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Drei Männer unter drehenden Ruten

Drei Männer unter drehenden Ruten

Genau 150 Jahre hat die Bockwindmühle von Gersdorf bei Hartha auf dem Buckel. Mehl, Schrot und heimlich sogar Öl wurden hier hergestellt. Doch es könnten auch noch einige Jahre mehr sein.

"Die Mühle wurde 1865 hier errichtet, aber sie wurde vorher bei Saalbach abgebaut und hertransportiert. Daher könnte sie wesentlich älter sein", erklärt Jens Geißler. Zusammen mit seinem Schwager Harald Wolf und Nachbar Gerhard Dietrich steht er an einem lauen Herbstabend im Bodengeschoss der Mühle. Es wird an kleineren Einzelteilen geschraubt und repariert, ein Bierchen getrunken und gefachsimpelt. Der Duft nach altem Holz lässt das Alter des aus der Zeit gefallenen Gebäudes erahnen. Viele Balken und Lager sind noch im Originalzustand - und tun dennoch ihren Dienst. "Die Ruten drehen sich im Wind", sagt Gerhard Dietrich stolz.

Die Ruten - das ist der Fachbegriff für die Flügel der Windmühle - sind weithin von der kürzlich fertig sanierten Verbindungsstraße zwischen Hartha und Leisnig zu sehen. Die drei Männer haben mit der Restaurierung der Mühle einen Teil ihres Lebenswerks geschaffen. Wobei Gerhard Dietrich einen Großteil seines Lebens selbst auf dem Gut etwas abseits des Kerndorfes verbracht hat. "Ich wurde 1944 hier im Wohnhaus geboren. Mein Großvater hat Ende des 19. Jahrhunderts in die hier ansässige Müllersfamilie eingeheiratet", erzählt er. 1906 wird der Vater geboren, lernt selbst Müller und Schmied und übernimmt später den väterlichen Betrieb. 1950/51 lässt er die Mühle zur Paltrock-Windmühle umbauen (siehe Hintergrund). Die Ruten werden damals schon längst elektrisch unterstützt. Die Mühle soll von Gerhard Dietrichs älterem Bruder weitergeführt werden, während er selbst als Elektriker anderswo arbeitet, aber auf dem Hof wohnen bleibt. Doch 1978 ist Schluss mit dem aktiven Betrieb. "Als die LPGs zusammengelegt wurden, lohnte es sich nicht mehr", erzählt Gerhard Dietrich. Jahrelanger Verfall setzt ein.

Davon ist heute kaum noch etwas zu sehen. Erst vor zwei Wochen öffneten Jens Geißler und Harald Wolf die Mühle wieder einem interessierten Publikum zum Tag des offenen Denkmals und mahlten sogar vier Säcke Weizen zu Schrot.

Dabei war beim Einzug der Familien Geißler und Wolf 1986 längst nicht klar, was einmal aus dem damals angeschlagenen Gebäude werden sollte. "Wir waren erstmal mit dem Umbau des Wohnhauses beschäftigt", erzählt Jens Geißler. Zuvor leben die Familien getrennt in Kieselbach und Schönerstädt, beides ebenfalls nahe an Hartha gelegen. "Wir hatten eine Unterkunft gesucht und für eine Familie war der Hof zu groß. Es bot sich an, 50:50 zu teilen", berichtet Wolf weiter.

Kurz zuvor war Gerhard Dietrich in ein eigenes Haus im Nachbarort Pfarrhäuser gezogen - in Sichtweite zur Mühle. Mutter und Vater blieben zunächst im Haus neben der Mühle wohnen. "Unsere Familien kannten sich schon flüchtig", sagt Dietrich. "Sein Vater hat uns dann ein bisschen animiert, uns um die Mühle zu kümmern", erzählt Jens Geißler. 1987 stirbt Gerhard Dietrichs Vater, 1989 folgt die Mutter. Doch der Samen zum Erhalt der Mühle ist gesät.

Jens Geißler und Harald Wolf beginnen noch vor dem Mauerfall mit ersten Sicherungsarbeiten. "Wir haben die alten Holzschindeln vom Dach genommen und Wellplatten darauf gelegt, damit es in der Mühle trocken bleibt. Aber das war mit den Mitteln damals alles nur Flickschusterei", meint Wolf. Immerhin wird weiterer Nässeeinbruch verhindert. Und im Inneren ist vieles noch funktionstüchtig. Der Elektromotor tut noch heute seinen Dienst, ebenso die Mahlwerke und Elevatoren, die noch aus der Zeit des Umbaus 1950/51 stammen. Was wirklich morsch ist, sind die Kreuzbalken, die das Gebäude tragen. Der Stand ist nicht gesichert.

In den 1990er-Jahren wenden sich die Mühlenbesitzer hilfesuchend an Gerald Herbst, damals noch Bürgermeister der eigenständigen Gemeinde Gersdorf. Denn das hölzerne Bauwerk ist nicht nur schön anzusehen, sondern für die Gersdorfer etwas Besonderes. "Wir haben noch heute die Mühle auf dem Wappen, auch bei der Feuerwehr und im Sportverein", sagt Harald Wolf. Diese identitätsstiftende Wirkung veranlasst den Gersdorfer Herbst, sich für den Erhalt der Mühle einzusetzen. Der Durchbruch gelingt mit der Ernennung Gersdorfs zum Förderdorf 1998. Die Familien Wolf und Geißler verpachten die Mühle an die Gemeinde, die inzwischen mit der Stadt Hartha verschmolzen ist. Im Namen der Kommune können Fördermittel einfacher beantragt werden. 104 000 DM fließen in die Erneuerung der Kreuzbalken und der Rollbahn, auf der die Mühle steht, damit sie sich in den Wind drehen kann. Das Dach bekommt Schindeln aus leichtem, aber widerstandsfähigem Zedernholz und die Ruten werden erneuert. 2003 ist ein Großteil der Arbeit geschafft.

Seither sind Geißler, Wolf und Dietrich weiter damit beschäftigt, ihre Mühle in Schuss zu halten. Die längsseitigen Wände haben sie mit Fichtenholz in Eigenarbeit neu verschlossen und dabei auch auf die aufwändige Wechselpfalz geachtet, um die Originalität zu wahren. Und seit 2014 kann tatsächlich wieder Schrot gemahlen werden. Mahlwerk, Schlagwerk und die elektrischen Elevatoren laufen mit dem alten Elektro-Motor. Selbst der Lastenaufzug ist wieder in Betrieb. Für die Reparaturen sind die Kontakte von Jens Geißler und Gerhard Dietrich zum Schlepperstammtisch Hartha nützlich. "Die haben alle alte Technik, da kann man sich gegenseitig helfen", sagt Geißler. Die Riemen für den Antrieb der Maschinen bekommt er von einem befreundeten Sattler.

Für Gerhard Dietrichs Vater wäre es wohl eine Freude zu sehen, wie gut in Schuss seine alte Mühle wieder ist. "Es ist sehr gut, dass die Mühle noch steht. Dort wo sich nie gekümmert wurde, sind die Mühlen in der Mitte zusammengerutscht, so wie in Strocken und Bockelwitz", sagt Dietrich, der den Blick auf die Ruten aus seinem Wohnzimmer genießen kann. Dann erinnert er sich daran, wie er mit den Geschwistern in der Mühle Verstecken spielte, dem Vater half, die Zentnersäcke zu schleppen und Schrot mit Wasser und gedämpften Kartoffeln an die Schweine verfütterte.

Heute laufen auf dem Grundstück nur noch einige Enten herum, denen Jens Geißler erst beibringen muss, statt ganzem Korn das feinere Schrot zu fressen. Dass es nach 150 Jahren überhaupt noch Gersdorfer Schrot gibt, muss das Federvieh erst zu schätzen lernen.

Aus der Döbelner Allgemeinen Zeitung vom 26.09.2015

Sebastian Fink

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