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Döbelner (Lebens-)Künstler auf Pilgerreise

Döbelner (Lebens-)Künstler auf Pilgerreise

Wenn Künstler Enrico Marczi von seinem Leben erzählt, klingt alles ganz entspannt. Pilgern, Bilder malen, Menschen aus aller Herren Länder treffen.

Döbeln.

 

 

 

 

Enrico Marczi sitzt im gestreiften Leinenhemd im Außenbereich eines Bioladens in der Döbelner Innenstadt, unweit seines derzeitigen Arbeitsplatzes. Für einen bekannten Unternehmer bemalt er gerade einen Fahrstuhlschacht. Die Weltgeschichte auf knapp 58 Quadratmetern weißer Wand. Provokativ, bunt, fast wie Graffiti sieht sein Werk aus. Dem schlichten, hellen Wohnhaus haucht er damit Urbanität ein.

Siesta macht er täglich vor dem Bioladen. Die ausgedehnte Ruhezeit nach dem Mittagessen hat er sich den Spaniern abgeschaut. Im vergangenen Jahr war der 34-Jährige 2060 Kilometer zu Fuß unterwegs, den Jakobsweg entlang, mit seinem Hund und 30 Kilogramm Gepäck (empfohlen für seine Größe: 17 Kilogramm). Zurück nach Döbeln kam Enrico Marczi mit 15 Kilogramm weniger auf den Rippen, dafür aber mit einem Hund mehr an seiner Seite.

"Den habe ich in Nordspanien aufgesammelt", erzählt Marczi und schrubbert seine kurzen, dichten Haare, deren erdbraune Farbe täglich mit der Sonne gegen das Ausbleichen zu kämpfen scheint. Hätte Marczi - sein Nach- ist auch sein Spitzname - das freilaufende Tier nicht mitgenommen, wäre es auf einer Tötungsstation gelandet. Also ging es zu dritt weiter - noch 1100 Kilometer. Jahr für Jahr pilgern 100 000 bis 280 000 Menschen den Jakobsweg entlang. Ziel: die Kathedrale von Santiago de Compostela. Enrico Marzci ist diesen Weg schon mehrmals gegangen.

Er hat viel erlebt. "Interessant machen diese Reisen aber vor allem die Menschen, die man kennen lernt", erzählt er. Auf seinen Pilgertouren traf er ein Ehepaar, beide litten an Krebs, die auf dem Jakobsweg ihre letzte Reise antraten, einen spanischen Bauern, der ihn hoffnungslos mit regionalen Alkoholika abfüllte und ihm am nächsten Morgen frischen Kaffee brachte, einen Pfarrer, der ihm und seinen Hunden hinterher radelte und einen Sack voll Fleisch schenkte... "Wenn ich Geld hatte, habe ich es verschenkt. Ich habe immer alles wieder zurückbekommen, irgendwann, von anderen netten Menschen, die ihr Geld verschenkt haben", erzählt Marczi und lächelt. Er findet dieses Prinzip des Gebens und Nehmens ganz natürlich.

Doch dieses Jahr sollte ihm etwas genommen werden, das ihm niemand zurückgeben konnte. Mitten auf seiner Reise durch Spanien erhielt Marczi einen Anruf. Sein Vater habe Krebs und nicht mehr viel Zeit. "Das hat mich ganz schön mitgenommen", sagt er kurz und schaut nach unten. Abbruch. Der Künstler nimmt seine Hunde, gibt sie in Brüssel bei Freunden ab, steigt in einen Zug und kommt zurück nach Döbeln.

Den Glücksmomenten auf seiner Reise folgte die Krise nach dem Tod seines Vaters. Als später auch noch seine Hündin "Funky" stirbt, betäubt sich der Künstler regelmäßig mit Alkohol. "Das war eine schwere Zeit. Aber jetzt geht es mir besser", sagt er. Noch in diesem Jahr will er wieder aufbrechen, sobald er sein Auftragswerk fertiggestellt hat, um die Asche seiner Hündin nach Spanien zu bringen. Fünf Wochen plant er dafür ein. Aber es kann auch etwas länger dauern.

Stefan Hantzschmann

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