again heißt der Titel, der alles ins Rollen bringt. Kalle trennt sich gerade von der Frau, mit der er seinen Sohn Stanley bekam. Geht seinen eigenen Weg. Ohne festzuhalten, ohne Konzept, nur mit der Überzeugung im Kopf, dass es richtig ist, diesen Weg zu gehen. "Über die Brücken, bis hin zu der Musik..." Textzeilen aus Hosen-Liedern lassen sich problemlos über Lebensabschnitte des (noch) 49-Jährigen stülpen. Irgendwas passt immer.

"Fünf Träume hatte ich als Jugendlicher." Träume, die solche nicht bleiben sollen. Nach Australien reist er, Kanada auch. Einen Bus ("eigentlich sollte es ein B 1000 werden") hat er sich mit einem blauen VW T4 gekauft. Den vierten Traum? "Was weiß ich... - Hausbau war's glaub' ich nicht". Den fünften hat er sich gerade erfüllt: Ein Konzert der Toten Hosen in Buenos Aires. 2009 will er schon zur Tour nach Argentinien, wo seine Idole - "nein, Idole sind sie nicht. Auch keine Vorbilder. Was weiß ich..." - DIE Stars überhaupt sind.

Seiner damaligen Freundin ist die Hosen-Manie zu viel. Eine Entscheidung wird fällig: die Hosen in Argentinien oder eine Familie in Döbeln. Kalle fährt nicht nach Argentinien. Die Beziehung beenden sie trotzdem.

Der Mann in immer kurzen Hosen, Sonnenbrille und Hosen-Shirt trägt Narben auf seiner Seele. Er spricht nicht darüber. Denkt aber intensiv darüber nach. Wenn er allein auf dem Bock sitzt, als Kraftfahrer durch den Raum Dresden kutscht. Aus dem Kind gebliebenen Kalle wird dann der Fast-Fünfziger, wenn er über existenzielle Momente, Menschen oder Begegnungen sinniert. Der plötzliche Tod seines Vaters vor sieben Jahren gehört dazu. "Von ihm habe ich viel. Gutes. Und das Schlechte auch. Er war einer, der immer an die anderen gedacht hat. Großzügig war er, der Heinz." Der Tod seines Vaters lässt Dämme in Kalle brechen. Schweißt ihn enger an seine Mutter Gudrun. "Wir hatten wenig, aber was ich als Kind brauchte, habe ich bekommen."

Sein Witz fällt von ihm ab, wenn er an unerfüllte Beziehungen denkt. Und er schämt sich sogar ein bisschen dafür.

Kalle ist einer, der Prinzipien hat. Seine Prinzipien. Er will nicht irgendwann in der Kiste liegen und sich vorwerfen, seine Zeit nicht genutzt zu haben. "Die ist zu begrenzt." Zeit zu vergeuden, lässt er im Kontext mit den Hosen, nicht aber im echten Leben zu: "Verschwende Deine Zeit". Er folgt Campinos Ruf. Weshalb die Erfüllung des fünften Traumes die logische Konsequenz in einem fünf Jahrzehnte langen Dasein ist. Kalle spart drei Jahre. Packt eine kurze Hose und zwei T-Shirts ein. Hängt sich die Fan-Fahne des FC Liverpool um die Schultern. Und fährt los. Nach Argentinien. Das Fußballspielen hat der ehemalige Mittelfeldspieler des Döbelner SC, der sich selbstironisch "Blauer Diamant" tauft, vor Jahren aus Fitnessgründen aufgegeben. Die zweiwöchigen Strapazen in Südamerika nimmt er auf sich. Kraft, die für eine ganze Saison gereicht hätte. Egal. 4000 Kilometer legt er mit Bus und Flugzeug zwischen Tucuman, Salta, Mar del Plata und Buenos Aires zurück. Vier Konzerte sind geplant. Das fünfte hängt er als Bonus dran - "logisch". Doch wenn er ehrlich ist: "Ich wollte nach dem dritten Konzert nach Hause."

Ausgerechnet ein Foto vom Pferdebahnjubiläum in Döbeln, das er auf Facebook sieht, lässt Heimweh aufkommen. "Ich war fix und fertig." Aber: Liverpool verpflichtet. Kalles Fan-Fahne ist bei Hosen-Konzerten so etwas wie der Flügel bei Elton John oder bunte Haare den Ärzten. Ein Markenzeichen eben. "1997 habe ich den Union Jack zu meinem ersten Konzert der Hosen mitgenommen. Heute sind überall Fahnen." Auf seiner Liverpool-Flagge haben alle Hosen - Campino, Andi, Breiti, Kuddel, Vom und Wölli - unterschrieben. Die Fahne war oft genug das Ticket auf die Bühne, wo Kind Kalle mit Campino die Hymne brüllte - "You'll never walk alone".

57 Konzerte. Die Bundesliga, Campino und Kalle - allesamt 1962 geboren. Fortuna Düsseldorf ist für Campino das, was für Kalle die Musik ist. Seine Faszination für die Hosen kann er selbst nicht erklären. Redet er darüber, wird deutlich: Zwischen den Toten Hosen und Kalle Sehl gibt es Parallelen. "Sie sind einfach ganz normale Kerle - welche von uns. Für sie zählt die Freundschaft. Sie ziehen sich selbst aus der Scheiße. Sie machen es nicht wegen des Geldes. Sie haben einfach Spaß."

Nach 13 Tagen Argentinien ist Kalle "verdammt froh, wieder zu Hause zu sein". Die Digitalkamera haben ihm die Argentinier geklaut. Egal. Er findet sie trotzdem sympathisch. Bewundert ihren Stolz. Der fünfte Traum ist wahr geworden. Der 50. Geburtstag kann kommen. Die Toten Hosen werden an diesem Dezemberabend in Mannheim den "Krach der Republik" geben. Ohne Kalle. Das 58. Konzert ist vertagt, denn an Tagen wie diesen... ist kein Ende in Sicht.

Thomas Lieb

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