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Döbeln Eine Schildkröte im Westewitzer Biotop
Region Döbeln Eine Schildkröte im Westewitzer Biotop
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00:21 11.06.2018
Er hat die Schildkröte vor die Linse bekommen: Eberhard Thiede vom Angelverein Westewitz ist seit 50 Jahren Angler und Naturschützer. Quelle: Sven Bartsch
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Westewitz

Für Eberhard Thiede vom Angelverein ist das nicht die Art von Naturschutz, die er und seine Mitstreiter betreiben wollen. Dennoch wird das ausgesetzte Tier geduldet.

Es ist der Inbegriff von Idylle an Wetzigs Teich, nur wenige hundert Meter vom Muldeufer bei Westewitz entfernt, etwas versteckt hinter hohem Gras. Das Gelände mit der profanen Teichnummer L01-101 beherbergt Karpfen, Schleien, Hechte, Aale und Barsche. Zwei Biberfamilien haben sich niedergelassen und je eine Burg gebaut. Waschbären ziehen hier ihre Jungen groß. Graureiher bedienen sich am reichen Fischangebot und das Froschkonzert am Abend ist ein Ohrenschmaus. Selbst Teichmuscheln finden sich hier, die bevorzugt von Bisamratten vernascht werden. Und wenn Eberhard Thiede, Kassierer des Westewitzer Angelvereins sich mit seiner Rute am Teich niedergelassen hat, kann es auch passieren, dass sich ein Eisvogel sehen lässt. „Ab Mitte des Sommers ist er hier und setzt sich auch mal auf die Angelrute“, berichtet der 61-Jährige Angelveteran, der seit 52 Jahren dem Verein angehört.

Seit etwa drei Jahren gibt es noch einen weiteren Bewohner des kleinen Teichs. Eine Schildkröte mit einem inzwischen rund 30 Zentimeter langen Panzer hat sich im Gewässer eingenistet. Die Angler trauten ihren Augen kaum, als sie das Tier zum ersten Mal auf einem im Teich schwimmenden Baumstamm beim Sonnenbaden sahen. Äußerst scheu ist sie – lässt sich beim kleinsten Anzeichen von menschlichem Besuch ins Wasser plumpsen und taucht ab, berichtet Thiede. „Man kann nur ganz vorsichtig herangehen. Schon von weitem bemerkt sie einen und verschwindet“, sagt er.

Dennoch haben er und seine Angelfreunde das Tier schon öfter gesehen und auch fotografiert – wenn auch nur aus der Ferne, wie das große Bild oben zeigt. Daher ist auch unklar, um welche Art es sich handelt. „Das Tier ist vermutlich illegal frei gelassen worden“, sagt Thiede und ist hörbar verärgert darüber. „Normalerweise müsste jedes Tier mit einem Chip versehen werden, damit der Besitzer festgestellt werden kann“, sagt er. Schließlich wisse man nicht, wie sich ein nicht heimisches Tier auf das ökologische Gleichgewicht im Teich auswirke.

Teichmuscheln gibt es ebenfalls im Gewässer. Die leeren Schalen zeugen vom Raub durch Bisamratten, die im benachbarten Teich leben und sich hier bedienen. Quelle: Sven Bartsch

Dennoch lassen die Angler die Schildkröte zufrieden. Offenbar hat das Tier gute Überlebensinstinkte, hat es doch schon zwei Winter in Westewitz überstanden. „Sie überwintert vielleicht im Schlamm – oder sie ist beim Biber mit eingezogen“, sagt Thiede und lacht.

An den Längsseiten des Teichs liegen zwei Biberburgen gegenüber. Sie teilen quasi das Gewässer in zwei Hälften. Ab den Burgen wird nicht mehr geangelt. Nur die rechte Hälfte des Sees ist zugänglich. Daran halten sich die Angler streng. „Wir sind Naturschützer, sammeln hier auch allen Müll ein und lassen selbst nichts liegen. Und mehr als fünf bis sechs Angler gehen hier nicht gleichzeitig an den Teich“, betont Eberhard Thiede, der sich am Artenreichtum im kleinen Westewitzer Biotop erfreut. Auch Wildenten und Blesshühner haben es sich hier gemütlich gemacht. Und beim Blick nach oben sind häufig Fischadler und Rote Milane zu sehen.

Im Westewitzer Schilf hat es sich ein Teichrohrsänger bequem gemacht und balzt. Auch Eisvögel landen gern am Teich. Quelle: Sven Bartsch

Das war zu Beginn der DDR-Zeit noch ganz anders. „Der Teich ist ein Altarm der Mulde. Im Krieg wurde er vom Reichsarbeitsdienst ausgebaut und diente später als Müllhalde“, erzählt Thiede. Mitte der 1950er Jahre gründeten Wendishainer und Westewitzer zusammen den Angelverein, um sich um das verschlammte und nur noch von wenigen Schleien bewohnte Gewässer zu kümmern.

Seither hat sich ein Artenreichtum entwickelt, den die Angler auch mit ihrem Zutun im Gleichgewicht halten. „Mein Ansinnen ist: Der Fisch, den ich fange, muss dem Verzehr zugeführt werden. Wenn er das Maß hat, nehme ich ihn auch mit. Auch ein Hecht mit 60 Zentimetern Länge ist ein Brathecht. Das gehört zur Hege und Pflege. Wenn wir keine Tiere entnehmen, würde der Teich verbudden, wie der sächsische Angler sagt“, erklärt Thiede.

Eine Waschbärenfamilie hat sich nahe des Teichs eingenistet und nutzt das reichhaltige Nahrungsangebot des Biotops. Quelle: Sven Bartsch

Seit 1966 ist er Mitglied im Angelverein. „Zum Angeln bin ich über Günther Scholz gekommen. Das war ein Lehrer, der die Leute für die Natur begeistert hat. Mein Bruder war drei Jahre älter und ging auch hin, also wollte ich das auch. Ein Jahr nach mir ist auch mein Vater eingetreten“, erinnert er sich.

Die Begeisterung für die Natur ist bei ihm geblieben und hat sich bis heute eher noch verstärkt. Zwar könnte Eberhard Thiede überall in Sachsen angeln. Doch am liebsten ist er direkt am Muldeufer vor der Haustür oder an Wetzigs Teich. „Ich animiere jeden und sage, macht auch mal zu Hause Urlaub. Viele können drei Kilometer von zu Hause hinter den nächsten Berg gehen und wissen nicht mehr, wo sie sind“, sagt er augenzwinkernd. Was man alles entdecken kann, zeigt allein die Artenvielfalt im kleinen Biotop bei Westewitz – auch ohne Schildkröte.

Von Sebastian Fink

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