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Döbeln Mit Kindern: Döbelnerin geht in Berufung
Region Döbeln Mit Kindern: Döbelnerin geht in Berufung
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09:21 23.11.2018
Im Landgericht Chemnitz stellte eine junge Mutter aus Döbeln klar, für was sie verurteilt gehört und für was nicht. Quelle: dpa
Döbeln/Chemnitz

Kinderkrippe oder Gerichtssaal? Diese Frage konnte sich stellen, wer neulich den Berufungsprozess einer jungen Döbelnerin vor der Jugendkammer des Chemnitzer Landgerichtes besuchte. Die Angeklagte hatte ihre Kinder mitgebracht. Von dem Säugling merkte man nichts, wohl aber von der Tochter, ebenfalls noch im Kleinkindalter, aber schon gut zu Fuß und der Sprache mächtig. Gestört hat das aber nicht. „Es war sehr unterhaltsam“, sagte Richter Michael Mularczyk, Vorsitzender der Jugendkammer, über die Verhandlung. In dieser ging es um ein Urteil des Amtsgerichtes Döbeln vom 2018, das die junge Frau angefochten hatte. Jugendrichter Lutz Kermes hatte sie wegen Sachbeschädigung, Körperverletzung und Beleidigung in mehreren Fällen zu sozialen Trainingsstunden verurteilt und der sozialpädagogischen Betreuung der Awo unterstellt. 30 Stunden gemeinnützig arbeiten sollte die junge Frau ebenfalls.

Derbes Sprachbild

Außer mit den Arbeitsstunden – wegen ihrer Kinder kann sie das schlecht leisten – hatte die 20-Jährige keine Probleme mit dem Urteil, sondern mit einigen der Straftaten, wegen derer sie Richter Kermes verurteilt hatte. Im Amtsgericht muss sie ziemlich ausgerastet sein. Im Landgericht zeigte sie, dass sie auch anders kann. So schilderte sie nun ruhig und sachlich, was aus ihrer Sicht am Döbelner Richterspruch stimmt und was nicht. „Ich stehe zu dem, was ich gemacht habe, aber will nicht für etwas verurteilt werden, das ich nicht getan habe“, sagte sie. Und so sei es falsch, dass sie die Kommode eines neu eingezogenen Mieters auf die Straße geschmissen und kaputt gemacht hat. Auch dessen sechsjährige Tochter habe sie nicht beleidigt, deren Spielküche und einen Grill des Vaters zerstört. Doch damit nicht genug. Laut Amtsgerichts-Urteil hatte sie auch einen 32-jährigen Döbelner geschlagen, die Wohnungsverwalterin beleidigt, eine unter 18 jährige Freundin des Kommoden-Mieters, der Mitte der 50 ist, im Kaufland geschlagen und den Mann mit einem derben Sprachbild über seine körperlichen Konstitution beleidigt.

Vollgestelltes Treppenhaus

Die Körperverletzung an dem 32-Jährigen gab sie zu. Der Anlass war vergleichsweise nichtig, fällt in die Kategorie Kindergarten. Es ging um die Zugangsdaten für ein Videospielgerät, die der Mann einem Freund der jungen Frau geben sollte. „Er hat zwei von mir bekommen. Das war nicht richtig“, sagte die junge Mutter. T-Shirt und Kette will sie ihm aber nicht kaputt gemacht haben bei der Auseinandersetzung. Auch die Beleidigung an der Wohnungsverwalterin räumte sie ein, nicht aber, die junge Frau im Kaufland geschlagen zu haben. Die Kommode habe sie weggeräumt, aber nicht beschädigt. Der Grund, den sie dafür angab, klingt nachvollziehbar. „Das ganze Treppenhaus stand voller Möbel und ich musste mit dem Kinderwagen durch, weil ich zum Kinderarzt musste.“ Zunächst habe sie den Eigentümer des Möbels angesprochen, der gerade frisch in das Haus eingezogen und noch am Einräumen war. Aber der habe nur gesagt, dass ihm die Hausverwaltung das Abstellen erlaubt habe. Als Zeuge wurde der Mann dann laut, als er auf Fragen der Angeklagten antwortete. Die sind sich absolut nicht grün, das wurde in dieser Szene der Verhandlung deutlich. Auch der Lautstärkepegel der jungen Frau stieg etwas, aber ihr Verteidiger, Rechtsanwalt Martin Göddenhenrich, konnte sie wieder einbremsen.

Wechselseitige Beleidigung

Zwei Zeugen entlasteten die Angeklagte bei den Anklagepunkten Kommode, Spielküche, Grill, Beleidigung des Mittfünzigers. Die Schimpfworte haben sich die Kontrahenten demnach wechselseitig um die Ohren gehauen. Ein Zeuge schilderte, dass die Kommode „schon beim Hochheben auseinanderfiel“, der andere sagte, dass die junge Frau den Grill zwar umgetreten und die Spielküche geworfen habe. „Am Grill war aber nur ein Blech verbogen, das ließ sich wieder richten. Die Spielküche war nicht kaputt.“

Anrührende Szene

In diesen Punkten hörte die Angeklagte einen Freispruch von der Jugendkammer, so wie es Rechtsanwalt Göddenhenrich beantragt hatte. „Sie sollte Einzelgespräche bekommen. Wie man sich in der Gesellschaft verhält, muss sie noch ein bisschen lernen“, befürwortete der Verteidiger die Erziehungsweisung, die die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe vorgeschlagen hatte. Sie hatte zudem die bisherige Entwicklung der Heranwachsenden zusammengefasst. Kurz gesagt: Eine behütete Kindheit sieht anders aus. Aber, auch das erwähnte die Sozialarbeiterin, um ihre Kinder kümmert sich die junge Frau anständig, arbeitet sogar freiwillig mit dem Jugendamt zusammen. In der Pause zwischen Plädoyers und Urteilsverkündung bekamen Prozessbeteiligte und Zuschauer einen Eindruck davon: Da übte sie nämlich mit ihrer kleinen Tochter sehr geduldig das Zählen. Eine anrührende Szene.

Rechtskräftiges Urteil

Die Jugendkammer verurteilte sie schließlich zu zehn sozialtherapeutischen Einzelgesprächen als Betreuungsweisung. Zwei Körperverletzungen (Freundin des Mieters, 32-Jähriger) sowie die Beleidigung der Wohnungsverwalterin und die Sachbeschädigung des T-Shirtes und der Kette des 32-Jährigen umschließt der Schuldspruch. Die Beleidigung der Tochter des Mittfünzigers sah die Kammer als nicht erwiesen. Und bei den unschönen Worten über die Figur des Mieters ging die Kammer von wechselseitigen Beleidigungen aus. „Wir sehen, wie sich das hochgeschaukelt hat“, sagte der Vorsitzende. Das Urteil ist rechtskräftig.

Von Dirk Wurzel

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