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Döbeln Dufte Idee: DDR-Marke „Undine“ gibt’s wieder in Leipzig zu kaufen
Region Döbeln Dufte Idee: DDR-Marke „Undine“ gibt’s wieder in Leipzig zu kaufen
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12:14 28.02.2018
Die Chemikerin Winnie Hortenbach aus Leipzig, im Bild an ihrer Laborprozessanlage, erweckt die Kosmetikserie Undine-Grüner Apfel zu neuem Leben. Ihre Berufserfahrungen aus dem Florena- Werk sind dabei ein wertvolles Kapital. Quelle: Wolfgang Schmidt
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Leipzig/Roßwein

Falten, Krähenfüße, Hängebäckchen, schlaffe Lider – ab 35 kann die Schönheit vorbeigehen. So jedenfalls ist Mutter Natur eingestellt. In diesem Alter ist evolutionsgemäß die Fortpflanzung abgeschlossen. Wozu braucht es danach noch pralle Haut, leuchtende Augen, rosige Wangen oder einen sinnlichen Mund?

Der Fortbestand der Welt scheint schließlich gesichert. Mehr zählt nicht. Nun leben wir in einer Zeit, in der viele Männer und Frauen das Leben lange allein genießen, erst mit Mitte, Ende 30 einen Partner suchen und an Fortpflanzung denken. Und natürlich gehören heutzutage Deo, Cremetuben, -tiegelchen und -töpfchen zur Grundausstattung in vielen Badezimmern.

Duft nach frischen grünen Äpfeln

Auch bei Winnie Hortenbach ist das so. Sie kennt sich dazu auch noch aus bei den für viele Verbraucher mittlerweile kaum mehr durchschaubaren Inhaltsstoffen, weiß, was für die Haut gut ist und was nicht – und benutzt deshalb privat am liebsten Naturkosmetik. Mit der Pflegeserie „Undine“ produziert sie seit vergangenem Jahr sogar selbst welche.

Winnie Hortenbach hat die DDR-Kosmetikserie Undine-Grüner Apfel wiederbelebt. Quelle: web

„Undine“ war in der DDR eine beliebte Kosmetik mit einem besonderen Duft nach frischen grünen Äpfeln. Die DDR bediente damit den Zeitgeist. „Ob in Frankreich, im Westen Deutschlands oder bei uns, überall kamen in den 1970ern und 1980ern Apfeldüfte auf den Markt“, sagt Hortenbach. „Ich kannte ihn von meiner Tante und fand ihn sehr schön.“

Peppig aufgemachte Produkte

Dabei ist die Apfelkosmetik eigentlich ein „Parteitagskind“. „Zu Parteitagen wurden für die Entwicklung von Produkten und dem damit oft verbundenen Einkauf von Zutaten in nichtsozialistischen Ländern extra Devisen freigemacht.“ Vor allem junge Leute sollten mit trendigen Produkten versorgt werden.

So kam in den 1980er-Jahren unter anderem auch die peppig aufgemachte Serie „Action“ mit Make-up- und Haarstylingprodukten sowie Nagellack auf den Markt. Entwickelt und produziert wurde Kosmetik im VEB Chemisches Kombinat Miltitz. Die Serie „Undine“ hatte damals mehrere Produktionsstandorte: Pflege in Waldheim, Seife in Riesa, Duschgel und Shampoo in Zeitz, Körperspray in Oberlichtenau.

Arbeitsamt vermittelte Job bei Florena

Winnie Hortenbach kann sich noch an viele dieser Kosmetika erinnern. Ein Job in dieser Branche war damals aber für sie nicht vorstellbar. Umwege verhalfen stattdessen zur heutigen Cremeproduktion. Nach dem Studium der Lebensmittelchemie an der TU Dresden bewarb sie sich Mitte der 1990er-Jahre bei verschiedenen Firmen der Branche in der Dresdner Region als Lebensmittelkontrolleurin.

Doch mit diesen Berufsvorstellungen war sie damals ihrer Zeit voraus. Die Firmen waren noch klein und befanden sich gerade in der Umbruchphase. Sie wurde nicht gebraucht. Das Arbeitsamt vermittelte schließlich einen Job in Waldheim bei Florena.

Sicherheitsbewerterin und Joghurtproduzent

Das war zwar etwas anderes als im Studium gelernt, aber die Labortätigkeiten zumindest vergleichbar. Zunächst Sicherheitsbewerterin – Produkte müssen zehn Jahre lang archiviert und immer wieder überprüft werden –, übernimmt sie schon drei Jahre später einen Teil der Entwicklung, 2004 dann wird sie Chefin der Abteilung. Doch auch die zur Beiersdorf AG gehörende Florena befand sich im Umbruch.

Das Mutterunternehmen ließ 2008 zwar die Produktion in Waldheim, verlegte jedoch Marketing sowie Forschung und Entwicklung nach Hamburg. Nach kurzer Zeit bei einem Joghurtproduzenten in Freiberg und damit im eigentlichen Metier tätig, wird auch hier die Entwicklungsabteilung verlagert. Die gebürtige Roßweinerin steht wieder vor einer Entscheidung.

Wunsch nach Selbstständigkeit

Diese Unstetigkeit, dieses immer wieder von vorn anfangen, keine klare Linie, keinen langfristigen Kompetenzaufbau, das will sie nicht mehr, stattdessen mit der Familie ganz neue Wege gehen. Das Haus in Roßwein wird verkauft, der neue Wohnort liegt nahe Bern in der Schweiz. In dieser Region arbeitet die Chemikerin ab 2009 für eine kleine Kosmetikfirma, wird aber schon zwei Jahre später von Weleda abgeworben.

Wertvolle Zutaten sind oft so konzentriert, dass nur wenige Tropfen für Wirksamkeit oder Geruch genügen. Quelle: Wolfgang Schmidt

Diese international tätige Unternehmensgruppe ist ein Gigant im Bereich Naturkosmetik. Der Job ist toll, die Wohngegend auch. Doch die Familie wird in der neuen Umgebung nicht heimisch und kommt 2015 zurück nach Sachsen, nach Leipzig. Nach vielen Bewerbungen und ebenso vielen Absagen reift der Gedanke zur Selbstständigkeit.

Alter Moschus-Mix in Kosmetika verboten

Die Basis dazu ist bereits gelegt. Denn schon seit einigen Jahren beschäftigt „Undine“ immer mal wieder Winnie Hortenbach. Als Beiersdorf 2013 die Marke abmeldet, greift sie zu, telefoniert in der Zeit auch mit ehemaligen Produzenten und sichert sich die Internetdomain. Der Entschluss wird immer stärker: Statt erneuter Bewerbungen und vager Hoffnung wählt Winnie Hortenbach die Selbstständigkeit.

Das alte „Undine“-Rezept ließ sich wegen der mittlerweile in Kosmetik verbotenen Moschus-Verbindungen nicht mehr verwenden. Sie fragt sich stattdessen: Wo will ich hin? Die Antwort ist einfach: Es sollte Naturkosmetik sein und die Zulieferer sollten aus der Region kommen: „Das Produkt sollte ICH sein.“ Einen Anspruch, genau denselben „Undine“-Duft wie früher in der DDR zu kreieren, hat sie nicht.

Ähnlicher Naturduft kreiert

Wozu auch? Die Erde hat sich weitergedreht, die Mauer ist gefallen und der Zeitgeist verändert. Nach vielem Mischen, Mixen und Probieren dann endlich ein Naturduft, der dem früheren sogar etwas ähnlich ist.

Aber die Zutaten sind nicht vergleichbar. „Als Entwickler habe ich früher immer viel mit dem Marketing zusammengearbeitet. Da waren vor allem toll klingende Inhaltsstoffe gefragt“, sagt Hortenbach. Doch sie allein nähren und pflegen die Haut nicht immer so wie gewünscht. Für die Unternehmerin sind deshalb andere viel wichtiger: Leinöl, Kamillenextrakt, Hyaluronsäure, Apfelsaft.

Äpfel kommen aus der Nähe von Wurzen

Vieles, was wir essen, lässt sich auch in der Kosmetik verwenden. Es braucht offenbar nicht viel, um die Haut glücklich zu machen. Noch dazu, wenn die Inhaltsstoffe keine tausende Kilometer mit dem Flugzeug zurücklegen müssen, sondern in der Region frisch geerntet und verarbeitet werden können.

Die Äpfel für den „Undine“-Duft kommen von regionalen Streuobstwiesen und ergeben puren, trüben Apfelsaft. Quelle: Wolfgang Schmidt

Die Äpfel für „Undine“ kommen von einer Fruchtsaftfirma aus Roitzsch, einem Ortsteil von Wurzen, und ergeben einen puren, trüben Apfelsaft. Die Parfümeure eines Duftherstellers aus Leipzig kreieren dazu den frischen Duft für Duschgel, Shampoo, Deo Roll-on und Lotion. Nur wenige Tropfen genügen davon. Im nächsten Jahr sollen noch Handcreme und Gesichtspflege dazukommen. „Der Duft und die Inhaltsstoffe sind ein Spagat zwischen dem Markenursprung und mir“, meint Hortenbach.

In Leipzig, Markkleeberg und Roßwein erhältlich

Seit letzten November sind die ersten Produkte am Markt. Sie reihen sich ein in das bereits große Angebot in Bioläden, Drogeriemärkten und Lebensmitteldiscountern. Sie alle profitieren von dem Boom – 2017 nahm der Absatz um 7,9 Prozent zu. Der Umsatz stieg um drei Prozent auf rund 1,2 Milliarden Euro. Doch es ist nicht einfach, als Newcomer und ohne großes Marketingbudget sowie Beziehungen im Handel gelistet zu werden. Hortenbach sucht und findet Handelspartner „auf Augenhöhe und menschlich“, wie den Konsum Leipzig.

Außer in der Messestadt ist „Undine“ auch in Bernburg, Markkleeberg, Roßwein und Chemnitz erhältlich. Und natürlich im Onlineshop. Mit dem hat Winnie Hortenbach lange gehadert. Selbst sei sie kein Onlineshopper. Aber es ist eben für Händler die beste Möglichkeit, um Menschen nicht nur an einem Ort, sondern über Stadt- oder Ländergrenzen hinweg zu erreichen.

Online-Shop mit guten Umsätzen

Im Fall des Neulings „Undine“ heißt das: Nicht nur verkaufen, sondern das neue Produkt auch möglichst großflächig bekannt zu machen. Offenbar geht die Strategie auf: Der Onlineshop macht gute Umsätze. Auch hierfür hat sich Hortenbach Partner geholt – ein auf Onlineversand spezialisiertes Unternehmen aus dem Erzgebirge hat diesen Part übernommen und hält der Kosmetikspezialistin und ihrer Mitarbeiterin damit den Rücken frei.

Leben lässt sich von den Erlösen allerdings noch nicht. Als zweites Standbein entwickelt Hortenbach Rezepturen für andere Kosmetikfirmen und arbeitet als Sicherheitsbewerterin für einen großen Hersteller von medizinischer Hautpflege. Bewusst hat sie sich für den Beginn für kleine Räumlichkeiten entschieden – „ich bin vorsichtig“.

Umzug im Sommer

Doch in der relativ kurzen Zeit ist es schon eng geworden in der Leipziger Fockestraße, wo Büro, Labor und Besprechungsraum sich auf kleinstem Terrain befinden. Deshalb ist im Sommer der Umzug in größere Räume vorgesehen. Dass Naturkosmetik immer mehr Liebhaber findet, das bestätigt Bettina Lühmann, Chefin der Salbenmanufaktur Beti Lue in Chemnitz: „Die Kunden wollen regionale Produkte und Nachhaltigkeit.“

Auch die Seminare von Beti Lue, in denen die Kunden unter anderem Creme selbst herstellen können, sind schnell ausgebucht – nicht zuletzt durch zunehmende „Wiederholungstäterinnen“, die fasziniert davon sind, ganz genau zu wissen, was alles in ihrer Creme steckt.

Von Ramona Nagel/FP

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