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Döbeln Gerichtschef Lutz Hasselmann - Der Direktor, der nicht diktiert
Region Döbeln Gerichtschef Lutz Hasselmann - Der Direktor, der nicht diktiert
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23:00 26.04.2013

"Fräulein zum Diktat!" - diesen Satz werden die Justizfachangestellten im Döbelner Amtsgericht von ihrem neuen Chef nicht hören. Lutz Hasselmann, der das Döbelner Gericht und seine Hainichener Zweigstelle seit dem 1. Januar dieses Jahres leitet, schreibt alles selbst. Nicht nur die Schriftsätze, die die Verwaltungstätigkeit mit sich bringen, sondern protokolliert den Verlauf seiner Verhandlungen selbst, schriftlich versteht sich, mit dem Computer. Lutz Hasselmann ist nicht nur Direktor, sondern auch Richter. Bei seinen Fällen bleibt die Öffentlichkeit jedoch draußen. Der 53-Jährige Jurist entscheidet, ob und wann jemand in die Psychiatrie muss, weil er nicht mehr Herr seiner Sinne ist. Oder wenn ein alter Mensch nicht mehr allein zurecht kommt und professionelle Betreuung braucht. Im Prinzip fällt darunter das, was landläufig als Vormundschaftsgericht bekannt ist.

"Viele meiner Bescheide habe ich bereits vorbereitet, weil die Sachlage klar ist. Das spart den Mitarbeitern Arbeit", sagt Lutz Hasselmann. Als übergenau oder gar penibel möchte er sich nicht bezeichnen. "Ich versuche immer das Verhältnis zwischen Quantität und Qualität zu wahren", sagt er. "Aber ich bin kein Pedant."

Auf Genauigkeit kommt es auch in seinen Ehrenämtern an, denn Lutz Hasselmann ist nicht nur Richter und Gerichtsdirektor, sondern auch Vorsitzender des Stiftungsrates der Leo-Lässig-Stiftung in seiner Heimatstadt Frankenberg. Diese fördert die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur auf dem Gebiet der bildenden Künste, besonders der Malerei und Gestaltungstechnik. Hier achtet der Jurist mit seinen Ratskollegen darauf, ob das Stiftungsgeld so verwendet wird, wie es in der Satzung steht. Genauigkeit ist auch Voraussetzung für ein weiteres Ehrenamt, das Lutz Hasselmann betreibt. Sogar eine spezielle Ausbildung hat er dafür absolviert. "Als Sekretär beim Handball habe ich eine ähnliche Funktion, wie ein Linienrichter im Fußball", erläutert Lutz Hasselmann. Diese Hilfstätigkeit für den Unparteiischen führt er beim Chemnitzer Handball Club aus. Die sportliche Komponente des Spiels kennt Lutz Hasselmann aus seiner aktiven Zeit. "Bis zu meinem 33. Lebensjahr habe ich leistungsmäßig Handball gespielt, bei einem Verein in der Sachsenliga."

Jurist, Sportler und Musiker - Gerichtdirektor Hasselmanns Leben dreht sich nicht nur um Gesetze, Verordnungen und Paragraphen. Denn in seiner Freizeit greift er zur Gitarre und "schrabbelt", wie er sagt. "Jetzt mache ich nur noch Hausmusik, aber früher bin ich auch in Kneipen aufgetreten." Am liebsten mag Lutz Hasselmann die Stücke deutscher Liedermacher, etwa von Rainard Mey und Franz-Josef Degenhart. Der Griff zur Gitarre gehört ebenso zur regelmäßigen Freizeitgestaltung, wie der Griff zum Buch. Philosophie und Geschichte interessieren den Döbelner Gerichtsdirektor. Dabei wäre das beinah seine Profession geworden. "Eigentlich wollte ich Geschichte studieren. Aber mein Vater sagte, damit kannst Du entweder Lehrer werden oder im Archiv verstauben." Der Vater war selbst Jurist und Richter.

Er öffnete seinem Sohn die Augen für die vielfältigen beruflichen Möglichkeiten, die ein ordentlich abgeschlossenes Studium der Rechtswissenschaft mit sich bringt. Staatsanwalt, Richter, Rechtsanwalt, Notar und Justiziar in einem Unternehmen sind nur einige Facetten der breiten Perspektive der Juristen. So war Lutz Hasselmann nicht gleich nach bestandenem Zweiten Staatsexamen an der Ludwig-Maximilian-Universität München im Staatsdienst tätig. Zunächst arbeitete er bei einer Versicherung in München als Hausjurist. Seit dem 2. April 1991 begann Lutz Hasselmanns Laufbahn im Staatsdienst des Freistaates Sachsen. Der gebürtige Berliner aus dem Stadtbezirk Neukölln war jetzt Richter am Kreisgericht Chemnitz, dem späteren Amtsgericht. Nach fast zwei Jahren als Kreisrichter wechselte Lutz Hasselmann für zehn Monate zur Staatsanwaltschaft Chemnitz, um danach einem Ruf ans Oberlandesgericht Dresden zu folgen. Diese Station gilt in Juristenkreisen inoffiziell als 3.Staatsexamen, als wichtiger Schritt auf Weg in leitende Positionen. Lutz Hasselmann fand die Gelegenheit spannend und interessant, die sich ihm mit der Tätigkeit in Dresden bot. Das Rüstzeug für seine spätere Arbeit als Gerichtsdirektor lernte er als ständiger Vertreter des Amtsgerichtes Hohenstein-Ernsttal. Über Marienberg und Zittau kam Lutz Hasselmann schließlich 2006 nach Hainichen, leitete seitdem das dortige Amtsgericht und nach der Fusion mit Döbeln das hiesige Amtsgericht. Die Justizlandschaft des Freistaates kennt wegen der vielen Arbeitsorte ziemlich gut. Böse Buben hat Lutz Hasselmann jedoch in Sachsen nicht ins Gefängnis geschickt. "Ich habe meistens Zivilrecht gemacht", sagt er.

Und aus dieser Arbeit, die weitreichende Kenntnisse des bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) verlangt, kann Lutz Hasselmann eine rechtsgeschichtliche Anekdote erzählen, die bei modernen Menschen ein Stirnrunzeln hervorruft: Paragraph 1300 sah eine Entschädigung für eine unbescholtene Verlobte vor, die mit ihrem Verlobten Sex hatte, dieser sie aber verließ. "In diesem Fall gab es das sogenannte Kranzgeld. Heute spielt der Paragraf keine juristische Rolle mehr, er ist vor dem gesellschaftlichen Hintergrund aus der Entstehungszeit des BGB zu sehen", erläutert Lutz Hasselmann. Mittlerweile ist der Paragraph 1300 aus dem BGB verschwunden und abgeschafft.

Mit Kranzgeld-Verfahren in der Hainichener Zivil-Zweigstelle des Amtsgerichtes Döbeln wird sich also kein Richter mehr rumschlagen müssen. Da sind eher Nachbarschaftsstreitigkeiten das Tagesgeschäft. In die Verfahren seiner Kollegen hineinreden darf der Gerichtsdirektor seinen Kollegen ohnehin nicht. "Die richterliche Unabhängigkeit ist ein hohes Gut", sagt er. So gehört es statt dessen zum Direktorenamt, die Verwaltungsabläufe des Gerichtes ordentlich zu organisieren, dieses nach außen zu vertreten. Und für Lutz Hasselmann gehört dazu nicht, das Fräulein zum Diktat zu bitten, sondern viele Dinge selbst zu regeln und so vorzubereiten, dass alles reibungslos funktioniert.

Dirk Wurzel

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