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Gabriele Tober-Pokorni geht in den Ruhestand

Gabriele Tober-Pokorni geht in den Ruhestand

Nein, als Bonbonfee des Rathauses möchte Gabriele Tober-Pokorni nicht bezeichnet werden. Denn sie mag keine Süßigkeiten. Ein verschmähter Pfannkuchen ist dafür der Beweis.

Döbeln.

 

 

 

 

"Big Brother" hat Gabriele Tober-Pokorni ihren Pfannkuchen getauft. "Pfannkuchen mit Namen? Die sind ja irre im Rathaus!" So wird mancher denken. Ein bisschen irre ist die Geschichte schon. "Ich weiß gar nicht mehr warum, doch Bauamtsleiter Erik Brendler hatte mir von der Bäckerei Hüttig gleich gegenüber dem Rathaus einen Pfannkuchen mitgebracht. Aber ich esse keine Pfannkuchen. Und weil damals gerade in allen Medien über die Fernsehsendung Big Brother geredet wurde, wo ein paar Leute für 100 Tage in einen Container gesperrt und gefilmt wurden, haben wir aus Spaß gesagt: Mal schauen wie dieser Pfannkuchen in 100 Tagen aussieht", erinnert sich Gabriele Tober-Pokorni.

Er sieht noch ganz frisch aus. Erst wenn man weiß, dass Big Brother im Jahr 2000 startete und der Pfannkuchen damit nicht nur 100 Tage, sondern schon mehr als 4400 Tage auf dem gezuckerten Buckel hat, meint man, dass er vielleicht doch etwas blasser aussieht, als ein bäckerfrischer.

Frisch und gut gelaunt sieht dafür Gabriele Tober-Pokorni aus und das nach 22 Jahren in Diensten des Döbelner Rathauses. Jetzt nimmt sie Abschied. Die Bonbonfee, die keine Süßigkeiten mag, hat eine ganze Kiste Bonbonvorräte für den Abschied gekauft. "Ich weiß genau, welche Sorten meine Mitarbeiter mögen", sagt die Amtsleiterin. Die Kulturleute um Angela Petzold und Ulf Fischer von der Stadtinfo mögen die Toffeebonbons, die klebrigen Plombenzieher. Michael Thürer vom Sportamt lutscht lieber Minzbonbons. "Ich habe mit ihnen allen sehr gern zusammengearbeitet. Das waren Leute, auf die Verlass ist, die sehr selbstständig arbeiten und eigentlich auch ohne eine Chefin obendrüber ausgekommen wären", sagt sie schmunzelnd. Und Gabriele Tober kam ebenso gut mit ihren Leuten aus. Bei jeder Beratung in ihrem Arbeitszimmer war die Bonbonschale auf dem Beratungstisch entsprechend gefüllt. Es wurde verhandelt und dabei mit Bonbonpapier geknistert.

Ihr Start im Döbelner Rathaus war weniger knisternd. Frisch geschieden, allein mit zwei Kindern war die in Weißig bei Riesa geboren Diplomjuristin 1990 gerade arbeitslos geworden. "Ich hatte in Berlin Jura studiert und neben einer großen Klappe auch sogenannte Westkontakte. Allerdings waren das eher Nordkontakte zu Freunden in Finnland. Damit war aber zu DDR-Zeiten der Staatsdienst für mich tabu", erinnert sie sich. Nach Diplomarbeit zum Völkerrecht arbeitete sie als Justiziarin im Stahlwerk Riesa, später im Ölwerk. Das war gleich nach der Wende verkauft worden. Die neuen Eigner brachten die eigenen Juristen mit. "Durch den glücklichen Umstand, dass ich einen Döbelner Stadtrat gut kannte, hörte ich davon, dass Bürgermeister Matthias Girbig für seine Mannschaft eine Justiziarin suchte. Mit wackligen Knien stellte ich mich vor und Matthias Girbig traute mir das zu. Er gab mir die Chance meines Lebens", sagt sie noch heute dankbar.

Das neue Leben der Riesaerin wurde aber auch hart. Der erste Arbeitstag in Döbeln war der erste Schultag ihres Sohnes Benjamin. Tochter Konstanze, damals zwölf, wurde eine wichtige Stütze. Früh 5.40 Uhr fuhr Gabriele Tober mit dem Zug von Riesa nach Döbeln, kümmerte sich um Satzungen und alle rechtlichen Grundlagen der Stadt, holte das einst städtische DBM-Gelände Schillerstraße von der Treuhand zurück in städtischen Besitz, setzte die Gesellschafterverträge für die städtischen Gesellschaften DWVG und Stadtwerke auf und saß abends mit all ihren Unterlagen oft bis spät in den Stadtratsgremien. Zudem betreut sie für das Rathaus den Rechtsstreit um den Riesenstiefel, der schließlich zum Erfolg führte. Erst 1992 macht Gabriele Tober den Führerschein, um von den Zugfahrplänen unabhängiger zu sein und wieder mehr Zeit für ihre Kinder zu haben.

Zwei Wahlperioden arbeitet sie an der Seite von Bürgermeister Matthias Girbig, dann unter Axel Buschmann. Der ist allerdings selbst Jurist. Die Justiziarin fühlt sich ein wenig zurückgesetzt. Die Flutzeit wird dann wieder spannend. "Es war zu spüren, was für ein gutes Team wir sein können. Die Hierarchien waren weg. Der zweite Beigeordnete lief zu Höchstform auf und machte mit seinem Optimismus wieder Mut", erinnert sie sich. Als sich in dieser Zeit am Telefon der Protokollchef des Ministerpräsidenten bei ihr nach der Lage beim Aufräumen in Döbeln erkundigt, ärgert sie sich lautstark darüber, dass sich das Medieninteresse nur auf Grimma konzentriere, als sei in Döbeln nichts gewesen. Der Regierungsbeamte findet das offenbar sympathisch. Ein paar Tage später schaut sich der damaligen Bundespräsident Johannes Rau im Döbelner Katastrophengebiet um. Das Medieninteresse wächst und das Döbelner Flutschicksal wird bundesweit bekannt. Gabriele Tober hatte dem Protokollchef der Landesregierung zum Dank einen Kaffee versprochen und lud Christian Pokorni ein. "Backen war damals nicht meine Stärke, aber er hat meinen Kluntschkuchen tapfer gegessen und meine Kinder waren von ihm begeistert. Ich übrigens auch", sagt sie. Christian Pokorni wird ihr Vertrauter, ihr Lebensgefährte und 2007 schließlich ihr Mann. Mit ihm zieht sie am Sonntag von Riesa nach Bonn um. Das frisch renovierte Häuschen wird sie einrichten. Dann steht eine intensive Zeit mit dem einjährigen Enkel Joakim bei Sohn Benjamin in Bayern an, der als Filmproduzent in den Bavaria-Filmstudios in München arbeitet. Tochter Katharina pendelt als Architektin zwischen Berlin und Düsseldorf hin und her. "Außerdem werde ich mir noch bei der evangelischen Kirchgemeinde ein Ehrenamt suchen, um nicht zu rosten", hat sie sich vorgenommen.

Gestern erst einmal kam der Abschied von den Kollegen der Kultur, des Stadtmuseums, der Stadtbibliothek, der Stadtinformation, der Sportstätten, der Städtepartnerschaften - all das gehörte seit der Zusammenlegung des Rechtsamtes mit dem Kultur- und Sportamt zu ihrem Verantwortungsbereich. "Es war schön mit euch. Und jetzt machen wir den Abschied kurz, bevor es Tränen gibt", sagte die 60-Jährige gerührt, bevor sie die letzten Bonbontüten für ihr Team aufreißt.

Die einzelnen Sachbereiche ihres Amtes werden nun zunächst dem Oberbürgermeister direkt unterstellt, die Mitarbeiter tragen somit mehr Eigenverantwortung. Offen bleibt allerdings, ob irgendjemand den verschmähten, zwölf Jahre alten Big-Brother-Pfannkuchen für seine Vitrine adoptiert.

Thomas Sparrer

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