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Ein Tag mit Behinderungen an der Mittelschule Roßwein

Ein Tag mit Behinderungen an der Mittelschule Roßwein

Roßwein (sf). Ganz vorsichtig bewegt sich Carolin Conrad vorwärts. Sie kennt den kurzen mit Betonplatten ausgelegten Weg, der zur Turnhalle der Geschwister-Scholl-Schule führt.

 

 

(sf). Ganz vorsichtig bewegt sich Carolin Conrad vorwärts. Sie kennt den kurzen mit Betonplatten ausgelegten Weg, der zur Turnhalle der Geschwister-Scholl-Schule führt. Dennoch setzt sie jeden Schritt bedächtig. Mit einem Langstock ertastet sie das Gelände vor sich. Jeder kleine Stein, jede Kante im Beton könnte sie zu Fall bringen. "Man muss wirklich langsam laufen. Und jetzt wusste ich ja wo ich bin und konnte trotzdem nicht abschätzen, wie weit es noch ist", sagt die Zwölfjährige nach ihrem ersten Versuch, als "Blinde" durch die Welt zugehen.

 

Carolin kann die blickdichte Augenbinde einfach abnehmen und wieder zu ihren Klassenkameraden gehen, Thorsten Gruner, sehbehinderter Roßweiner Fußballer und Mitglied im Behindertenbeirat, kann das nicht. Wie es sich mit einer solchen Behinderung lebt, das lernen die Sechstklässler der Roßweiner Mittelschule an diesem Vormittag. Gruner erzählt aus seinem Leben, vom Gehen mit Blindenhund Rocky, von alltäglichen Dingen wie dem Einsteigen in einen Bus und dem Fußballspielen.

Ein Teil der Klasse 6b hört interessiert zu, der andere beschäftigt sich bei Kerstin Bauer mit den praktischen Dingen des Alltags mit Seh- , Hör- oder Gehbehinderung. Im Ethikunterricht haben sie schon darüber gesprochen und wissen gut Bescheid. "Die Kinder sind wirklich gut informiert und wissbegierig. Ich bin immer wieder erstaunt, wie unvoreingenommen sie mit dem Thema umgehen", sagt Bauer, die ebenfalls im Behindertenbeirat der Stadt aktiv ist.

Seit drei Jahren besuchen sie in den Projektwochen der Schulen im Altkreis Döbeln Klassen, um sie auf die Probleme von Behinderten im Alltag aufmerksam zu machen. Selbst ausprobieren lautet dabei die Devise. Brillen, die eine Sehkraft von nur 20 Prozent simulieren, hat Kerstin Bauer mitgebracht. Sie lässt die Schüler damit Schilder lesen und Personen ansehen. "Alles ist verschwommen, ich kann nur Haare und Augenbrauen erkennen, aber nichts Genaues", sagt Florian Meister. "Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es immer so ist", wundert sich der 13-Jährige.

Schnell merken er und seine Mitschüler, dass man Hinweisschilder mit dunkler Schrift auf hellem Untergrund dennoch entziffern kann. "Darum müssen Schilder an öffentlichen Orten wie Theatern oder Schwimmhallen immer in großen Buchstaben und mit viel Kontrast gestaltet sein", erklärt Bauer.

Dass auch Schwerhörigkeit eine ernstzunehmende Behinderung ist, lernen die Schüler beim nächsten Test. Alle halten sich die Ohren fest zu. "Heute ist ein schöner Tag", sagt Bauer und die meisten verstehen sie - nicht allein durch das gedämpfte Hören, wie sich schnell zeigt. "Wir haben auf Ihre Lippen gesehen", erklären die Schüler. Also den Test noch mal mit geschlossenen Augen wiederholen - schon hat nur noch eine Handvoll Schüler verstanden.

Zum Schluss probieren die Sechstklässler elektrische und manuell zu bedienende Rollstühle aus. Moritz Höhne weiß schon, wie es ist, sich nicht bewegen zu können. "Als ich kleiner war, bin ich von einer Rutsche gefallen und habe mir das Becken gebrochen. Da musste ich immer getragen werden", erzählt er. Jetzt kann er zwar selbst steuern, doch dauerhaft im Rollstuhl herumfahren will er nicht. "Man kann dann gar nichts mehr allein machen."

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