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Dr. Manfred Graetz: Fünf Jahre Mittelsachsen und ihre Vor- und Nachteile

Dr. Manfred Graetz: Fünf Jahre Mittelsachsen und ihre Vor- und Nachteile

Vor fünf Jahren endete mit der Gebietsreform die 18-jährige Geschichte des Landkreises Döbeln. Dr. Manfred Graetz (CDU) war der letzte Landrat und ist heute Erster Beigeordneter und Stellvertreter von Mittelsachsens Landrat Volker Uhlig (CDU).

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Die weiteren Wege sind ein Nachteil des Landkreises Mittelsachsen, sagt Vize-Landrat Manfred Graetz, der heute wesentlich mehr im Auto als zu Zeiten des Landkreises Döbeln unterwegs ist. Den Durchblick hat er behalten.

Quelle: Sven Bartsch

Döbeln/Mittelsachsen. Im DAZ-Interview spricht der 66-Jährige von Königslösungen, die es nie gab, Kennzeichen-Kürzeln und Identitätsproblemen. Und er wagt einen Ausblick auf kommende Jahre in Mittelsachsen.

 

August 2008. Hat der letzte Landrat des Landkreises Döbeln gute oder schlechte Laune?

 

 

Wenn Sie auf die Verwaltungsreform ansprechen-

 

-spreche ich.

Wissen Sie, von Reformen war damals schon so lange die Rede. Bereits 1993/94 wurde darüber diskutiert, welche Konstellationen günstig und welche wirtschaftlichen Vorteile Döbeln aus gebietlichen Änderungen erwachsen könnten. Mit viel Aufschrei und vehementer Ablehnung. Aber es war doch lange klar, dass der Altkreis Döbeln mit seiner Größe nicht auf Dauer bestehen würde. Die Frage war nur, ob es die Königslösung gibt.

Gab es die?

Nein. Dazu befand sich der Altkreis Döbeln in der oft vorteilhaften, aber manchmal auch problematischen Lage, mittendrin statt nur dabei zu sein. Im Zentrum zwischen Dresden, Leipzig und Chemnitz - mit Berührungspunkten zu drei Regierungsbezirken und Planungsbereichen - gab es Verbindungen in verschiedene Richtungen. Wir waren als Landkreis in verschiedene Richtungen aktiv. In Form von Zweckgemeinschaften und Verbänden bestanden ja auch schon Partnerschaften mit Regionen des heutigen Mittelsachsens.

Mittelsachsen war also die einzig logische Konsequenz?

Es war vieles möglich und praktisch auch vertretbar. Wir haben vor fünf Jahren geschaut, wo die Bindungen am stärksten, die Pendlerbewegungen am ausgeprägtesten waren. Gerade die Bildungslandschaft mit den Hochschulen Mittweida und Roßwein oder die Verbindungen im Kulturraum waren unter anderem Argumente für Mittelsachsen.

Unter anderem?

Die Wirtschaftsstärke des neuen Landkreises ist ein weiterer Pluspunkt. In der freien Wirtschaft bestand jede Menge Synergiepotenzial. Viele Geschäftszweige haben sich dort ergänzt. Aber auch haushalterisch gesehen gab es Vorteile. Die drei Altkreise Döbeln, Freiberg und Mittweida waren vergleichsweise niedrig verschuldet.

Dem Verbleib im Regierungsbezirk Leipzig und der Annäherung ans Muldental oder Oschatz wurden damals auch Vorteile zugemessen.

Wie gesagt, die Königslösung gab es nicht. Vieles war denk- und vertretbar. Bisher gab es bereits eine kulturelle Verbindung Döbeln mit Freiberg durch den gemeinsamen Kulturraum. Das wirtschaftliche Potenzial zwischen Freiberg, Mittweida, Döbeln aber auch in Richtung Leipzig war ausgeprägt und ist ein Argument, das für den Landkreis Mittelsachsen sprach.

Emotional hat es oft wenig den Anschein, als hätten sich die Einwohner schon abschließend mit Mittelsachsen identifiziert. Wundert Sie das?

Nein. Das ist doch ganz normal. Fünf Jahre sind keine Zeit, in denen man sich eine neue Identität aneignet. Man ist örtlich immer stärker verwurzelt als regional. Es wird noch einige Generationen dauern, bis die Menschen von "unserem Mittelsachsen" sprechen. Das halte ich aber nicht für bedauerlich, sondern ist eine normale Entwicklung. Fünf Jahre sind wenig Zeit.

In der Fünf-Jahres-Bilanz eines Vize-Landrates: Wo sehen Sie erkennbare Vorteile, die der Region aus der Reform entstanden sind?

Da wiederhole ich mich. Ein großer Landkreis ist vielfältig, hat Ressourcen und auch Potenzial. Außerdem ergeben sich daraus Chancen, gerade auch in kritischen Situationen, wie beispielsweise beim Junihochwasser. Aber auch im touristischen Bereich haben wir an Vielfalt gewonnen. So sind nach wie vor die Döbelner und Mittweidaer Region im Sächsischen Burgen- und Heideland verwurzelt, während der Bereich Freiberg natürlicherweise zum Erzgebirge gehört. Dadurch sind wir heute in der Lage mit einem attraktiven Landkreis auch überregional zu punkten.

Was doch aber erst durch das Agreement mit der Leipziger Tourismus Marketing GmbH und dem Tourismusverband Burgen- und Heideland fruchten soll.

Mit dieser Kooperation soll insbesondere die überregionale Vermarktung optimiert werden. Dass das funktionieren wird, davon bin ich - auch nach anfänglicher Skepsis - mittlerweile fest überzeugt.

Welche Nachteile machen Sie fünf Jahre nach der Fusion aus?

Die Wege sind länger geworden. Auch wenn mittlerweile vieles über die mobilen Medien unkompliziert gelöst werden kann - das persönliche Gespräch ersetzt das nicht.

Wie viel Zeit verbringen Sie heute mehr im Auto als zu Zeiten des Landkreises Döbeln?

Oh. Gute Frage. Erheblich mehr. Vielleicht 30 Prozent.

Und welches Kennzeichen-Kürzel hat ihr Auto?

Der dienstliche FG.

Und der private?

Auch FG.

Ist die Standortpolitik in Mittelsachsen optimal?

Natürlich sind die Wege weiter, das ist eine logische Folge der Reform. Das Verwaltungsstandortkonzept des Landkreises finde ich optimal. Neben dem Kreissitz Freiberg haben auch die beiden anderen ehemaligen Kreissitze Verwaltungseinheiten. So werden die bestehenden Verwaltungsgebäude weiterhin genutzt und durch die neuen Medien ist eine Vernetzung zwischen den Standorten sinnvoll möglich.

Wer sind die Verlierer der Reform?

Eine Reform bringt immer Vor- und Nachteile mit sich. Wir haben versucht aus den Vorgaben einen Kompromiss zu finden, und das ist uns zum Großteil gelungen.

Gewinner?

Der Freistaat Sachsen, denn er hat Aufgaben an die Kreise abgegeben und damit Einsparungspotenzial erreicht.

Wo sehen Sie Mittelsachsen in fünf Jahren?

Weiterhin im vorderen Feld. Wir sind ein wirtschaftlich starker Landkreis mit einer stabilen Ausgangssituation für die kommenden Herausforderungen.

Die da sein werden?

Die Finanzlast wird härter. Aber das trifft alle Regionen gleich. Mittelsachsen wird pro Jahr mehrere Tausend Einwohner verlieren. Damit müssen wir umgehen. Wir entwickeln uns trotzdem stabil, haben eine Branchenvielfalt in der Wirtschaft, eine Kulturlandschaft, die ihresgleichen sucht, sind Wissenschaftsstandort mit der Bergakademie Freiberg, der Hochschule Mittweida sowie mehreren Forschungsinstituten und verfügen über eine vielfältige Landwirtschaft, Tierhaltung und Ackerbau - rundum: Wir haben mittel- und langfristig gute Entwicklungschancen.

Bei allem Optimismus: Die Prognosen für den ländlichen Raum werden oft düsterer gezeichnet-

-wir müssen ausgewogen gestalten. Und in der neuen EU-Förderperiode werden wir dafür ausreichend Möglichkeiten haben. Wir müssen sie nur nutzen.

Die Bedingungen gestalten nicht selten andere. Stichwort Schienenpersonenverkehr.

Natürlich muss sach- und realitätsbezogen argumentiert und gehandelt werden. Ich bin auch für den Erhalt einer Bahnstrecke zwischen Döbeln und Meißen. Die Zweckverbände sind an Subventionen gebunden und müssen sich, wie wirtschaftliche Unternehmen auch, an Angebot und Nachfrage orientieren. Die Zahlen sprechen für sich. Das kann auch nicht durch Tradition und Historie geändert werden, gleichwohl die Schieneninfrastruktur für den Güterverkehr erhalten und unterhalten bleibt. Man muss sich den Entwicklungen stellen und schauen, wie man trotzdem attraktive und vor allem bezahlbare Angebote gestaltet.

Interview:

Thomas Lieb

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