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Ein neues Zuhause für den Döbelner Riesenstiefel

Ein neues Zuhause für den Döbelner Riesenstiefel

Beate Ries und Stephanie Schonnop werden den Rummel vermissen. Auch ihr Riesenbaby ist ihnen in den Wochen seit Mitte April ans Herz gewachsen.

Döbeln.

 

 

 

 

Geschätzte sieben bis acht Zentner schleppten die Umzugshelfer gestern über den Rathausflur in den Ratssaal. Fünf Zentner war sein ursprüngliches Gewicht. Allein die zehn Rindshäute, die zu seiner Herstellung gebraucht wurden, wogen damals 92 Kilogramm. Doch heute steckt in dem Riesenstiefel ein neues Skelett aus Aluminium, das das alte Leder aufrecht hält. Dank dieses Gerüstes der Döbelner Maschinenbaufirma Nöbel hat der Stiefel nun auch wieder seine Originalgröße von 3,70 Meter.

Am 16. April hatten die Dresdner Lederrestauratorin Beate Ries und ihre Mitarbeiterin Stephanie Schonnop im Döbelner Rathaus mit der öffentlichen Restaurierung des Stiefels begonnen. Besucher waren dabei jederzeit willkommen und jeder der wollte, konnte auch mal tief ins Innere des Riesenstiefels schauen. Denn das geht ja nur beim liegenden Riesen. Das alte "Innenleben" wurde herausgenommen. Das mittlerweile gebrochene Holzgestell, das den Schaft stützte, wurde ausgebaut, die Holzwolle entfernt und in Säcke verpackt. Das Alu-Skelett wurde eingebaut. Behutsam säuberten die beiden Fachfrauen das Schuhwerk und besserten Schadstellen aus. Zum Schluss wurden wie bei einer Turmkugel oder einer Grundsteinlegung die Geheimkammern in der Sohle des Riesenstiefels mit Zeitdokumenten von heute gefüllt. Darunter ein Brief des Oberbürgermeisters, Zeitungsausgaben der DAZ mit den Berichten von der Stiefelsanierung sowie die aktuelle Besetzung der Gremien des Stadtparlaments.

"Insgesamt haben wir seit April 32 volle Tage hier im Döbelner Rathaus an dem Schuh gearbeitet. Es war ein spannender Auftrag und wohl auch das bisher größte zu restaurierende Lederstück", sagt Beate Ries. In ihrer Dresdner Werkstatt warten nun kleinere Dinge auf sie und ihre Mitarbeiterin: Statt Stiefelleder sind es dann Straußenfedern, welche die beiden Frauen für die Restaurierung und den Nachbau der Federbüsche von historischen Helmen aus der Renaissance- und der Barockzeit nutzen. Denn nach dem Auftrag von der Stadt Döbeln kommt der nächste Auftrag wieder von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

Begeistert verfolgte gestern auch der 78-jährige Karl Backofen aus Lüttewitz bei Zschaitz den vorerst letzten Umzug des Riesenstiefels in den Rathaussaal. Als Enkel des Kattnitzer Schuhmachers Paul Rasser, der 1925 den Stiefel gemeinsam mit Ferdinand Reichel, Gustav Hoferichter, Ernst Schmalfuß, Karl Bräuer, Reinhold Dietze und Paul Neumann erbaut hatte, interessierte ihn der Döbelner Riese ganz persönlich. "Ich war dabei, als er 1945 unter den Russen aus dem Rathaus geschleppt wurde. Wir transportierten ihn an der Kommandantur vorbei zum Bauhof, wo er versteckt wurde. Denn ich glaube, die Russen hätten ihn sonst als Reparation mitgenommen", erinnert sich Karl Backofen.

 

 

 

1925 hatte Ferdinand Reichel, der Obermeister der Döbelner Schuhmacher-Innung, die Idee, zum 600-jährigen Jubiläum der Innung einen Riesenstiefel zu bauen. Von Januar bis August 1925 baute er den Stiefel mit sechs Schuhmachermeistern der Region und stellte ihn erstmals zur Fachausstellung im August 1925 aus.

Seine Maße: Sohlenlänge 190 Zentimeter, Sohlenbreite 73 Zentimeter, Absatzlänge 45 Zentimeter, Schafthöhe fünf Meter, Schafthöhe heruntergekrempelt 3,70 Meter, Stulpenumfang oben fünf Meter.

Zu DDR-Zeiten war der Stiefel im Kreismuseum auf Burg Mildenstein ausgestellt. Im März 2010 kehrte er nach Döbeln zurück.

Thomas Sparrer

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