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Döbelner „Bärenherz-Diebstahl“ bleibt unaufgeklärt

Im Zweifel für die Angeklagte Döbelner „Bärenherz-Diebstahl“ bleibt unaufgeklärt

Das Kinderhospiz „Bärenherz“ sammelt Spenden in liebevoll gestalteten Dosen, die auch in Döbelner Geschäften stehen. Wie herzlos muss jemand sein, Spendengeld für todkranke Kinder zu stehlen? Eine 28-jährige vorbestrafte Döbelnerin soll eine solche Benefiz-Büchse geklaut haben. Aus strafrechtlicher Sicht war ihr das nicht nachzuweisen.

Die Angeklagte, 28 Jahre alt, nach der 7. Klasse aus der Schule, keinen Beruf gelernt, fünf Kinder und fünfmal vorbestraft, kam gestern im Amtsgericht Döbeln um eine weitere Strafe herum.
 

Quelle: dpa

Döbeln. Spendengeld für sterbenskranke Kinder klauen – wer macht den sowas? Das fragten sich im April vergangenen Jahres viele Döbelner. Vor allem in den sozialen Netzwerken wie Facebook im Internet, nachdem die Döbelner Allgemeine Zeitung darüber berichtet hatte. Im An- und Verkauf „Sonnenkäfer“ an der Döbelner Ritterstraße hatten Diebe eine Spendenbüchse für das Kinderhospiz „Bärenherz“ gestohlen. Darin waren 100 bis 150 Euro.

Mit einer 28-jährigen Döbelnerin glaubte die Staatsanwaltschaft die Täterin gefunden zu haben. Die Frau hat fünf Kinder, von denen drei im Heim leben. Zur Tatzeit war sie mit einem Kleinkriminellen zusammen. Die junge Frau hat bereits selbst ordentlich Vorstrafen gesammelt. Schwarzfahren, Entziehung elektrischer Energie und Diebstahl – insgesamt fünf Verurteilungen zu Geldstrafen listet ihr Auszug aus dem Bundeszentralregister auf. Am Dienstag sah sich die berufslose Hausfrau mit dem Spenden-Diebstahl im Sonnenkäfer konfrontiert: „Sie tat dies, indem sie die Spendendose vom Verkaufstresen nahm und einsteckte“, legte ihr Staatsanwalt Maximilian Schneider zur Last.

Stubenwagen als Ablenkungsmanöver?

Das ist falsch, wie die weitere Beweisaufnahme bei Richterin Christa Weik im Amtsgericht Döbeln zeigte. Die Mutter des Ladeninhabers half an jenem Tag aus. Die 54-Jährige konnte nicht bestätigen, dass die junge Frau die Geldbüchse geklaut hat. Sie lieferte im Zeugenstand aber Anhaltspunkte dafür, dass die Angeklagte den Diebstahl gemeinsam mit ihrem damaligen Freund begangen haben könnte. Denn das Paar hatte an jenem Tag einen Stubenwagen abgeholt. „Ich habe ihr den Stubenwagen gezeigt“, sagte die Zeugin. „Als später ein Kunde auf das Wechselgeld verzichtete, habe ich ihn auf die Spendendose hingewiesen. Nur: Die stand da nicht mehr da“, sagte die 54-Jährige. Auf die Nachfrage, ob der Diebstahl geplant war, antwortete die Zeugin: „In diesem Moment habe ich darüber überhaupt nicht nachgedacht.“ Später traf sie das Paar in der Stadt und konfrontierte die beiden mit dem Verdacht. Die Angeklagte hätte nervös darauf reagiert. Die Quittung und restliche Teile des Wagens holten die beiden im Laden dann nicht mehr ab.

„Das ist ein sehr seltsames Verhalten: Die Quittung und das Gestell wird nicht mehr abgeholt“, spielte Staatsanwalt Schneider auf ein mögliches schlechtes Gewissen der Angeklagten an. Hatte die sie die Mutter des Ladeninhabers abgelenkt, als sie sich den Stubenwagen erklären ließ, damit ihr Freund die Bärenherz-Spenden klauen konnte? Ja, meinte der Staatsanwalt. Er sah den Tatvorwurf bestätigt. „Die beiden haben arbeitsteilig gehandelt. Die Angeklagte hat an einem gemeinsamen Tatplan mitgewirkt“, sagte der Anklagevertreter und beantragte, die 28-Jährige wegen Diebstahls zu 50 Tagessätzen á zehn Euro zu verurteilen.

Indizienkette mit großen Lücken

„Schon der Vorwurf, wie er in der Anklage steht, hat sich nicht bestätigt“, hielt Rechtsanwalt Martin Göddenhenrich dagegen, der die junge Frau verteidigte. „Wenn ich eines Diebstahls verdächtigt werde, gehe ich nachher nicht noch mal in den Laden“, sagte Martin Göddenhenrich zu den Teilen des Stubenwagens, die seine Mandantin liegenließ. Er beantragte, sie freizusprechen.

„Es ist nicht von der Hand zu weisen, was der Verteidiger sagt: Wenn ich eines Diebstahls bezichtigt werde, gehe ich da nicht mehr hin“, sagte Richterin Christa Weik. Sie sprach die junge Frau nach dem Rechtsgrundsatz „in dubio pro reo“ (im Zweifel für den Angeklagten) frei. „Eine Stunde nachdem die Angeklagte den Laden verlassen hat, fällt auf, dass die Büchse fehlt. Das ist ein ziemlich großer Zeitabstand“, sagte die Richterin. Auch ein anderer hätte diese geklaut haben können. „Das steht dem entgegen, was wir Juristen eine lückenlose Indizienkette nennen“, so Richterin Weik. Vier Monate nach der Tat durchsuchte die Polizei die Wohnung des mutmaßlichen Diebespaares. Natürlich ohne Ergebnis. Die Spendenbüchse bleibt verschwunden und ein Döbelner Kriminalfall mit hohem emotionalen Aufregerpotenzial weiterhin unaufgeklärt. Spendengeld für sterbenskranke Kinder klauen – eine Antwort auf die Frage, wer sowas macht, gab es zumindest aus juristischer Sicht am Dienstag nicht.

Von Dirk Wurzel

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