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Drohnenflug und Fotostrecken: So sicher ist Döbeln heute vor einer Flut

Flutserie Teil 1 Drohnenflug und Fotostrecken: So sicher ist Döbeln heute vor einer Flut

Im August 2002 brach über den Osten eine verheerende Flutkatastrophe herein. Entlang von Mulde, Elbe und Pleiße wüteten die Wassermassen. 15 Jahre danach sind knapp eine Milliarde Euro in den Flutschutz geflossen. Sind wir damit sicher vor der nächsten Flut? Die große LVZ-Serie startet in Döbeln.

Die Flutrinne soll Döbeln vor einer erneuten Überschwemmung bewahren.
 

Quelle: Roland heinrich

Döbeln.  Aus der Vogelperspektive ist gut zu sehen, wie sich der künftige Hochwasserschutz für Döbelns auf einer Insel gelegenen Innenstadt ins Stadtbild einfügt. An diesem Sonnabend jährt sich die Jahrtausendflut vom 12./13. August 2002 zum 15. Mal. Unsägliches Leid und Schäden von 154 Millionen Euro brachte die schlimmste Hochwasserkatastrophe in der bis heute 1036-jährigen Stadtgeschichte über die Menschen. Danach hat sich beim Flutschutz nach schwierigem Start zwischen Landestalsperrenverwaltung (LTV), Bürgern und Stadtverwaltung viel getan. Sichtbar und in großen Schritten wird weiter daran gearbeitet.

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2002 wurde Döbeln von der Jahrtausendflut kalt erwischt: Meterhoch stand das Wasser in der Innenstadt, gefährdete sogar Menschenleben. 15 Jahre später ist viel passiert. Millionen Euros wurden in den Flutschutz investiert.

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Hans-Rainer Kostial klammerte sich an eine Laterne

Das sieht auch Hans-Rainer Kostial so. Der 65-Jährige ist vor dem Flutjubiläum an die Laterne am großen Edeka-Parkplatz gekommen. „Die muss es gewesen sein“, sagt er und umarmt den schwarzen Laternenmast. In der Nacht vom 12. zum 13. August 2002 wollte der damals 50-jährige selbstständige Hausmeister abends nach seinen Eltern in Döbelns Innenstadt sehen.

Hans-Rainer Kostial klammert sich 2002 an eine Laterne und überlebte so in den kalten Wassermassen

Hans-Rainer Kostial klammert sich 2002 an eine Laterne und überlebte so in den kalten Wassermassen.

Quelle: Thomas Sparrer

Die Mulde war bereits über die Ufer getreten. Das zunächst kniehohe Wasser stand ihm blitzschnell bis zur Hüfte, dann his zur Brust. „Ich kam durch die extrem starke Strömung weder vor noch zurück und geriet in Panik“, erinnert er sich. Ein 21-jähriger Johanniter kam ihm zu Hilfe. Beide retteten sich zu der Laterne. Dort war Schluss. Neun Stunden lang klammerten sich die beiden Männer im 13 Grad kalten, tosenden Wasser an dem Pfahl fest.




Einige Evakuierte, die im Stadtwerkegebäude gegenüber fest saßen, sahen das. Unter ihnen Kostials Sohn Rocco. „Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wen ich zu dem Zeitpunkt gewusst hätte, dass einer der beiden Männer mein Vater ist“, sagt er heute. Helfer des Technischen Hilfswerkes Döbeln kämpften gemeinsam mit einer Bootsbesatzung der Wasserwacht in mehreren waghalsigen Versuchen, um das Leben der beiden Männer an der Laterne. Erst mit Unterstützung eines Bootes der Wasserschutzpolizei Riesa, gesichert an Seilen und gehalten von vielen THW-Helfern gelang die abenteuerliche Rettung aus der reißenden Strömung in den Morgenstunden.



Stark unterkühlt kommen beide ins Krankenhaus. „Wir hatten uns gegenseitig Witze erzählt und von unseren Familien“, sagt Hans-Rainer Kostial und ist seinem Retter Alexander Stiller bis heute dankbar. Am 13. August öffnet er jedes Jahr ein Fläschchen Sekt. „Das ist mein zweiter Geburtstag“, sagt der 65-Jährige.

Wassermassen hatten ungeheure Kraft

Wenn er jetzt durch die Stadt geht und das Rinnsaal sieht, das durch das riesige Flutbecken hinter dem Döbelner Busbahnhof fließt, ist es für ihn kaum vorstellbar, welche Kraft das Wasser 2002 und noch einmal im Juni 2013 hatte. An dieser Stelle ist die Dimension zu erkennen, in welcher der Hochwasserschutz für Döbelns Innenstadt seit 2004 vorangetrieben wird. Zuvor waren zwischen Landestalsperrenverwaltung und Bürgern bei Versammlungen im Volkshaus die Fetzen geflogen. Die ersten Pläne sahen riesige Flutmauern vor. Schließlich gab es einen Kompromiss. Der als Flutgraben bezeichnete Muldenarm musste deutlich verbreitert werden. Das 100 Jahre alte Schlossbergwehr sollte durch ein neues, riesiges Klappenwehr ersetzt werden, um die Wassermassen umzuleiten.



Mit einem wissenschaftlich begleiteten Modell-Versuch wurde durchgespielt, ob die Pläne funktionieren. Seit 2016 steht das neue 5,5 Millionen Euro teure Schlossbergwehr. Mit 50 Metern Breite ist es das größte Klappenwehr in Sachsen. Die Anlage regelt bei Hochwasserpegeln vollautomatisch, dass mehr Wasser in den verbreiterten Flutgraben abgeleitet und der Muldearm hinter der Ritterstraße entlastet wird. Auch das im Moment irgendwie überdimensioniert aussehende Flutgrabenbecken hinter dem Busbahnhof ist fertig. Ein weiterer Abschnitt steht vor dem Abschluss. Im Herbst rückt die Großbaustelle weiter, werden tonnenweise Erdaushub abgefahren, Bohrpfähle betoniert, Flutmauern davor gesetzt und rötlich gefärbt, um dem Beton die Optik von Natursteinmauern zu geben.

55 Millionen Euro in den Flutschutz in Döbeln

2019 muss noch eine Brücke abgerissen und deutlich breiter neu gebaut werden, weil sie sonst zum Abflusshindernis wird. Insgesamt sollen bis 2021 für den Hochwasserschutz in Döbeln 55 Millionen Euro Landes-, Bundes- und vor allem EU-Mittel ausgegeben sein. Axel Bobbe, Chef der Landestalsperrenverwaltung in Rötha, verantwortet mit seinem Team das Döbelner Projekt.

Axel Bobbe, Chef der Landestalsperrenverwaltung

Axel Bobbe, Chef der Landestalsperrenverwaltung.

Quelle: Thomas Kube


Man habe sich mit einem klagenden Anlieger einigen können und komme gut voran. Schneller gehe es nicht. Jede Baustelle im Fluss mindere den Abflussquerschnitt und werde selbst zur Hochwassergefahr. Zudem müsse Döbelns Innenstadt trotz der Großbaustellen noch funktionieren. So werde es noch einige Jahre dauern, bis die Innenstadt auf Sachsens größter Insel den erwünschten Flutschutz haben wird. Die Anwohner und Gewerbetreibenden rüsten indes auch privat auf und sorgen für eigene Sicherungssysteme.



Hans-Rainer Kostial ist inzwischen EU-Rentner und wohnt flutsicher in Döbeln-Nord. Die Ehefrau starb kurz nach ihrem 60. Geburtstag. Sohn Rocco und die drei Enkel sind für ihn da. Alpträume von der Flutnacht hat er keine mehr. Er träumt stattdessen davon, einmal noch mit seinem Sohn zum Rennen nach Brünn zu fahren. Nüchtern stellt er fest, dass die Flutkatastrophen 2002 und 2013 auch dafür gesorgt haben, dass in Döbeln viel investiert wurde und die Innenstadt entsprechend glänzt.

Das „gallische“ Roßwein

Die Stadt Roßwein war bei der Flut 2002 nach Döbeln die am zweitstärksten betroffene Kommune im damaligen Landkreis. Rund sechs Millionen Euro Schaden gab es allein an den Straßen und Brücken von Roßwein. Und doch ist bis auf Sedimentberäumungen hinsichtlich eines übergeordneten Flutschutzes seitdem so gut wie gar nichts in der Stadt passiert. Nach jahrelangen Planungen bestätigte im August 2012 die Landestalsperrenverwaltung ihren Rückzug vom Roßweiner Flutmauerprojekt. Auslöser sei die Vorgabe des damaligen Umweltministers Frank Kupfer (CDU) gewesen, einen technischen Hochwasserschutz nicht zu errichten, wenn ihn die Bürger nicht wirklich wollen.

Tatsächlich war der Widerstand der Bevölkerung gegen die auf beiden Flussseiten geplanten Flutmauern so groß wie nirgendwo. Mindestens sachsenweit galten in dieser Zeit die Roßweiner als gallisches Volk. Es bildete sich eine Bürgerinitiative für umweltfreundlichen Hochwasserschutz. Im Zuge des Planfeststellungsverfahrens brachten Anwohner aber auch die Stadtverwaltung zahlreiche Bedenken und Änderungswünsche vor. Medienwirksam wurden Wände aus Pappe und Holz am Flussufer aufgebaut, um die Dimensionen der Flutmauer darzustellen.

Proteste und Banner in Roßwein

Protestbanner hingen über dem Fluss. Kritik gab es an einer fehlenden Umweltverträglichkeitsprüfung. Bemängelt wurde auch, dass Alternativen zum glatten Beton, der die Sicht auf den Fluss versperrt hätte, fehlten. Schließlich schloss die Stadt den Klageweg nicht aus, wenn die Forderungen und Vorschläge unberücksichtigt bleiben sollten. LTV-Betriebsleiter Axel Bobbe fühlte sich „durch dieses Verhalten getäuscht“.



Für den Roßweiner Bürgermeister Veit Lindner (parteilos) hatte der Rückzug des Freistaates hingegen etwas von „Friss oder stirb!“ So sieht er es immer noch. „Die Bürger haben damals von ihrem Recht Gebrauch gemacht. Und Bürgerbeteiligung sollte ja sein. Das war dann aber offenbar zu viel.“ Laut Lindner hätte es eigentlich einen Kompromiss geben müssen. „Jeden einzelnen vorgebrachten Punkt hätte die LTV abwägen müssen. Stattdessen wurde die Tür zugeschlagen. Es muss doch aber auch für Roßwein Flutschutz geben“, sagt der Bürgermeister heute. Er würde durchaus auf die LTV zugehen, um zu prüfen, ob die Fronten noch so verhärtet sind, wie vor fünf Jahren.

Neues System soll vor Hochwasser schützen

Das Hochwasser vom Juni 2013 und seine erneut verheerenden Folgen für die Roßweiner Unterstadt ließ die Kommune auf eigene Faust reagieren. Verschiedene Anbieter stellten mobile Schutzvarianten vor. Nach Diskussion mit den Bürgern entschied sich die Stadt für die Variante der Aquaburg des Münsteraner Entwicklers Hartmut Wibbeler. An drei neuralgischen Punkten entlang der Mulde ließ sie für rund 50 000 Euro das System installieren, das aus Metallpfosten, Stahlnetz und starker Kunststoffplane besteht, direkt vor Ort in einem ebenerdigen Kanal lagert und im Ernstfall sofort hochgezogen werden kann. Das übernimmt die aus Feuerwehrleuten bestehende Roßweiner Wasserwehr, die regelmäßig den Aufbau trainiert.



Ob die Aquaburg tatsächlich den erhofften Schutz bietet, ist in der Praxis in Roßwein noch nicht bewiesen. Seit der Installation gab es kein erneutes Hochwasser. „Zum Glück“, sagt Bürgermeister Lindner, der aber von der Wirksamkeit überzeugt ist. Er wünscht sich, dass das System von der LTV anerkannt und dann entsprechend gefördert wird. Im Vergleich zu einer Mauer würden weit weniger Kosten entstehen.

Von Thomas Sparrer

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Landkreis: Mittelsachsen

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