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Döbelns Geschichte der Zwangsarbeiter: Nicht irgendwo, sondern hier

Döbelns Geschichte der Zwangsarbeiter: Nicht irgendwo, sondern hier

Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, Flüchtlinge, Vertriebene - Zwangsmigration unterm Hakenkreuz hat viele Gesichter. Sie bleiben zumeist im Dunkeln, weil Einzelschicksale kaum zu orten sind.

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In den Bracken an der Leisniger Straße lebten Zwangsarbeiter. Liya Sirota aus der Ukraine, heute Döbeln, (rechts) sagt: "Es müsste eine Gedenkstätte geben."

Quelle: G. Dörner

Döbeln. Region Döbeln

Montag, 30. September 2013

Seite 15

 

 

 

"Geschichte ist nicht irgendwo passiert, sondern hier." Wenn Stephan Conrad vor eine Schulklasse tritt, fragt er, woher die Großeltern der Schüler kommen. "Nicht selten verschlug es Familien als Vertriebene in unsere Breiten. Zu jungen Zuhörer ist auf diese Weise schnell der Bezug hergestellt zum Thema Zwangsmigration."

Im gestrigen Stadtrundgang "Zwangsmigration unterm Hakenkreuz" nahm der Einsatz von Zwangsarbeiter großen Raum ein. Sophie Spitzner, Adrian Zschiedrich, Stephan Conrad und ihre Mitstreiter von der Arbeitsgruppe Geschichte beim Verein Treibhaus recherchierten in Entnazifizierungsprotokollen, im Döbelner Stadtarchiv oder im Staatsarchiv Leipzig. In Döbeln gab es kaum einen Betrieb, der sich dem Einsatz von Zwangsarbeitern entziehen konnte, weil männliche Arbeitskräfte durch den Kriegseinsatz fehlten. Doch Sophie Spitzner sagt auch: "Im Umgang mit den Zwangsarbeitern hatten Unternehmer Handlungsspielraum. Das schlug sich in etwas besseren oder eben sehr schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen nieder."

In allen Branchen gab es Zwangsarbeiter. Nicht wenige Kriegsgefangene gaben zum Beispiel an, bäuerliche Erfahrungen zu haben in der Hoffnung, beim Bauern könnten sie sich besser um die Versorgung mit Nahrungsmitteln kümmern. Generell beschäftigten metallverarbeitende Betriebe Zwangsarbeiter. Dort musste die Zulieferung zur Rüstungsproduktion sichergestellt werden. In Döbeln waren das unter anderem die Unternehmen Robert Erhard Thümmler, HW Schmidt und Großfuß. Aus Letzterem ging das DBM hervor, zuletzt Autoliv.

Ob man die in Döbeln untersuchten Betriebe differenzieren kann nach humanerem und menschenunwürdigem Umgang mit Zwangsarbeitern? Die konkrete Faktenlage ist relativ dünn. Über einzelne Unternehmen sind wenig detaillierte Information zu bekommen. Laut Stephan Conrad existierte eine gewisse Hierarchie im Umgang mit Zwangsarbeitern bezüglich ihrer Herkunft: Franzosen, Briten, Amerikaner wurden besser behandelt als Ostarbeiter wie Polen oder Russen. In der Döbelner Zuckerfabrik arbeiteten amerikanische Kriegsgefangene 42 Wochenstunden und hatten am Sonntag frei. Bei Robert Erhard Thümmler ist die Zusammensetzung der Zwangsarbeiter-Belegschaft nach der Nationalität nicht vollständig bekannt. Conrad geht von einem Großteil Russen aus. Sie hatten 72 Wochenstunden zu arbeiten.

Die Arbeitsgruppe Geschichte bietet diese Rundgänge seit 2011 an. Interessierte kommen aus Döbeln, aus Halle oder Hannover. Frühere Döbelner sind darunter, auch ehemalige Betriebsangehörige. Am Lessing-Gymnasium ist das Thema Bestandteil eines Projekttages für Geschichte.

"Leider ist der Zugang zu früheren Döbelner Zwangsarbeitern nicht leicht zu bekommen", sagt Stephan Conrad. Obwohl es in den Benelux-Ländern, in Amerika oder England spezielle Verbände gibt, erschwert der Datenschutz den Zugang. Ein Gedanke ist deshalb, die Internet-Seite des Projekts in andere Sprachen zu übersetzen. In den Ländern des Ostblocks gibt es derartige Verbände nicht. "Wir sprechen kein Russisch, und die Archive in den ehemaligen Ostblockländern sind uns ohnehin verschlossen." Ein Erzählcafé mit betroffenen Zeitzeugen anzubieten, wünschen sich die jungen Leute. Bis dahin müssten sich jedoch noch viele verschlossene Türen öffnen. Steffi Robak

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