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Döbeln Es fließt wieder Bier aus Richzenhain
Region Döbeln Es fließt wieder Bier aus Richzenhain
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11:19 03.11.2018
Anja und Olaf Adam brauen in der 120 Jahre alten Brauerei mit neuer Anlage wieder Bier. Sie hat das neue Pils herausgetüftelt. Quelle: Sven Bartsch
Richzenhain

Der typisch süßlich Duft von Gerstenmaische zieht wieder durch die altehrwürdige Brauerei in Richzenhain. Seit Juli wird hier wieder Bier gebraut – zum ersten Mal seit 23 Jahren und pünktlich zum runden Geburtstag der alten Richzenhainer Brauerei. „Das Unternehmen wurde ursprünglich 1898 gegründet und wir wollten unbedingt zum 120-jährigen Bestehen der Firma den Bierverkauf wieder eröffnen“, sagt Olaf Adam. Und das haben er und seine Frau Anja geschafft.

Sie hat sich in kürzester Zeit zur Brauerin gemausert, während er für die Abfüllung des Bieres in die Fässer zuständig ist. „Wir haben zusammen angefangen und es hat sich im täglichen Ablauf ergeben, das ich das mache“, sagt sie bescheiden. Da das Brauen mit vielem Kosten verbunden ist, passt die Arbeitsaufteilung auch ganz gut. Denn Anja Adam mag gern ab und zu ein Bier, während Ehemann Olaf geschmacklich eher dem hochgeistigeren Brand aus dem schottischen Hochland zugetan ist.

Breiter Geschmack, breites Interesse

„Ich habe zuerst einen Kurs mitgemacht und dank unserer tollen Anlage lief es von Anfang an gut. Wir hatten keinen Sud, der in den Gully musste“, berichtet Anja Adam und lacht. Inzwischen hat sie sich eingefuchst, hat mit der Hopfendosierung experimentiert, um etwas weniger Bitterkeit und dafür mehr Gefälligkeit in den Geschmack zu bekommen. „Das Bittere ist nicht jedermanns Geschmack. Wir wollen einen breiten Geschmack treffen“, sagt sie über ihr Pils.

Dass dieses Vorhaben gelungen ist, hat sich beim großen Brauereifest am 22. September gezeigt. 800 bis 1000 Besucher waren da, schätzen die Adams. Das Interesse an der wieder auferstandenen Brauereitradition in Richzenhain ist riesig. „Schon zwei, drei Wochen vor dem Fest wurde ich an der Tankstelle und beim Bäcker angesprochen. Da war uns klar, dass viele Leute kommen“, freut sich Olaf Adam noch immer.

Auch in Leipzig zeigt man Interesse am Richzenhainer Bier

Randvoll mit gut gelaunten Gästen war die Remise, der ehemalige Wagenhof und Stall der alten Brauerei, den das Paar zum rustikalen Partyraum für 150 Gäste umgebaut hat. 1050 der 2000 vorher von Anja Adam gebrauten Liter Richzenhainer Bier sind allein an diesem Abend die Kehlen hinunter geflossen. Zusätzlich setzt die Brauerin im 150-Liter-Kessel immer wieder Sonderbiere wie Weizen oder Dunkles an.

Bei Hochzeiten, Geburtstagen oder den bald anstehenden Firmenweihnachtsfeiern wird das Bier erfolgreich serviert. Schon haben erste Kunden ganze Fässer mit 20, 30 oder 50 Litern Inhalt mit nach Hause genommen. Wenn Kneipiers aus der Region sich ein Fass inklusive Kühlung für den eigenen Ausschank abholen wollen, können sie sich melden, meint Olaf Adam. Auch aus Leipzig gebe es bereits Interesse einer Bierbar.

Zwölf Jahre Geld und Arbeit für die Privatbrauerei

Ob das Bier nun so schmeckt wie einst in der Privatbrauerei lässt sich heute nicht mehr sagen. Das Firmenlogo hat sich zumindest verändert. Es zeigt eine junge Frau, die der Brauerin Anja Adam zufällig recht ähnlich sieht, beim Servieren von Bierkrügen. Das Bild stammt von einem alten Werbeplakat der Brauerei – und kommt bei den Gästen offenbar genauso gut an wie das Bier selbst.

Ein großer Erfolg für das Paar, dass in den letzten zwölf Jahren viel Zeit und Geld in das Gelände im Richzenhainer Tal gesteckt hat. Schon bevor sie sich kannten, investierte der damals erst 27-jährige Olaf Adam und kaufte das gesamte Areal, um die Privatbrauerei Richzenhain, wie sie einst hieß, vor dem drohenden Abriss zu retten. „2001 war der letzte Versteigerungstermin. Hätte da keiner gekauft, hätte die Stadt alles platt gemacht“, sagt der heute 44-Jährige.

Adams entwickelten das Areal Stück für Stück

Was beim damaligen Zustand der Gebäude nicht unverständlich gewesen wäre. Doch er fand es zu schade, dieses Stück Tradition verschwinden zu lassen, und fing an, das Areal zu entwickeln. 2003 eröffnete die Remise, die inzwischen ein begehrter Feiersaal geworden ist, der in der warmen Jahreszeit an fast jedem Wochenende belegt ist. Es folgte 2005 die aufwendige Sanierung des ehemaligen Bürogebäudes und der Umbau zum Wohnhaus – das heute mit Mietern voll belegt ist.

2007 bauten sie den Malzboden über dem heutigen Büro zur eigenen Privatwohnung aus. Das frühere Kohlelager wurde 2011 abgerissen, die Dächer der verbliebenen Gebäude erneuert und zum Teil mit Photovoltaikanlagen belegt. „Wir haben immer weiter gemacht, so wie gerade Geld da war“, sagt Anja Adam.

Teile für die Brauanlage aus ganze Deutschland

Nun sind die beiden in der eigentlichen Brauerei angekommen. Und passend zur Tradition der einstigen Familienbrauerei, die 1898 von Carl Klaus gegründet und von seinem Sohn Fritz und später vom Enkel Ralf weitergeführt wurde, ist die Brauanlage kein Fertigkauf. „Wir haben in der Familie jemanden, der technisch sehr versiert ist“, sagt Anja Adam. Dieser Jemand ist ihr Vater Dietmar Köhler, seines Zeichens Diplomingenieur und Tüftler. Ein Jahr brauchte es von der ersten Planung bis zum Aufbau der Anlage. „Er hat sich über den Winter hingesetzt und alles durchdacht und geplant. Die Teile haben wir dann in ganz Deutschland zusammengesucht“, erzählt Olaf Adam.

Zum Brauereifest, zu dem auch Ralf Klaus, inzwischen 80-jährig, gekommen war, spielte Dietmar Köhler zudem mit seiner früheren Band Corona live. Bekräftigt durch diesen Erfolg, will das Paar nun weitermachen, ohne die Bodenhaftung zu verlieren. „Wir sind realistisch. Es hat keiner auf das Richzenhainer Bier gewartet. Dass es funktioniert, sehen wir erst seit einem Vierteljahr“, sagt Olaf Adam. Und seine Frau ergänzt: „Von außen muss an den Gebäuden noch viel gemacht werden, aber erstmal muss das Brauen Routine werden, dann geht es an die nächsten Schritte.“

Von Sebastian Fink

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