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Döbeln Döbelner Kleinkind lebensgefährlich verbrüht
Region Döbeln Döbelner Kleinkind lebensgefährlich verbrüht
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19:43 03.04.2012
Döbeln

Was ist am 24. Februar 2011 im Doblinaweg passiert? Das bleibt auch nach fast sechs Stunden Verhandlung unklar. Die Mutter und der Angeklagte verstricken sich in Widersprüche, sagen offenbar nicht alles, was sie wissen. Die Anhörung etlicher Zeugen bringt kein Licht ins Dunkel. Die unzureichenden Ermittlungen der Polizei treten bei der Beweisaufnahme zutage.

So viel steht fest: Die kleine Lydia*, zu diesem Zeitpunkt drei Jahre und drei Monate alt, wird so stark verbrüht, dass sie Verbrennungen ersten und zweiten Grades an etwa 30 Prozent ihres Körpers erleidet, vorwiegend an Rücken, Gesäß und Gliedmaßen. Durch die großflächigen Verletzungen droht Lebensgefahr, ein Kreislaufschock durch Flüssigkeitsverlust, wie Gutachter Professor Jan Dressler, Direktor der Rechtsmedizin der Uni Leipzig, vor Gericht erklärt. Später besteht noch die Gefahr, dass sich die Wunden des kleinen Mädchens infizieren. Es wird drei Wochen im Riesaer Krankenhaus behandelt: Infusionstherapie, Schmerztherapie, Antibiotikatherapie, Katheterverlegung, Narkose, um abgestorbe- ne Hautpartien zu entfernen. Das große Glück: Lydia ist wieder gesund, hat keine bleibenden Schäden.

Zum Zeitpunkt des Geschehens halten sich die Mutter Natalie W.* (22), ihr Lebensgefährte, der Freitaler Robert K.* (24) und ihr Neffe, Alex H.* (2) in der Wohnung auf. Als die Ärzte im Krankenhaus nachfragen, wie es passiert ist, wird ihnen erzählt, dass Lydia eine Tasse heißen Tee abbekommen hat. Das glaubt keiner, dafür sind die Verletzungen viel zu groß. Lydia äußert einige Male, dass es der Alex war. Doch häufiger sagt sie: "Der Robert wars!" Auch als sie aus dem Krankenhaus entlassen wird. Schon vorher erstattet die Klinik Anzeige. Die Polizei ermittelt. Die Mutter und ihr Lebensgefährte tischen gegenüber Medizinern und Beamten immer neue Varianten auf: eine Tasse heißer Tee, der sich als lauwarm entpuppt, ein heißer Backofen für Brötchen und/oder Fischstäbchen, der es wegen des Verletzungsbildes nicht gewesen sein kann, schließlich eine Glaskanne und ein Wasserkocher für die Teezubereitung, die vermutlich in Frage kommen. Die Mutter sagt, sie hat gerade ihr zweites Kind, einen Säugling, mit der Flasche gestillt. Der Lebensgefährte behauptet, er habe Lydia schreien hören und sei herbeigelaufen. Alex spielte wohl im Kinderzimmer.

Die Staatsanwaltschaft Chemnitz erhebt Anklage gegen Robert K. Der Vorwurf: Er habe das Kind absichtlich mit einer heißen Flüssigkeit übergossen und dabei billigend Verletzungen in Kauf genommen. Am Ende der Verhandlung glaubt Staatsanwalt Matthias Uhlig noch immer, dass Absicht vorlag. Ein mögliches Motiv bleibt er allerdings schuldig. "Ich habe das Gefühl, dass sie sich nicht wirklich Mühe gegeben haben, um die wahren Ursachen aufzuklären", sagt er an die Mutter und ihren Ex gerichtet. Doch Gefühle und Glaube reichen nicht aus. Deshalb muss Uhlig zurückrudern: "Der Beweis für ein vorsätzliches Handeln konnte nicht erbracht werden. Doch ich bin der Überzeugung, dass der Angeklagte verantwortlich ist", plädiert er nun auf fahrlässiges Handeln. Für den gelernten Facharbeiter für Hauswirtschaft und jetzigen Energieberater Robert K., der schon wegen Beleidigung, Sachbeschädigung und Fälschung vor Gericht stand, beantragt er eine Freiheitsstrafe von neun Monaten auf Bewährung und das Leisten von 150 Stunden gemeinnütziger Arbeit. Der Verteidiger von Robert K. sieht das naturgemäß anders. Rechtsanwalt Thomas Fischer fordert Freispruch für seinen Mandanten. Das Verstricken in Widersprüche sei kein Indiz, so der Jurist. "Was macht die Mutter unverdächtig?", fragt Fischer. Oder hat nicht doch einer der beiden Knirpse, zum Beispiel durch Stolpern über das Kabel, den Wasserkocher heruntergerissen - mit den schwer wiegenden Folgen?, bringt der Rechtsanwalt eine Variante ins Spiel, die zuvor der Gutachter als unplausibel bezeichnete, weil die Verbrühungen auf dem Rücken erfolgten.

Die Aussage der dreijährigen Lydia, der Robert sei es gewesen, reiche ebenso wenig für eine Verurteilung, wie die Ermittlungen der Polizei, so Richterin Christa Weik. Weder Vorsatz noch Fahrlässigkeit, nicht einmal die Verletzung der Sorgfaltspflicht könne Robert K. nachgewiesen werden. Also: "Freispruch!" "Die Widersprüche riechen danach, dass etwas gewesen ist", sagt Weik. Aber das sei eben nur ein Bauchgefühl.

Eigentlich, so Weik weiter, sollten Mutter und Robert K. "wegen unterlassener Hilfeleistung auf der Anklagebank sitzen". Geschlagene vier Stunden hatte es an jenem Februartag gedauert, bis sie mit der verletzten Dreijährigen einen Arzt aufsuchten. Doch das war nicht Gegenstand der Anklage.

Olaf Büchel

* Namen geändert

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