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Döbeln Gemeinsam durch den Behördendschungel
Region Döbeln Gemeinsam durch den Behördendschungel
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17:12 10.04.2018
Für alles in Deutschland braucht man ein Formular. Das Döbelner Willkommensbündnis will nun mit dem FormularLotsen beim Ausfüllen helfen. und sammelt dafür Geld über eine Crowdfunding-Kampagne. Quelle: epd
Döbeln

Seit Montagmittag, 12 Uhr, rühren die Aktiven vom Projekt „Willkommen in Döbeln“ kräftig die Werbetrommel. Sie haben genau einen Monat Zeit für ihre Crowdfunding-Kampagne zur Finanzierung des Formular-Lotsen-Projektes. Crowdfunding steht für Schwarm- oder Gruppenfinanzierung. Bis zum 9. Mai sollen mindestens 10 000 Euro gesammelt werden, um damit die Anschubfinanzierung für das Projekt zustande zubringen.

„Die Idee dahinter ist ganz einfach“, erklärt Judith Schilling, Geschäftsführerin des Treibhausvereins. „Für fast alle Bereiche des täglichen Lebens gibt es in Deutschland ein Formular: Ausbildung, Arbeit, Wohnung, Kinderbetreuung und vieles mehr. Formulare ausfüllen zu können, ist eine notwendige Grundlage zur Teilhabe am täglichen Leben.“ Formulare richtig auszufüllen, kann somit lebensnotwendig sein. „Der Formular-Lotse hilft sowohl Geflüchteten, als auch Menschen mit Leseschwäche“, macht Hartmut Fuchs, Projektleiter und Ideengeber, deutlich. Durch die Arbeit der Migrationsberatung im Treibhausverein wurde dafür ein riesiger Bedarf erkannt und daraus eine Idee.

Hartmut Fuchs. Quelle: Thomas Sparrer

Bestandteil dieses Konzeptes sind der Formular-Lotse, der Formular-Check und das Formular-Archiv. Der Formular-Lotse ist ein erfahrener Pate oder eine Patin, der oder die bereits Kenntnisse im Umgang mit Behörden und Dokumenten hat. Neue Formular-Lotsinnen und -Lotsen sollen durch ein Schulungskonzept auf diese Tätigkeit vorbereitet und geschult werden. Mit einen Formular-Check prüfen die Formular-Lotsinnen und -Lotsen Unterlagen und Dokumente nach Fristen, Wichtigkeit und erarbeiten gemeinsam eine wieder findbare Ablage. Das Formular-Archiv als dritte Säule soll als eigenständige Plattform/Homepage aufgebaut werden. Basis ist ein Dokumenten-Management-System mit Datenbank, Beschreibung der Formulare in verschiedenen Sprachen und Erläuterung in Leitfäden, eine integrierte Formularsuche und Verknüpfung zu potenziellen Formularanbietern. Die Formulare sollen in „leichter Sprache“ erklärt werden, damit verschiedenste Gruppen sie verstehen.

„Die Umsetzung wird ohne zusätzliche Ressourcen, wie Programmierdienstleistungen, nicht möglich sein“, weiß Hartmut Fuchs. Die Crowdfunding-Kampagne gehört zur Teilnahme von „Willkommen in Döbeln“ an der Ausschreibung zum Deutschen Integrationspreis. Mit dem Deutschen Integrationspreis möchte die gemeinnützige Hertie-Stiftung überzeugende Projekte fördern, sie bei der Umsetzung begleiten und auszeichnen. Dafür wird Crowdfunding mit Stiftungspreisgeld kombiniert.

Für die Finanzierung von Projekten und das Preisgeld stellt die Hertie-Stiftung über 200 000 Euro bereit. Der Deutsche Integrationspreis besteht aus zwei Teilen: Der Finanzierung und der Auszeichnung. Bis 9. Mai sammeln alle teilnehmenden Projekte im Crowdfunding-Contest auf der Plattform Startnext Gelder. Die Projekte, die bis zum 30. April die meisten Unterstützer gewinnen, erhalten eine zusätzliche Finanzierung durch die Hertie-Stiftung von bis zu 15 000 Euro. Im Sommer wählt eine Jury unter den erfolgreich finanzierten Projekten die Träger des Integrationspreises aus. Dieser ist mit insgesamt 100 000 Euro dotiert und wird im November in Frankfurt am Main verliehen. Kommentar

Hier der Link zur Kampagne: www.startnext.com/formularlotse

Kommentar: Formulardeutsch als ewige Fremdsprache

Von der Wiege bis zur Bahre – Formulare, Formulare. Schon ein durchschnittlich gebildeter hier Geborener hat zu tun, sich mit Formularen zurecht zu finden. Ganz zu schweigen von dem Beamten- und Formulardeutsch, das eigentlich schon für sich eine Fremdsprache ist. Wie hilflos müssen sich dann Menschen fühlen, die gerade ein paar Monate Deutschkurs hinter sich haben und in deren Heimatländern Formulare und Fristen nicht zum Alltag gehören. Wer in Deutschland etwas will, muss einen Antrag ausfüllen und das immer wieder neu wegen dem Datenschutz. Dann steht der junge Syrer mit dem Bleibestatus und dem Aushilfsjob beim Putzen im Supermarkt vor riesigen Problemen. Er will arbeiten, auch nachts und auf Abruf. Weil sein geringer Verdienst jeden Monat anders ausfällt und nicht zum Leben reicht, muss er jeden Monat zusätzlich einen neuen HartzIV-Antrag stellen. Die Formularlotsen-Kampagne des Döbelner Willkommensbündnisses setzt hier an und sammelt mit modernen Mitteln Geld, um aus der Idee eine deutschlandweit tragfähige Plattform zu machen. Und die kann allen helfen, für die Formulardeutsch eine ewige Fremdsprache ist.

th.sparrer@lvz.de

Von Thomas Sparrer

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