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Ehemalige politische Gefangene der DDR erinnern sich in der JVA Waldheim

Haft im Zuchthaus Waldheim Ehemalige politische Gefangene der DDR erinnern sich in der JVA Waldheim

Hans-Joachim Gäbler und Thomas Ammer lernten als Jugendliche die Unbarmherzigkeit der DDR-Justiz gegen Oppositionelle kennen. Diese Unbarmherzigkeit setzte sich im Strafvollzug fort. Verurteilt zu langen Zuchthausstrafen, saßen beide auch in Waldheim. Davon berichteten sie am Donnerstag in der JVA Waldheim

Hans-Joachim Gäbler (l.) und Thomas Ammer (r.) im Gespräch mit Friedemann Schreiter, Autor des Buches „Strafanstalt Waldheim- Geschichten, Personen und Prozesse aus drei Jahrhunderten“. Bei dem Gespräch ging es auch um die Haftbedingungen im ehemaligen Zuchthaus Waldheim in den 1950er Jahren.

Quelle: Dirk Wurzel

Waldheim. Wer heute eine Haftstrafe in der JVA Waldheim verbüßt, genießt einigen Komfort. Hat einen Fernseher auf Zelle, die er grundsätzlich für sich alleine hat und die ordentlich eingerichtet ist. Arbeits- und Ausbildungsstellen sowie Freizeitangebote gibt es ebenfalls und die Besuchsreglung ist recht großzügig. Mit Zuchthaus hat der moderne Strafvollzug in Waldheim nichts mehr zu tun. Nicht zu vergleichen mit den Haftbedingungen, denen sich Thomas Ammer und Hans-Joachim Gäbler in den 1950er und 1960er Jahren ausgesetzt sahen. „Wir waren zu viert in der Zelle und schliefen auf Strohsäcken. Es gab keine Toilette, dafür einen großen Kübel“, berichtete am Donnerstagabend Hans-Joachim Gäbler in der JVA Waldheim. Dorthin hatten Justizministerium und der Landesbeauftragte für die Unterlagen der ehemaligen Staatssicherheit geladen. Unter dem Titel „Wer nichts wagt, kommt nicht nach Waldheim. Politische Haft in der DDR“ kamen Thomas Ammer und Hans-Joachim Gäbler sowie zahlreiche Gäste, darunter Altbürgermeister Steffen Blech und Waldheim-Gönner François Maher Presley, zu einer Gesprächsrunde zusammen.

„Es gab drei Arten von Wärtern. Etwa ein Drittel der Volkspolizisten im Gefängnis war bösartig und übte Schikane aus, ein Drittel war faul und bequem, ein Drittel war rücksichtsvoll“, erinnerte sich Thomas Ammer auf Nachfrage aus dem Publikum an seine Haftzeit. Zu den Schikanen gehörte das sogenannte „Kübeln“, wie sich Hans-Joachim Gäbler erinnert. Der Kübel für die Notdurft der Zelleninsassen diente auch als Abfalleimer und war irgendwann voll. Der Häftling, der in entleeren ging, musste damit rechnen, dass ihn der Wärter über den Gang die Treppe hinunter hetzte. „Dann schwappte einem die Scheiße ans Bein“, sagte Hans-Joachim Gäbler unverblümt. Und manch Wärter sagte darauf: „Ihr seid selbst Scheiße.“ Hans-Joachim Gäblers Urteil lautete auf 15 Jahre Zuchthaus wegen „Boykotthetze gegen demokratische Einrichtungen und Organe“. Er gehörte zum Kreis der Werdauer Oberschüler, die genug hatten vom Militarismus und vom Krieg der Nazis und sich darum dagegen wendeten, als in der frühen DDR der Militarismus wiedererstand und der „gerechte Krieg gegen Imperialisten und Kapitalismus“ propagiert wurde. Die Taten, die die Werdauer Oberschüler begingen, wären heute möglicherweise auch Vergehen aber wahrscheinlich eher Ordnungswidrigkeiten: Stinkbomben-Aktionen auf SED-Veranstaltungen und Flugblattaktionen. Jedenfalls nichts, was eine so lange Haftstrafe rechtfertigen würde.

Hans-Joachim Gäbler kam 1956 nach fünfjähriger Haft frei. Er floh in den Westen und machte Karrriere bei Siemens. Thomas Ammer kaufte die Bundesrepublik nach sechsjähriger Haft 1964 frei, studierte in der Bundesrepublik Politikwissenschaften, Jura und Geschichte und arbeitete als Journalist und Historiker.

Von Dirk Wurzel

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