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Döbeln Döbelner Kindergarten setzt sich für mehr Erzieher ein
Region Döbeln Döbelner Kindergarten setzt sich für mehr Erzieher ein
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23:00 30.08.2012
Man stelle sich vor, diese 18 kleinen "Ameisen" allein in Schach halten zu müssen. Ganz zu schweigen davon, ihnen etwas laut Bildungsplan beizubringen. Diese an sich untragbare Situation ist Alltag an sächsischen Kindertagesstätten. Was sich die Knirpse des Evangelischen Kindergartens Döbeln wünschen, haben sie auf eine selbstgebastelte Uhr gemalt. Diese übergaben sie gestern an den Landtagsabgeordneten Henning Homann. Quelle: Wolfgang Sens

Die Kinder zeigen stolz eine große Uhr aus Pappe, die sie gebastelt haben. Rings um das Zifferblatt sind kleine Bilder aufgemalt. Wunschbilder, die zeigen, weshalb ihre Erzieherinnen und Erzieher mehr Zeit für sie haben sollten: Der kleiner Friedrich findet Ritter ganz toll und baut deshalb gern Ritterburgen. Das ist aber nicht ganz einfach und deshalb benötigt er Hilfe von den Großen. Levi wiederum spielt für sein Leben gern Fußball - wer wäre im Kindergarten besser als Mitspieler geeignet, als Erzieher Stefan Hagedorn? Celina möchte mehr schaukeln, braucht aber jemanden, der dabei auf sie aufpasst. Felicitas ist ein Schmink-Fan - wenn sie allerdings zu tief in die Farbtöpfe greift, kann das schon mal schief gehen. Und Alev würde viel öfter in den Wald gehen wollen.

Beim letzten Wunsch holt Kita-Leiterin Ute Behrisch tief Luft: "Ja, da lasse ich den Bürokram manchmal etwas länger liegen oder nehme ihn mit nach Hause, damit Alev und die anderen mal wieder in den Wald gehen können." Das Personal der Einrichtung versucht viel von dem zu kompensieren, was im Argen liegt - doch irgendwann stoßen auch die Erzieher an ihre Grenzen.

Im Argen liegt in Sachsen der Betreuungsschlüssel für Kindereinrichtungen. Der gehört mit 1:13 für den Kindergarten und mit 1:6 in der Krippe zu den schlechtesten in der ganzen Bundesrepublik. Dabei drücken diese Zahlen bei weitem nicht die ganze Wahrheit aus, und das ist das eigentliche Problem. Durch Weiterbildung, Urlaub und Krankheit ist das tatsächliche Verhältnis von Erzieher zu Kindern meist deutlich schlechter. Dass sich ein Erzieher gleichzeitig um 18 Kindergartenkinder beziehungsweise um acht Krippenkinder kümmern muss, ist im Evangelischen Kindergarten keine Seltenheit. Die Einrichtung ist dabei kein Sonderfall. Unabhängig vom Träger haben Kindergärten und -krippen überall mit diesem Problem zu kämpfen, weiß Ute Behrisch. Die Leiterin hat es anhand ihrer Dienstpläne einmal durchgerechnet: "Wir haben in diesem Jahr bislang eine einzige Woche gehabt, in der der vorgegebene Betreuungsschlüssel eingehalten werden konnte."

Wie sollen wir unter diesen Bedingungen individuell auf die Kinder eingehen?, fragen sich die Erzieher. Beispiel Sprache: Bereits im Krippenalter müsste bei Defiziten gezielt eingewirkt werden. Dazu Behrisch: "Wie soll eine Erzieherin mit acht Kindern in diesem Alter Gespräche führen?"

Die Forderung ist also ganz klar. Der Betreuungsschlüssel muss verbessert werden. Beim politischen Paten der Evangelischen Kindertagesstätte Döbeln, dem SPD-Landtagsabgeordneten Henning Homann, trifft die Liga der freien Wohlfahrtsverbände damit auf offene Ohren. Homann bekam gestern die Wunsch-Uhr von den Kindern überreicht und wird sie sichtbar im Landtag präsentieren. Für Homann liegt der Hauptgrund, dass sich der Schlüssel verändern müsste, darin: "Die Ansprüche an die Kitas sind gewachsen. Sie haben eigentlich einen Bildungsauftrag zu erfüllen, sollen die Kinder auf die Schule vorbereiten. Die Erzieher haben für diese Aufgabe aber keine Ressourcen."

Homann gehört bekanntlich zur Opposition im Landtag. Auf den Weg bringen müsste einen verbesserten Schlüssel die schwarz-gelbe Regierungskoalition.

Olaf Büchel

www.weil-kinder-zeit-brauchen.de

Die Forderung der Liga der freien Wohlfahrtsverbände Sachsen lautet, den Betreuungsschlüssel auf 1:10 im Kindergarten und 1:4 in der Krippe zu ändern. Laut Ute Behrisch könnte das auch schrittweise erfolgen. (Die aktuellen sächsischen Schlüssel: 1:13 und 1:4).

In Bayern ist der Betreuungsschlüssel im Kindergarten 1:9. Die Besonderheit: wenn dieser Schlüssel nicht eingehalten wird, werden der jeweiligen Einrichtung Fördermittel gestrichen.

Auch Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) hatte sich auf die Fahnen geschrieben, das Betreuungsverhältnis an den Kitas zu verbessern. Laut Homann scheiterte es bislang am Geld. Um den Kindergarten-Schlüssel auf 1:12 zu senken, wären pro Jahr 30 Millionen Euro zusätzlich notwendig.

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