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Döbeln Fotograf träumte von Straßenbahn für Hartha
Region Döbeln Fotograf träumte von Straßenbahn für Hartha
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00:21 22.09.2017
Karl Spieß (1891-1945) war ein Lebemann, der seinen Beruf als Fotograf ernst nahm. Quelle: Karl Spieß
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Hartha

Mit dem Abriss des Hauses in der Dresdener Straße 6 Anfang 2013 wäre fast ein Stück Harthaer Geschichte verloren gegangen. Denn in diesem Haus hatte einst Karl Spieß sein Atelier. Doch Dietmar Riemann, dessen Vater Siegfried das Haus einst von Spieß‘ Witwe übernahm, hat dem Fotografenmeister nun einen Bildband mit Fotos gewidmet, die er aus dessen Nachlass noch zu DDR-Zeiten über die innerdeutsche Grenze schmuggelte, um sie vor der Müllhalde zu retten.

Es ist eine selten skurrile Geschichte, wie diese beiden Meister ihres Fachs zusammenfanden, obwohl sie nie zeitgleich über die Erde wanderten. Riemann kam erst sechs Jahre nach dem Tod des anderen in Hainichen zur Welt und war dennoch wie ein Sohn oder Enkel für den Fotografenmeister, den der nur nicht mehr kennenlernte durfte. Denn im Jahr seiner Geburt zogen die Eltern ins Haus von Karl Spieß, das dessen Witwe Maria Spieß verwaltete. Ab 1954 übernahm Siegfried Riemann das Atelier komplett. Der Name Karl Spieß blieb für den betrieb jedoch auf Wunsch der Witwe erhalten – und damit auch die grüne Leuchtreklame „SPIESS“ an der Fassade. So wurde der Name Riemann in Hartha kaum bekannt, Spieß dagegen blieb im Gedächtnis. „Und mich nannte man als Kind und Jugendlichen den ,kleinen Spieß‘“, schreibt Riemann in der aufwendig recherchierten Biografie zum Auftakt des Bandes, der 104 Aufnahmen von Karl Spieß zeigt, die Riemann selbst bei seiner Ausreise Ende der 1980er Jahre aus der DDR mit in den Westen nahm. Der Spitzname änderte sich erst, als die Leuchtreklame Anfang der 1970er Jahre den Geist aufgab und für DDR-Elektriker mit den vorhandenen Mitteln nicht mehr zu reparieren war.

Detailliert zeichnet Riemann nach, was auch dank Schwiegertochter Gunild Spieß über Karl Fritz Spieß heute noch bekannt ist: Geboren am 16. August 1891 in Flemmingen, Sohn eines Bäckers, der später selbst zum Lichtbildner wurde, wie der Beruf damals hieß. Im Ersten Weltkrieg mit einem Brustdurchschuss schwer verwundet, überlebte er in einem französischen Lazarett. Allein die Geschichte seines Überlebens erzeugt beim Leser eine Spannung, die in Biografien dieser Art selten ist.

Viele Aspekte der Geschichte dieses fast vergessenen Mannes hat Dietmar Riemann aber auch aus dessen Bildern erschlossen und aus Erzählungen seiner Eltern zusammengetragen. Ein guter Geiger und Klavierspieler sei Karl Spieß gewesen, hieß es oft am Küchentisch. Und ein Lebemann mit fröhlichem Gemüt. Davon zeugen einige Selbstporträts mit erhobenem Glas und spitzbübischem Lächeln hinter Frack und Zylinder.

Dabei nahm Spieß laut der Expertise von Dietmar Riemann seinen Job durchaus ernst. Brillant ausgearbeitet seien die Aufnahmen, die oftmals die Menschen in ihrem damaligen Habitus zeigen und damit Zeitdokumente sind. Mit aufwendigen Montagen brachte Spieß zudem Ideen für seine aufstrebende Heimatstadt Hartha aufs Fotopapier – beispielsweise mit Freibad, Aussichtsturm oder gar einer Straßenbahn. Sein Wunsch nach einem Figurbrunnen auf dem Marktplatz wurde später sogar unwissentlich umgesetzt.

Dietmar Riemann weiß, wovon er schreibt. Der 66-Jährige hat selbst einen Meisterbrief der Fotografie in der Tasche und ergatterte zu DDR-Zeiten einen Studienplatz an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig, wo er auf das Werk des bekannten Fotografen der 1920er und 30er Jahre, August Sander, stieß. Der erinnerte ihn wieder an den „großen Spieß“ und dessen Arbeiten, die im Kleinen für Hartha ähnliches leisten wie Sanders Werk im Großen.

Doch während Sanders Werk von den Nazis verboten und vernichtet wurde, war Spieß von den neuen Machthabern zunächst fasziniert und trat am 1. Mai 1933 in die NSDAP ein. Schon knapp zwei Jahre später ließ er sich jedoch von allen Aufgaben in der Partei – er war in der Leitung der Harthaer NS-Kriegsopferversorgung – entbinden, hörte später auch den „Feindsender“ BBC ab. Riemann findet hier auch Verständnis für das damals „Normale“, in NS-Organisationen mitzumachen. Auch die beiden Riemannschen Großväter waren NSDAP-Mitglieder gewesen.

1934 kaufte Spieß eingangs erwähntes Haus in der Dresdener Straße, nachdem das Atelier des Vaters in der Leipziger Straße 48 gestanden hatte. 1938 zog er um und wurde Teil der damals fast 50 Firmen zählenden Hauptstraße der Stadt. Während die Neueröffnung des Fotohauses mit Vertretern der größten deutschen Fotofirmen gefeiert wurde, zogen Panzer durch Hartha auf dem Weg ins Sudetenland – Vorboten des Krieges, wie sich Maria Spieß erinnerte. Auch hier zieht Dietmar Riemann Parallelen – zu den sowjetischen Panzern, die 1968 gen Prag am selben Haus vorbei rollten.

Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs endete für Karl Spieß tragisch: Sein ältester Sohn Karl fiel 1944 bei Krakau, er selbst wurde am 27. Juni 1945 vom sowjetischen Geheimdienst wegen angeblicher Blockleitertätigkeit für die NSDAP festgenommen. Trotz späterer Entlastung kam er im Speziallager Jamlitz in der Lausitz am 22. November 1945 um.

„Karl Spieß 1891-1945. Ein sächsischer Lichtbildner und seine Fotografien“, 160 S., dt./engl., 29,95 Euro, erschienen im Mitteldeutschen Verlag.

Von Sebastian Fink

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