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Döbeln: Süße Tradition aus dem Netzbandofen

Döbeln: Süße Tradition aus dem Netzbandofen

Es gibt Dinge, die ändern sich nie. Der sächsische Stollen auf adventlichen Kaffeetafeln gehört dazu. Er eignet sich nicht für experimentelle Versuche kreativer Bäckermeister.

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Bernd Schönfelder (l.) zieht die fertig gebackenen Stollen aus dem Ofen. 5000 Zweipfünder sind am Ende des Tages mit flüssiger Butter bestrichen.

Quelle: Sven Bartsch

Die Sachsen wollen ihn, wie er immer war. Seit hunderten Jahren. Am Döbelner Produktionsstandort der Großbäckerei Erntebrot wird das zum Tag der offenen Tür am Sonnabend einmal mehr deutlich.

 

Zu DDR-Zeit hat man mal versucht, viereckige Torten zu verkaufen. "Das haben sie schnell wieder bleiben lassen. Die Kunden wollten die gewohnt runden Torten. So ist es auch mit dem Christstollen. Der hat sich nie verändert. Auch wir backen den Rosinenstollen nach uraltem Rezept", erzählt Bernd Schönfelder. Der Mann kennt sich mit traditionellem Backwerk aus. Als gelernter Konditor und Ingenieur für Backtechnologie weiß er, was sich gehört. Im Jahre 1329 in Naumburg (Saale) als Geschenk für einen Bischof Heinrich urkundlich ersterwähnt, käme es Geschichtsrevisionismus gleich, würde der Christstollen plötzlich rund, als Blechkuchen oder in Törtchenformen neben den Adventskranz kommen.

 

Rund zehn Christstollen verlassen den gut 20 Meter langen Netzbandofen - pro Minute. 5000 werden es am Ende dieser Sonnabend-Schicht sein. "Stollenproduktion ist immer sonnabends. In der Vorweihnachtszeit unser Hauptschwerpunkt neben dem Tagesgeschäft", erklärt Erntebrot-Prokuristin Elke Lehmann den Besuchern. Was Joachim Otto vorn roh reinsteckt, kommt hinten nach 50 Minuten unter 180 bis 260 Grad Celsius gebacken wieder raus. "Solange dauert es bei den Zweipfundstollen. Dreipfünder brauchen zehn Minuten länger", diktiert Otto. Auf der anderen Seite stehen Bernd Schönfelder und ein Kollege, die den süß duftenden Laibern einen dicken Pinselstrich mit flüssiger Butter verpassen.

 

In den Produktionshallen von Erntebrot, wo 100 Mitarbeiter beschäftigt sind, ist am Sonnabend mehr los als üblich. Auch so etwas, was das Prädikat "Tradition" verträgt: Es ist der zwölfte Tag der offenen Tür. "Und es ist gewachsen. Uns erzählen Gäste, dass sie jedes Jahr hierher kommen. Mittlerweile ist es zu einem richtigen Weihnachtsmarkt geworden. Während wir anfangs auf Vereine und Händler zugehen mussten, kommen sie mittlerweile von selbst, um sich in diesem Rahmen präsentieren zu können. Die Kinderbackstation ist nach wie vor der Renner. Die ersten Gäste standen bereits halb zehn vor dem Tor, um sich mit ihren Kindern die Plätze zu sichern", berichtet die Prokuristin. "Nirgendwo kann man so viel verschiedene Plätzchen mit den unterschiedlichsten Dekorationen backen. Deswegen sind meine Kinder da ganz scharf drauf", bestätigt auch Wiebke Becker, warum sie "keinen Backtag bei Erntebrot auslassen" kann.

 

Das Unternehmen mit Filialen hauptsächlich in Sachsen, aber auch Thüringen und Sachsen-Anhalt hat 465 Mitarbeiter - von der Verwaltung, Produktion, Vertrieb bis zum Verkauf. "Und es ist uns ein Bedürfnis, an solchen Tagen wie heute, nicht nur zu Verkostungen einzuladen, sondern auch etwas über das Bäckereihandwerk und den langen Prozess, bis ein Brot im Verkaufstresen liegt, zu erzählen", so Elke Lehmann. Aus gutem Grund: Die Begeisterung beim Plätzchenbacken an der Kinderbackstation ist mit der am Bäckerberuf nicht gleichzusetzen. "Leider", sagt Lehmann. Erntebrot bildet mittlerweile weniger aus, als noch vor ein paar Jahren. "Was zum einen tatsächlich am demografischen Wandel liegt. Zum anderen ist der Beruf des Bäckers anspruchsvoller geworden. Gerade die naturwissenschaftlichen Fächer spielen heute eine größere Rolle. Andererseits bietet der Markt immer mehr Ausbildungsmöglichkeiten. Das Bäckerhandwerk verliert bei den Schülern an Aufmerksamkeit", erklärt Lehmann.

 

Zwischen Netzbandofen, Jahnataler Blasmusikanten, Plätzchentellern, Gulaschsuppe und Souvenirständen wird bei Erntebrot also auch Nachwuchsförderung betrieben. Bischof Heinrich bliebe angesichts der erhaltenen Tradition seines Geschenks wahrscheinlich unbesorgt. Der Christstollen wird überleben.

Thomas Lieb

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